19.12.2019

Briefe



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ID: 3439 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 18.02.1851 bis: 09.03.1851
 

Carlsruhe d. 18. Februar 51.
(An Luthers Todestag.)
Haben Sie tausend Dank, verehrter Mann, für die ebenso freundliche als schnelle Beantwortung meines Briefes und für die, mir sehr schätzbare, Beilage. Beides traf mich, schon mitten in der Bearbeitung des Textes, mit dem ich seit 8 Tagen begonnen habe; u. war mir um so willkommener, als jetzt noch nicht Viel verloren ist, wenn das, was ich bereits gearbeitet habe, von Ihnen verworfen wird. Denn das Fertige, das ich Ihnen, zur Probe und Kritik, einsende, ist nicht ganz in ihrem Sinn, hoffentlich auch nicht gegen denselben. Ich bin gern bereit, meine Intentionen aufzugeben, und will in Ihrem Sinne zu arbeiten mich bemühen – zuvor aber soll die beifolgende Probe, die Sie auf jeden Fall behalten können, Ihnen zeigen, wie ich mir die Behandlung gedacht habe. Ich muß Sie also bitten, mir nochmals zu schreiben, theils um das zu beantworten, was in meinem heutigen Brief etwa noch berührt wird, – theils um mir offen zu sagen, ob ich so fortfahren soll u. kann; oder nicht; was Sie geändert wünschen; was ich in Zukunft vermeiden soll; etc. – um auf diese Art für spätere Zeit Besprechungen in ähnlicher Weise unnöthig zu machen und mir etwaige überflüssige Arbeit zu sparen. Ein dritter denkbarer Fall, auf den ich schon vorbereitet bin, wäre der, daß die beifolgende Probe hinreichte, Sie zu überzeugen, daß ich weder zu dieser Arbeit, noch zu Ähnlichem befähigt sei, und daß es am Besten sei, es bei diesem ersten Versuch bewenden zu lassen. – Ist dies Ihre Ueberzeugung, so bitte ich, sprechen Sie dieselbe unverholen aus. Es ist besser, daß es jetzt geschieht, als nach Vollendung des Ganzen, das mir, wie ich jetzt schon sehe, ebensoviel Zeit rauben wird, als das Detailstudium wirklich mühevoll ist, zumal bei den elenden Hilfsmitteln, die sich hier mir darbieten. Es ist sogar sehr möglich, daß die unzureichenden Quellen der geistesarmen Residenz mich zwingen, nach Leipzig zu gehen, wo ich freilich ganz anders arbeiten könnte. Damit nun meine weiteren Schritte nicht vollkommen nutzlos geschehen, bitte ich Sie dringend, mir schnell und kurz Ihre Meinung zu sagen. Um zweifelhafte Erfolge kann u. darf es sich hier nicht handeln, und deshalb will auch ich Sie nicht Monate lang hinhalten, um Ihnen dann ein Machwerk zu repräsentiren, das Sie nicht brauchen können.
Zur Beurtheilung des Stiles sowie der Art der Behandlung reicht die Probe hin; zur Uebersicht über das Ganze reicht der Plan wohl aus, den ich beilege. Er stimmt mit dem Ihrigen fast in Allem überein, wie vorher der Ihrige mit dem meinen, was mich nicht wenig überraschte u. mir Muth machte. Wahrscheinlich haben Sie, meine Skizze zur Grundlage nehmend, die Idee wohl nachher weiter verfolgt u. ausgebildet. Das eine wie das andere sei mir aber ein gutes Zeichen. Einen detaillierteren Plan zu geben, als der beiliegende, bin ich nicht im Stande. Dies liegt theils in der Art u. Weise, wie ich zu arbeiten gewohnt bin, theils in den unzureichenden Hilfsmitteln für das Detail, theils darin, daß ich gezwungen bin, das Detail für jede einzelne Szene erst vor ihrer Bearbeitung zu studiren, um nicht Eins in’s Andere zu vermienen u. um jeden Ausspruch, etc. an die historisch richtige Stelle zu bringen. Sie scheinen sich in Ihrem Plane, besonders was Katharina betrifft, an Werner gehalten zu haben. Das trifft ganz mit mir überein, und darum kann die „Weihe der Kraft“ in zweifelhaften Fällen wohl einen glücklichen Haltpunkt gewähren.
