Leipzig, den 20sten Januar 1840.
Verehrtester Herr und Freund,
Auf Ihr freundliches Schreiben bin ich Ihnen länger Antwort schuldig geblieben, als es der Wichtigkeit dessen halber, worin Sie mich um meinen Rath bitten, zu verantworten ist. Längere Abwesenheit von hier, dadurch gehäufte Arbeiten, endlich Verhältnisse nicht musikalischer Art, die im Augenblick mein ganzes Thun und Denken in Anspruch nehmen, haben die Schuld an der Verspätung, die Sie mir nicht als Theilnahmlosigkeit auslegen möchten.
Leider, wie Sie wissen, hab ich Ihr Frl. Tochter nicht gehört. Wie dem sei, Leipzig ist eine gute Musikstadt zur Bildung des Talentes, wie zur Verbreitung des Namens. Der Winter scheint mir aber schon zu weit vorgerückt, als daß es sich jetzt noch der großen Reise verlohnte, als daß Sie den Aufenthalt hier so nützen könnten, als wenn Sie z. B. Michaelis hier einträfen. Unser Hauptinstitut ist, wie Ihnen bekannt, das Gewandhausconcert unter Mendelssohn; im Sommer giebt es gar wenig. Da würde ich eher zu Berlin rathen, wo doch wenigstens das Theater spielt, und eine Gluck’sche Oper da zu sehen, gehört wohl zum Besten, was [es] auf der Welt giebt.
Ueberlegen Sie sich denn, wie Sie die Zeit, die immer kostbar ist, am Besten eintheilen; schreiben Sie mir auch gefälligst von Ihrem Entschluß und seien Sie meines regsten Antheils an der Zukunft Ihres Kindes versichert. Eine Stelle Ihres Briefes verstehe ich nicht ganz, da wo Sie von einem jungen Clavierspieler sprechen „der durch das Spiel Anderer nicht willkommen berührt würde“. Vielleicht klären Sie mich darüber auf.
Florestan und Eusebius8 schlafen nicht; es will nur Alles Zeit und Gelegenheit.
Leben Sie nun wohl, erhalten mir freundliche Gesinnung und grüßen Ihr Frl. Tochter.
Ihr ergebenster
Robert Schumann.
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