15.07.2019

Briefe



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ID: 3196 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 05.06.1849
 

Hochverehrter Freund,
Vor allem erlauben Sie mir Ihnen zu wiederholen, was Sie eigentlich nach mir am Besten seit langer Zeit wissen sollten,nähmlich dass Sie niemand aufrichtiger verehrt und bewundert als meine Wenigkeit. Gelegentlich können wir allerdings über die Bedeutung eines Werkes eines Mannes, ja sogar einer Stadt, freundschaftlich discutiren. Für heute, erfreue ich mich insbesondere über die baldige Aufführung Ihrer Oper – und ersuche Sie recht dringend mich davon einige Tage früher in Kenntniss zu setzen, denn ganz gewiss komme ich auf diese Veranlassung nach Leipzig und da können wir auch die möglichst baldig nachfolgende Einstudirung derselben Oper in Weymar besprechen. Vielleicht finden Sie auch da Zeit mir Ihren Faust mitzutheilen. Auf diese Composition bin ich sehr gespannt, und Ihr Vornehmen diesem Werke noch eine grössere Breite und Länge zu geben, scheint mir ganz zweckmässig. – Grossartige Stoffe, verlangen auch meistens grossartige Bearbeitungen. Obschon die Vision des Ezechiels in ihrer kleinen Dimension den Culminationspunkt der Grösse erreicht, so hat doch Raphael die Schule Athen’s und die ganzen Stanze im Vatican, à fresco gemalt. Manfred ist herrlich, passionirend attractiv! Lassen Sie sich nicht davon abhalten; er wird Sie zu Ihrem Faust auffrischen – und die Deutsche Kunst wird mit Stolz auf diese Zwillinge hinzeigen. Schuberth hat mir Ihr Album für die Jugend zugesendet welches mir zum wenigsten sehr gefällt. Ihr prächtiges Trio haben wir mehrmals hier aufgeführt, und ziemlich befriedigend – Wagner hat sich hier und in Eisenach einige Tage aufgehalten; Ich erwarte täglich Nachrichten von Ihm aus Paris, wo er fast sicherlich seinen Ruf und seine Carrière glänzend vergrössern wird – Sollte Ihre liebe Frau (welcher ich Sie bitte mich freundschaftlich zu empfehlen) nicht einmal Lust zu einem ländlich romantischen Ausflug im Thüringer Wald, bekommen? Die Gegend ist reizend, und es würde mich sehr freuen Sie wieder in Weymar zu sehen. Einen sehr guten Flügel, und ein paar verständige Leute, die Ihnen mit wahrer Sympathie und Verehrung anhänglich sind treffen Sie hier.
Jedenfalls aber erscheint als claqueur in Leipzig
Ihr unveränderlich
ergebner Freund
F. Liszt.

Weymar
5 Juny 49 –

  Absender: Liszt, Franz (964)
  Absendeort: Weimar
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 149ff.
 



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