Die Bearbeitung hat keine Schwierigkeiten da, wo die Dichtung dramatisch sein darf, wo Luther mit historischen Worten eingeführt werden kann u. wo die Thatsachen zur Seite stehen. Weit schwerer ist der Theil des Oratoriums, in welchem entweder die Quellen uns verlassen, oder der, der Natur der Sache nach, erzählend reflectirend sein muß, weil die Handlung stillsteht oder nicht zur Aufnahme geschickt ist. Dies gilt besonders von der Einleitung u. der Ausfüllung zwischen den Hauptmomenten. Darum habe ich denn auch mit der Einleitung begonnen, u. Ihnen als Probe gerade das ausgewählt, was ich den reflectirenden Theil nenne. Genügt Ihnen diese Behandlung dieser Stelle, dann ist mir für das Andere nicht bange, denn das Dramatische macht sich gleichsam von selbst.
Ueber die musikalische Form bin ich nicht überall klar. u. das werden Sie einem Laien verzeihen. Ich denke, die kann ich Ihnen getrost allein überlassen. Aber ich bin entschieden gegen das erzählende Recitativ. Sie haben sich darüber nicht ausgesprochen, Ihr Plan sagt mir aber, daß es im günstigsten Falle doch immer eine sehr große Rolle spielen soll. Sie sagen zwar selbst, daß alles Unnöthige ausgeschieden und das Erzählende und Reflectirende vermieden werden soll, zeigen aber in Ihrem Plan, daß es nicht möglich ist; denn er enthält des Erzählenden genug. Das ist mir eine große Genugthuung, denn mir ist es ebenso gegangen. Das Erzählende und Reflectirende läßt sich einmal nicht vermeiden, denn wir sind im Oratorium, nicht in der Oper. Aber die Form, unter der es auftritt, kann allerdings sehr verschieden sein, und in dieser Hinsicht bin ich gegen die Recitative, u. das Erzählen einer Solostimme. Wollte ich darauf eingehen, so hätten wir alle Fehler der früheren Texte, nämlich die der eintönigen Verbindungen u. gehaltlosen Ruhepunkte. Ich weiß wohl, daß Sie das Recitativ ganz anders bearbeiten werden, als Alle zuvor, ich weiß auch, daß es nicht zu verbannen ist – aber wozu eine übermäßige Ausdehnung? Sie selbst stellen mir die Aufgabe, die ich mit Freuden acceptire, daß ich Ihnen Gelegenheit zu Chören geben soll, wo ich kann. Sie wollen dieselbe Rolle für den Chor, die Händel in seinem Israel in Egypten dem Chor ertheilte. Das ist durchaus meine Ansicht, aber nicht anders zu erreichen, als wenn wir die Erzählung, statt durch Einzelstimmen, im Chor mit Solo, im reflectirenden Gewande, erscheinen lassen. Nennen Sie es nun erzählend, reflectirend, recitativisch, oder sonst – diese Chöre geben uns unbedingte Freiheit, da wir sie anbringen können, wie u. wo wir wollen – während die Chöre in der Handlung gezählt sind u. wenig Freiheit gestatten. Gerade den Händelschen Chor in Israel nenne ich erzählend u. reflectirend – und da Sie nur dieses Oratorium als Muster anführen, ist das mir ein Grund mehr, mich daran zu halten. Die beiliegende Probe sagt Ihnen auch hier, wie ich mir den Chor behandelt denke, u. welche Rolle ich ihm zuzuschreiben beabsichtigte. Ihrem Verlangen, Doppelchöre zu geben, kann ich leicht entsprechen, wenn ich sie nur so anbringen darf, wie u. wo ich sie mir gedacht habe, nämlich im zweifachen Sinne, und gerade an den dramatischen Ruhepunkten.
Ich theile den allgemeinen Chor 1) in den klagenden, flehenden u. wankenden, u. 2) in den tröstenden, strafenden u. glaubenden. Dadurch ist die Form nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar bedingt. – Die übersinnlichen Wesen, deren Eingreifen Sie verbannen wollen, sollten durchaus nicht in die Handlung eingreifen, sondern nur mit dem Chor abwechselnd die Verbindung übernehmen, wodurch zugleich die weiblichen Soloparthien gerettet wären, indem man ihnen eine characteristische Rolle zutheilte, die freilich im Dramatischen selbst nicht bedingt wäre, aber auch, mit Ausnahme der Katharina, dort kaum zu realisiren ist. Auch hiervon giebt die Beilage eine Probe, wobei ich bemerke, daß die Erscheinung der Engel sich nur am Finale des letzten Theiles und in der Mitte des 2ten Theiles wiederholen sollte.
