19.12.2019

Briefe



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ID: 3435 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 26.01.1851
 

Leipzig d. 26ten Jan. 1851.

Lieber Vetter

Nicht umhin kann ich mit Gelegenheit des Flötisten Claußnitzer, Dir einige Zeilen zu schreiben. Ueber Deinen und vielmehr über Euren beiderseitigen glorreichen, pompösen, famosen und großartigen Empfang in Düsseldorf haben wir uns alle außerordentl. gefreut, Deine ganzen hiesigen Freunde hatten, wie man damals hörte, alle innigen Antheil daran genommen. – Du hast, wie mir Wenzel sagte, schon wieder eine neue Symph. aufführen lassen, wir werden sie doch auch bald hierher bekommen. Deine Bdur Sym. hatten wir vor 14 Tagen. Das Paradies und Peri am Neujahrestage; doch das wirst Du wohl alles wissen. Genoveva war zwar nicht wieder gegeben; wird aber jetzt wieder vorbereitet, wie ich auf dem Repertoir-Zeddel selbst gelesen habe. Rietz, der Deine Genov. so schlecht gemacht hat, hat nun selbst eine traurige Erfahrung gemacht, indem der Corsar hier gar nichts macht. Man kann nicht leugnen, die Oper ist nicht schlecht gearbeitet, mir selbst gefallen 4 Nummern darinn; aber mehr nicht. Wir hatten den Corsar bei der 3ten Vorstellung bei leerem Hause, er wird nicht mehr viel Vorstellungen erleben. Doch bedauert man, und wenn es mein ärgster Feind wäre, die große Mühe u Arbeit u so mit hat mich Rietz auch gedauert, kein einziger Musikus im Orchester hat ihm eine Eloge gesagt. – Du hast ja für Clavier u Hoboe componirt, da kann sich unser Diethe einmal hören lassen. – <Mad.>Frau v. Stranz ist jetzt der Glanzpunkt im Concert, sie hat zwar nur einen Mezzosopran; besitzt jedoch bedeutenden Umfang, hat schöne Stimme, singt gut u NB ist eine schöne Frau. <Gestern> Am <> Donnerstage spielte Littolf ein Concert von sich u 3 Etüden, so weit nett u sauber; doch ist seine Compos. nicht gerade vorzüglich. Der kleine Riccius ist auch nach Dresden als Accessist in die Kapelle gegangen. Zahn ist Concertmstr in Bremen, Joachim in Weimar u an dessen Stelle hier der Dreischock, des Clavierhusaren Bruder, so viel wie Joachim kann er freilich nicht u Wasilewsky ist bei Dir u befindet sich hoffentl. wohl. Grüße ihn herzl. von mir. – Alles verläßt uns, der vorzügliche Bassist Arenz, der nun (nach Temlers Pensionierung) 3/4 Jahr bei uns war, ist auch nach Weimar versetzt worden. – Unser H. Wirsing, der Esel hat jetzt einen schönen Streich gemacht. – In seinem Contract vom Rath hat <>er ausdrückl. die Verpflichtung, das Orchester, was bekanntl. seit 100 Jahren besteht u zeitlebens angestellt ist, zu übernehmen u der näheren Bestimmungen u Bedingungen wegen <hat er>
bekommt vom Orchester der jedesmal. Director auch einen Contract, der aber sehr veraltet ist u den wir schon längst ändern wollten. Darin steht unter andern die alte Floskel: der Director muß 1/2 Jahr vorher kündigen, d. h. er muß 1/2 Jahr vorher anzeigen, wenn er seine Direct. niederlegen will. Die Worte: wenn er die Direct. aufgeben will, stehn aber nicht dabei, weil man voraussetzt, daß sich das von selbst versteht u jeder Direct. hat dieses seit 100 Jahren richtig verstanden. – Im Decbr. nunbekommen wir alle im Orchester auf einmal jeder einzeln einen Brief u dieser Schafkopf kündigt uns den Contract, sich auf obige<s> Sophisterei stützend! u verlangt, daß jeder (er wolle zwar keinen fortschicken) bis zum 1ten Febr. zu ihm aufs Zimmer käme u mit ihm neuen Contract mache. Quod non! – Da will er denn z. B. alles von sich abhängig machen, das Gewandh. Conc. soll denn auch so, wie die Euterpe von ihm abhängen u das Conc. soll manchmal Mittwochs, oder Freitags pp. wie es ihm in seinen Kram paßt, sein. – Er will ferner das Gesetz bei uns von 100 Opern 110 Schauspielen u 60 Proben aufheben u den Ueberschuß nicht mehr geben, sondern lieber unsere Gage erhöhen. Ich habe zum Beisp. jährl. 