02.07.2026

Briefe



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ID: 3162
Geschrieben am: Mittwoch 18.11.1840
 

Verehrtester Freund u. Kunstcollege!
Mein langes, ungebührliches, theils durch ewig u. unaufhaltsam sich drängende Berufsgeschäfte, theils durch so manche, seltsame im Zeitraum dieses Jahres mich betroffne Schicksale herbeygeführtes Schweigen dürfte geeignet gewesen sein, unser bereits seit Jahren bestehendes freunschaftliches [sic] Verhältniß in seiner Grundtiefe zu erschüttern – bei conventionellen an der Form u. Etikette klebenden Naturen möchte wohl dergl. zu vermuthen sein – Sie hingegen, haben mir bereits bei ähnlicher Gelegenheit immer so viel wohlwollende Nachsicht, so viel freundl. Langmuth bewiesen, dß ich auch selbst diesmal die Hoffnung noch nicht aufgebe, Sie durch ein scheues, reumüthiges Geständniß meiner Schuld zu entwaffnen u. zu versöhnen – – zu förderst drängt es mich, zwei Punkte erledigt zu <seh> wissen, die mir so lange schwer auf dem Herzen gelegen haben – Erstlich Ihnen hiermit meinen herzlichen aufrichtigen Glückwunsch zu der erlangten Doctorwürde (nicht wahr? das heißt wirklich post festum kommen – ) abzustatten – zweitens erlaube ich mir, nachträglich, Sie hiermit zu versichern, daß die mir durch Ihre Güte brieflich zugekommne Nachricht von Ihrer vollzognen Verbindung mit einem so ausgezeichneten, geist u. gemüthvollen Wesen mich zur innigsten, lebhaftesten freundschaftlichen Theilnahme angeregt hat – Bei so viel Wahlverwandtschaft des Geistes, bei sich so ähnlicher Gemüthsrichtung u Seelenstimmung, dürfen Sie Beide gewiß sich mit Zuversicht dem süßen, erhebenden Gedanken |2| dauernder, gegenseitiger Beglückung, u. einer steten, innerlichsten, harmonischen Einverstandenheit hingeben – Wenn ich Ihnen hiermit ganz freimüthig erkläre, daß ich Ihre liebe Frau seit [Notenbeispiel] – so was man sagt – erklecklich lieb habe u Sie, Verehrtester, Einiges beneide, so wird Sie, hoffe ich, dies Geständniß nicht im mindesten geniren – – – Aus Ihrer Zeitung sowohl, als bei unsrem Freund Dr Töpken ersehe ich mit Freuden, wie reg u. unermüdlich in allen Arten der musikalischen Produktion Sie sind, am meisten interessirte u befriedigte mich jedoch Ihr Liederkreis v. Heine. Da ich in einem eignen Artikel f. d. M. Z. auf dies Werk zurück kommen will, so enthalte ich mich vorläufig jedes Ausspruchs darüber; nur einstweilen so viel, daß mir: „Ach wüßtens die Blumen[“] (H-dur, C Takt), „Schöne Wiege m Leiden“ (E dur 3/4) u. das Letzte (D dur ) am Besten gefallen – In einem Liede, (ich glaub H moll 3/8) wo von liebender, drängender Hast, u von lästigen, zähen Stunden die Rede ist, ist das nachspielende Ritornell wahrhaft musikalisch plastisch – auch ich hab in letzten Tagen mehrere mitunter nicht unglückl. lyrische Ausbeuten gemacht – Th. Moore Byron, Burns, Rueckert u W. Müller sind jetzt bei mir als Textlieferanten angestellt. Doch bin ich durch fortwährende fehlschlagende Hoffnung u. Aussichten auf ihre endliche Veröffentlichung so entmuthigt, dß es immer eines ganz außerordentl gewaltsamen Anstoßes u. Impulses bedarf, eh’s zum Componiren kommt. Diese allgemeine Entmuthigung wirkt auch auf meine übrige geistige Thätigkeit – sie ist allein schuld, daß Sie so lange keine Beiträge für d. Z. mehr erhalten haben – man wird endlich müde durch so viele vergebliche Anläu-|3|fe, u. ungeduldig durch so viel unnütz verpuffte Anstrengungen u. versinkt in eine starre, apathische Gleichgültigkeit – – Dazu kommt noch die Betrachtung, dß ich dadurch auch jeder Möglichkeit, jeder Aussicht beraubt werde, in pekuniärer Hinsicht mich jemals von dem in Holland mich betroffnen Verlust durch den Ertrag meiner Arbeiten erholen zu können, wodurch mir jedes freie, freudig entschloßne Schaffen verbittert wird, wenn ich sehe, dß so viel musikalisches Mittelgut so viel Schofel u Schrut seinen Verleger u sein Honorar findet, während man mich, der ich mich ohne alle Arroganz zu den Bessern gehörig fühle, fortwährend vornehm ignorirt, oder wenns hoch kommt, um Gottes Gnade Barmherzigkeit willen drucken will – Wäre es Ihnen, lieber Freund, nicht möglich, hierin etwas für mich zu thun, u. mir durch Ihren Einfluß u Empfehlg in Leipzig zu einem Verleger zu verhelfen – namentlich möchte ich so gern das Heft Lieder, die Sie in Händen haben, so bald als möglich veröffentlicht sehen – Außerdem habe ich noch 1 Heft hebräischer Gesänge v. L. Byron u. irländischer Melo[dien] von Moore, mit denen ich endlich einmal hervorrücken möchte – [Sie werden] aus eigner Erfahrung gewiß wissen, daß auch der Unerschrockenste, Beharrlichste zuweilen äußern anregenden Ermuthigungen, jener das Selbstgefühl neu stärkende günstige Wendungen bedarf – jene, die behaupten wollen, der Künstler könne dieser äußern Anerkenntniß, dieser Stärkungen entrathen, sind nüchterne, flache prosaische Naturen, die keine Ahnung haben was in einem Künstlergemüth alles vorgeht, was es bedarf u. was ihm frommt. – Für die Veröffentlichung meines 4st. Liedes in d. M. Z. meinen herzl. Dank – Könnte ich vielleicht durch Sie erfahren, ob ein Liederheft, das ich durch Marschner in Hannover an J. Wunder (Dr Schmidt) besorgen ließ, bereits erschienen oder nicht – Im ersten Falle sind Sie wohl so gütig, dieselben recht bald in Ihrer Zeitung die kritische Revue passiren zu lassen. – –
Zwei größre Musikal. Aufsätze so wie eine Correspondenz aus Bremen werde ich Ihnen im Lauf der folgenden Woche zu stellen, wenn Sie anders noch etwas von Ihrem ci-devant Mitarbeiter wissen wollen, worüber ich Ihrer baldigen gütgen Antwort entgegensehe
Entschuldigen Sie die diesmalige Breite des fast aus den Ufern der Convenienz getretenen brieflichen Stroms. Mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin zu empfehlen, zeich. mit freundschaftl Achtung
Ihr aufrichtig ergebener
C Koßmaly





  Absender: Kossmaly, Carl (861)
  Absendeort: Bremen
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort: Leipzig
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 25
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Nordwestdeutschland / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Michael Heinemann, Anselm Eber, Thomas Synofzik, Jelena Josic und Arend Christiaan Clement / Dohr / Erschienen: 2025
ISBN: ISBN 978-3-86846-050-6
973-977

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 11 Nr. 1724
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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