Den Versucher und Huß haben Sie selbst beibehalten, Wikleff u. A. habe ich selbst gestrichen, nur Savonarola wünschte ich zu behalten, um die erste Vision in der Art beibehalten zu können, wie ich sie Ihnen hier übersende, – nämlich im Einklang mit der Offenbarung Johannis, die ich ganz besonders zu benutzen gesonnen bin, theils, weil sie vielfach im Sinne der Reformation ausgelegt worden , theils, weil sie zu Texten noch wenig oder gar nicht benutzt worden ist. Zur Beurtheilung der beiliegenden Probe sei nur noch gesagt, daß sie der erste Entwurf ist, noch ohne Feile u. objective Kritik, weil sie erst in diesen Tagen entstanden. Ich habe die Absicht, das Oratorium genetisch hintereinander fortzuarbeiten, und nach dieser Vollendung im Großen erst eine Umarbeitung und Sichtung vorzunehmen.
II.
Das Streichen und Kürzen ist übrigens ein Geschäft, das zuletzt kommt, und das ich am Besten Ihnen selbst überlasse. Der Componist sieht mit ganz anderen Augen, als der Textdichter, abgesehen davon, daß Sie ein viel feineres u. ästhetisch gebildeteres Gefühl haben, als unser Einer. Ich denke also, daß ich das Oratorium so breit u. mächtig u. massenhaft bearbeite, als ich es nur immer fühle. Ich ziehe vor, Unwesentliches und Entbehrliches hineinzuziehen, als Wesentliches zu vergessen oder zu flüchtig zu behandeln. Dann erst mögen Sie das Messer anlegen, u. wegschneiden. Das läßt sich besser machen, als das Hinzusetzen. Ich mag auch darum nicht selbst streichen, weil der Componist am besten weiß, was er brauchen kann u. was nicht. Sie ziehen vielleicht vor, einen Chor zu streichen, statt einer Arie, – ich würde es vielleicht umgekehrt gemacht haben, etc. – Endlich aber weiß ich gar nicht, welchen Maßstab der Zeit ich anlegen soll. Dazu fehlt mir theils die Erfahrung, die Sie im vollen Maße besitzen, theils kann nur der Componist wissen, wie lange die Musik dauert, denn der Text ist bald gelesen.
Und sie haben sich auch nicht darüber ausgesprochen, ob Sie durchkomponiren wollen oder Wiederholungen gestatten. Im ersteren Falle kann man in einer ½ Stunde viel Text consumiren, im letzteren nur eine Seite. Ich nahm das Durchcomponiren an – wollen Sie Wiederholungen, so bietet der reflectirende Theil des Oratoriums geduldig sein Haupt dem Beil dar. Bis dahin aber lassen Sie ihn leben, denn vor der Hand raubt er Niemand die Zeit, als mir.
Dies gilt besonders von der Einleitung, die mir wahrhaftig sauer genug geworden ist, so simpel sie auch ist. Ich habe sie mir als Prolog oder Vorspiel gedacht, um ein Résumé des Ganzen zu geben. Sie sollte somit die Stelle einer Ouverture vertreten, die mir in die Oratorien niemals recht gepaßt hat. Sie können natürlich diese ganze Einleitung sogut streichen, als Sie die Ouverture auch weglassen können. Der Text verliert gar Nichts, wenn Sie gleich mit No. V. beginnen. Aber meine Pflicht ist vor Allem, Ihnen keine Grenzen zu ziehen, Ihnen Freiheit u. Auswahl zu lassen, und Sie nicht an einen ganz bestimmten Gang zu fesseln. Darum sende ich Ihnen den Eingang zum Annehmen oder Verwerfen. Ich habe mich nur zu entschuldigen, daß ich mir erlaubte, auch zu skizziren, wie ich mir hier und da den musikalischen Gedanken dachte. Verzeihen Sie mir diesen Vorwitz, er ist zum Wenigsten unschädlich.
Der Parthie der Katharina werde ich die möglichste Ausdehnung zu geben suchen. Ich kann mich hierbei an Werner halten. Wo aber die 2te Sopranparthie herkommen soll, mag Gott wissen. Man müßte dann so eine Art Therese adoptiren – aber wo bliebe dann der Grundsatz, nur streng historisch zu verfahren und Alles Unwesentliche auszuscheiden? Gerade darum wollte ich 3 Engel placiren, um den Sopranen im Terzett, Solo u. Quartett mit Katharina einigen Spielraum zu geben.
