19.12.2019

Briefe



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ID: 3168 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 02.04.1853
 

Berlin am 2 April 1853
Hochverehrter Herr Doctor!
Sie haben meinem Freunde Wilsing und mir durch Ihr freundliches Schreiben eine unsägliche Freude bereitet, wofür ich Sie ersuche unsern tief-innersten Dank entgegen nehmen zu wollen. Wilsing, der bis jetzt in aller Zurückgezogenheit gelebt, der sich um das Urtheil der Welt nicht kümmerte, versetzte die Stelle Ihres Briefes, in der Sie ihn als Kunstgenossen anerkannten, in eine nicht zu schildernde freudige Aufregung, und ich kann wohl sagen, daß ich ihn niemals so glücklich gesehen habe. Es gebricht ihm augenblicklich, da er den Plan zu einer neuen noch
umfangreicheren Arbeit entwirft, an Zeit, Ihnen, wie er so gern möchte, sogleich zu antworten, um selbst seinen Dank auszusprechen. Er trägt diese angenehme Pflicht mir einstweilen auf, was ich hiermit gethan haben will. Jedenfalls aber schreibt er Ihnen in kürzester Zeit und wird sich Ihnen diesen Sommer in Düsseldorf mit Ihrer gütigen Erlaubniß persönlich vorstellen.
Nun kommt aber eine große Bitte, und ich ersuche Sie hierdurch auf’s freundlichste im Namen der besten Musikverständigen Berlin’s, mir sie nicht abschlagen zu wollen. Ihr Brief ist die beste Kritik über Wilsing’s Werk, die beste, die wohl je erscheinen dürfte. Im Interesse meines Freundes ersuche ich Sie mein hochverehrter Herr Doctor, mir die Erlaubniß zu ertheilen, Ihren Brief dem Druck übergeben zu dürfen. Alle Kritiker Berlin’s bestürmen mich in dieser Angelegenheit, so daß ich keinen Ausweg weiß, als Ihnen diese Bitte vorzutragen. Es thut mir nur leid, daß ich noch einmal Ihre, gewiß so vielfach in Anspruch genommene Zeit durch ein Antwortschreiben beschränke. Die letzte Nummer des naturwissenschaftlichen Blattes „die Natur“ brachte ein Gedicht von „N. Vogl“, das ich so frei bin hier in Abschrift beizulegen. Vielleicht können Sie es irgendwie zur Composition benutzen, wo nicht, so verzeihen Sie mir wohl meinen Irrthum. Ich habe jetzt Sonntags ein stehendes Quintett, Quartett oder Trio bei mir, wo alle Mitglieder ausgezeichnet sind außer dem Klavierspieler. Dieser bin ich. Wir spielen alles vom Blatt, um eben Alles kennen zu lernen. Ihr Es-dur Quintett haben wir schon mehreremal ausgeführt, eben so das D-moll u F dur Trio. Wenn ich nur besser spielen könnte! Empfangen Sie zum Schluß noch einmal meinen herzlichsten Dank für die Freundlichkeit, mit der Sie Sich meines Freundes angenommen.
In glühender Verehrung stets der
Ihrige
Hermann Krigar
Marien Str. No 22.

Im Regen.

Wie fallen
Die Tropfen,
Und prallen
Und klopfen
Auf’s durstende Laub!

Wie schwanken
Und beben
Die Ranken
Und Reben!
Wie wirbelt der Staub!

Doch rauschenden Chores
Erbraust es, erschallt es;
Im Dickicht des Rohres,
Im Zweigicht des Waldes,
Da säuselt’s
Und rieselt’s
Durch’s lautlose Schweigen;
Da kräuselt’s
Und brieselt’s
In Farren und Zweigen.
Da würgen die Düfte
Mit frischem Arom
Der kühlenden Lüfte
Entfesselten Strom.

Schon spinnet in Flöre
Der Regen gemach
Die Wipfel der Föhre,
Der Erle am Bach;
Und grauer und grauer
In Nebel und Schauer
Zerfließet der Wald,
Mit Stämmen
Und Zweigen,
Mit Kämmen
Und Steigen,
Zur Nebelgestalt.

Doch kräft’ger
Und voller
Und heft’ger
Und toller
Entstürzen die hellen
Geschäftigen Wellen

Dem moos’gen Gestein,
Und dringen
Und springen
Die Lehnen hinunter
Und schlängeln sich munter
Durch Anger und Hain.

O selig,
Zu lauschen,
Wie mählig
Das Rauschen
Erfrischt die Natur!
Sei Regen
Gepriesen,
Du Segen
Der Wiesen,
Du Labung der Flur!

Johann Nepomuk Vogl.

(Aus „die Natur“ No 13, 1 April 1853. Halle bei G. Schwetschke)

  Absender: Krigar, Hermann (876)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
336-339
 



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