50 rh. Ueberschuß gehabt, da will er denn lieber die Gage um 20 rh. erhöhen; also soll ich denn 30 einbüßen u er will dann so viel Proben u Vorstellungen halten, wie er will. Kurz Dr. Petzschke hat für uns die ganze Geschichte übernommen u der Rath muß uns schützen. Wir sind auf dem Rathhause mit Handschlag für diese 3 Funktionen, Theater, Kirche u Conc. verpflichtet. Nun <> geht doch von uns zum ersten Febr. niemand zu ihm, dann bin ich neugierig, ob er Miene machen wird, für sich allein ein Orchester zu engagiren u ob daraus ein Prozeß entstehen wird. Der Rathscontract mit der Verpflichtung das Orchest. zu nehmen u unser Contract mit jener <> alten Zopfformel, worinn <die> obige Worte fehlen, scheinen sich allerdings zu widersprechen. Der bejahende Contract hebt aber doch den scheinbar verneinenden auf. Die ganze Sache ist doch nun eine mit Haaren herbeigezogene schurkische Spiegelfechterei! – Unsere Hornisten lassen Dich grüßen u Pohle namentl. Dich an ein altes Versprechen erinnern, das hast Du wahrscheinl. vergessen. Pohle versichert mir näml., Du hättest ihm <(oder allen 4>, ein Exemplar (Partitur oder Stimmen) vom Horn-Quartett-Concert zum Praesent versprochen damals, als sie es hier bliesen, gedruckt wäre es schon längst, Du hättest es aber bis jetzt nicht geschickt. Freil. würdest Du dem Pohle eine große Freude damit machen. – Den Flötist Claußnitzer will ich hiermit Deinem gütigen Wohlwollens [sic] bestens empfohlen haben. Sollte ich zum Sommer noch zur Ausstellung nach London reisen, so wäre es wohl mögl., daß ich Dich in Düsseldorf eines Tages unerwartet überrumpelte. Wenzel u Dr. Reuter lassen Dich herzl. grüßen. Dr. Reuter hustet noch langsa[m?] so fort u wird sich wohl noch einige Jahre so hinschleppen. Riccius dirigirt die Euterpe wieder,30 die gerade nicht sehr stark besucht ist, desto mehr aber das Gewandhaus. Was soll daraus werden, der Saal ist nun offenbar zu klein. Wir haben jetzt hier einen ungeheuren Saal in der Centralhalle. Wir waren bei Einweihung des Saales, worinn die Gesellschaften, Tunnel, Concordia pp. einen großen Ball u Concert vorher hielten, so gnädig u herablassend auf Bitten jener Gesellschaftenu machten daselbst unt. Rietzens Dirct. ein Concert, worin David Solo spielte u die Maier u Behr sangen. Deine Schwägerin Marie Wieck wird bald kommen, um wieder in der Euterp. zu spielen. Der Alte war mit ihr vor Weihnachten lange hier, wo wir bei Bretschneiders oft miteinander waren u <NB> im Bierhause. Die Marie singt auch jetzt, was uns doch etwas überrascht hat, natürl. etwas musikalischer u reiner, als jene Minna damals; die aber doch auch ein hübsches Frauchen geworden ist u recht glückl. mit ihrem Günther lebt; obwohl der Alte nichts von ihr wissen will. – H. Gott! jetzt eben merke ich, daß ich 4 Seiten geschmiert habe! Du wirst mich eine schöne Plaudertasche schelten. Grüße Dein liebes Klärchen herzlich von mir u küße Deine lieben Engels-Kinderchen in meinem Namen. Vergiß Pohlens Concert nicht oder schreibe mir einmal deshalb, wenn es ein Irrthum oder eine Einbildung von Pohlen sein sollte. In alter Lieb u Freundschaft verharrt Dein Dich aufricht. liebender Vetter Ernst £.

Lortzings Tod hat hier auch allgem. Theilnahme erregt, auch werden wie in Berlin Benefiz-Vorstell. für die Familie gegeben werden. Meine Verwandte Bleskys in Bautzen sind noch sehr betrübt u angegriffen von dem Tod ihrer lieblichen 17jährigen Agnes! Das Nervenfieber hatte dort einige meiner Univers. Freunde weggerafft.

[BV-E, Nr. 4104:] E. Pfund. [beantwortet:] + [Versand:] d. G.

  Absender: Pfundt, Ernst Gotthold Benjamin (1183)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
637-643
 



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