Luthers Verhältnis zur Musik, das natürlich erwähnt werden muß, wird nur eine geringe Rolle spielen können. Denn derlei Aussprüche sind schwer unterzubringen. Auf der Wartburg ist eine geschickte Stelle dazu, und die Reise nach Worms giebt auch Gelegenheit, wenn ich sie dramatisch, u. nicht erzählend fasse. Wo sonst noch, weiß ich vor der Hand nicht. Doch werde ich mein Möglichstes thun. Wenn Sie mir zu diesem Behufe das, was Sie darüber besitzen, senden wollen, würden Sie mich sehr verbinden. Wenn ich nach Leipzig ginge, würde ich Alles finden. Hier bin ich sehr verlassen. Von Ihrer Entscheidung soll es abhängen, ob ich früher nach Leipzig gehe, um Ihren Ansprüchen besser genügen zu können. Ein Ja oder Nein – als Kritik beifolgender Probe, – ist genug. Diese Kritik aber, von der das Weitere abhängt, geben Sie mir recht bald, dann werde ich Sie so bald nicht wieder belästigen. Wollen Sie vielleicht, um mit dem Componiren bald beginnen zu können, jeden eingegebnen Theil überschickt haben, sobald er fertig ist, so bitte ich, mich im nächsten Briefe darüber zu instruiren.
Und nun mit Gott! Demuth habe ich wohl, aber mit dem Muth sieht’s traurig aus! – Geschieht wohl, daß man manchen Tag Weder sich noch andere leiden mag, Will nichts Dir nach dem Herzen sein;
Sollt’s in der Kunst wohl anders sein? (Göthe)
Ihr treu ergebener, unwandelbarer Verehrer
Richard Pohl

Nachschrift am Beethoven-Tag.
Eine wiederholte zweimalige Umarbeitung des Planes, (der mir in keiner Gestalt genügen will, weil er einmal zu wenig, einmal zu viel giebt), hat mich solange aufgehalten, u. ich bitte deshalb um Verzeihung. Weit weniger als der Plan genügt mir noch der Text. Wollte ich diesen aber auch jetzt schon bearbeiten, so käme dieser Brief noch lange nicht fort. So möge er denn hingehen, ich verspreche mir aber nicht viel Gutes davon. – Auch unter den Plan schreibe ich, was die Kaufleute unter ihre Conté Correnté: „Irrthum vorbehalten“. Ich unterschreibe nicht, daß ich an dem Plan eisern festhalten werde, u. Alles Detail so lasse, wie es die Skizze andeutet. Ich kann das nicht versprechen, weil die guten Gedanken nicht immer kommen, wenn man sie braucht, und weil die Bearbeitung erst manche Mängel, Lücken u. überflüssige Dinge aufdecken wird, die man im Plan nicht gewahr wird, wo man sich Alles leichter und einfacher denkt, als es ist. Die Benutzung der volksthümlich-alt deutschen Literatur ist mir auch noch zu dürftig, u. bewegt sich in zu engem Kreise. Hier konnte ich aber nicht anders, da mir die Quellen fehlen, u. ich nur die Lieder, etc. in den Plan verweben konnte, deren ich mich zufällig erinnerte. Also gerade diese Rubrik muß ich möglichst offen lassen, bis ich in Leipzig bin. Doch könnten Sie Selbst mir wohl mit Rath u. That (sei es auch nur durch Aufschreiben einiger Titel u. Liederanfänge) hier am Besten beistehen. Den Grundsatz aber denke ich festzuhalten, zu den Chorälen nur Lutherische Texte zu nehmen. Was sonst noch Choralähnliches vorkommt (von Hans Sachs, Just. Jonas, etc.) denke ich mir in Liederform gearbeitet. Auch die Lutherschen Choräle denke ich mir in dreifacher Behandlung:
1) Einige in reiner Choralform, mit Lutherscher Melodie.
2) Andere nur mit dem Choralmotiv, in freier Bearbeitung.
3) Endlich Andere nur mit Beibehaltung des Textes, doch mit Behandlung als Lied, Arioso, etc. nicht als Choral.
Ich habe mir erlaubt, dies auch im Plane anzudeuten, doch nicht allenthalben.
