15.07.2019

Briefe



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ID: 3167 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 18.02.1853
 

Berlin am 18ten Febr. 1853.
Hochverehrter Herr Doctor!
Schon lange ist der Wunsch in mir erwacht, und schon öfters hatte ich die Feder angesetzt, Ihnen zu schreiben, allein es hielt mich doch zuletzt immer der Umstand zurück, daß ich nicht wußte, ob Ihnen auch ein Schreiben von mir genehm sein würde. Jetzt indessen, wo mir etwas Besonderes am Herzen liegt, wage ich den Schritt, in der Hoffnung, daß Sie meine Dreistigkeit, geehrter Herr Doctor, verzeihen werden. Von meinem Freunde Eduard Wilsing ist kürzlich in der Schlesinger’schen Musikalienhandlung ein 16stimmiges De profundis mit Begleitung des Orchesters erschienen, das in der Musikwelt von Bedeutung sein dürfte. Wilsing ist ein großes Talent, aber besitzt neben diesem und seiner strengen Rechtlichkeit große Eigenthümlichkeiten. Dazu gehört, daß er selbst seinen genausten Bekannten sich oft gänzlich verschließt und nur im äußersten Falle, wenn man ihn geschickt zu nehmen weiß, Aufklärungen giebt über seine Absichten und Ideen. Er selbst ist nicht im Stande für sein Werk, das auf Kosten des Königs gestochen, auch nur einen Schritt zu thun, selbst auf die Gefahr hin, daß es Niemand zu sehen bekommt. Mein Wunsch geht nun dahin, daß Sie, verehrter Herr Doctor, das umfangreiche Werk einer Prüfung unterziehen mögen, und, falls es Ihre kostbare Zeit erlauben sollte, eine erschöpfende Kritik eines wirklich Sachverständigen veranlassen wollten. Ich bin so frei, Ihnen hierbei ein Exemplar dieser Composition zu überreichen, und bitte es freundlich entgegen nehmen zu wollen. Dürfte ich Sie nun noch um eine besondere Gunst ersuchen, so wäre es die, mir persönlich Ihre Ansicht in kurzen Worten darüber zu schreiben; jedenfalls würde es Wilsing außerordentlich interessant sein, wenn ich ihm eines Tages die überraschende Mittheilung machen könnte, wie Sie über sein Werk denken. Die Aufstellung der Chöre würde nach Wilsing’s Anspruch folgende sein:

XXXX

Ich leite hier einen kleinen Privat-Gesangverein, aus einigen 30 Personen bestehend, der, da die Mitglieder fast alle musikalisch sehr gebildet und gesangskundig, viel Gutes leistet. Wir singen ausschließlich classische Compositionen und haben kürzlich auch einige Chöre und Soli’s aus dem „Paradies und Peri“ durchgenommen. Ein Lieblingsgesang des Vereins ist der Schlußchor des zweiten Theils „Schlaf nun und ruhe etc“, und ich habe meine große Freude daran, mit welchem innigen Gefühl der Verein diesen Chor erfaßt. Sollten Sie, verehrter Herr Doctor, mit Ihrer Frau Gemahlin nicht einmal wieder nach Berlin kommen wollen? Es ist Zeit, daß endlich wieder Sterne erster Größe unter uns verweilen.
Indem ich wiederholt meiner Aufdringlichkeit wegen um Entschuldigung bitte, ersuche ich Sie nur noch um dies Eine, was mich außerordentlich erfreuen würde, nämlich: mir vielleicht bald eine Antwort zukommen zu lassen.
In größter Verehrung
Ihr ergebenster
Hermann Krigar
Marien Str. No 22.

An
den Kapellmeister Herrn Dr. Robert Schumann
Düsseldorf
frei
hierbei eine Rolle
sig. H.D.S.

Verzeihen Sie diesen Zettel, aber die Post eilt, u der Brief ist schon versiegelt. Hr. Lotze sagt mir eben, ich möchte Sie fragen, ob die Noten angekommen sind, die er Ihnen überschickt hat.
H. K.

  Absender: Krigar, Hermann (13589)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 332ff.
 



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