Der beifolgende Plan ist ein doppelter. Um ihn nicht zweimal abschreiben zu müssen, habe ich ihn doppelt numerirt. Die schwarzen Nummern, (XXII, und 64) gelten für den größten Plan, den ich am liebsten bearbeitete, weil er mir am Meisten organisch dünkt. Doch habe ich keine Hoffnung, daß Sie ihn annehmen. Darum birgt dieser größte Plan zugleich den kleinsten in sich, der Nichts als eine Kürzung u. Zusammenziehung des großen ist. Dieses Minimum umfaßt, mit blauen Ziffern bezeichnet (XIV, 38) Nummern. Die blauen Klammern bedeuten Vorschläge theils zum Auslassen, theils zum Zusammenziehen der schwarzen Nummern, im Fall Sie ein Minimum wünschen. Die blauen Nummern sind die Nothwendigsten u. Unentbehrlichen, wie mich dünkt, doch steht es Ihnen natürlich frei, auch andere zu wählen, u. blaue Nummern wegzulassen; – oder ganz Neue hinzuzufügen. Die doppelte Nummerierung ist nur ein Vorschlag, wie ich mir eine Kürzung denke, wenn Sie dieselbe nöthig finden. Wünschenswerth wäre es, wenn Sie sich jetzt schon definitiv darüber aussprächen. Ich bitte Sie also, eine geeignete Auswahl und Entscheidung zu treffen, und mir dann, zur Vermeidung weitläufiger Erklärungen, nur die lateinischen Hauptnummern und fortlaufenden musikalischen Nummern, nach der schwarzen Nummerierung zu notiren, die Sie beibehalten wollen. Beifolgender Plan bleibt natürlich in Ihren Händen, um die Communication zu erleichtern. Die rothe Schrift bezieht sich theils auf das Musikalische, theils bezeichnet sie die fremden Texte, die ich dem Oratorium verweben mögte. Wegen meiner musikalischen Ideen muß ich mich nochmals entschuldigen – sie kommen mir unwillkührlich. Mir gebührt darin keine Stimme, aber lieb wäre es mir doch, wenn Sie das 7 fach wiederholte Posaunenthema, wozu mich die Offenbarung Johannis anregte, beibehalten könnten.
Trotzdem, daß Sie Hutten u. die 3 Engel verbannt haben, habe ich sie doch eingeführt, letztere gelten aber nur für den größten Plan. Huttens Parthie ist so eingerichtet, daß sie mit der anderen Tenorparthie von einer Stimme gesungen werden kann, ohne zu collidiren. Denn mit dem 2ten Theil, wo Hutten eintritt, ist die Parthie des erzählenden Tenors zu Ende. Ebenso sind 2 Bässe für die Nebenrollen genug. Um Soli zu ersparen habe ich es so eingerichtet, daß 1 Baß je 4 Parthien singen kann, wenn es nöthig würde. – Nun noch ein Wort wegen Catharina. Es ist meinem Gefühl vollkommen zuwider, die Trauung mit Luther auf die Szene zu bringen, zumal da die Urtheile über diesen Schritt noch sehr getheilt sind, u. diese Szene die einzige sein könnte, an der man Anstoß nehmen kann. Doch abgesehen davon wüßte ich gar nicht, wie diese Scene zu machen sei. Ich bedürfte neuer Personen, u. mehr Raum u. Zeit für die ganze Handlung, als für historisch wichtige, die ich nur stiefmütterlich behandeln kann. Mir däucht, durch das Duett No. 54 u. Luthers Choral,
zum Preis der Ehe, ist diesem Acte hinlänglicher Tribut gezollt. Nur ganz gewichtige Gründe könnten mich bestimmen, hier meine Ansicht zu ändern. Auf baldige Antwort hoffend, in treuer Ergebenheit – der Obige.
2te Nachschrift.
Eine längere Krankheit verzögerte das Abschicken beifolgender Manuscripte, und somit die Absendung des Ganzen. Der Brief ist dadurch 4 Wochen alt geworden, was ich mit innigem Bedauern und mit der herzlichen Bitte gewahr wurde, mir diese Verzögerung zu verzeihen, die nicht mit meinen Wünschen übereinstimmte; und mir dieselbe nicht durch eine ähnliche Verzögerung Ihrer Antwort zu vergelten. Denn einer baldigen Antwort bedarf ich jetzt um so mehr, weil soviele Zeit nutzlos vergangen ist durch meine Krankheit. Ich habe mich entschlossen, jedenfalls nach Leipzig zu gehen, u. zwar bis 24 März schon dort zu sein. Schreiben Sie mir schon vorher – was ich aber kaum erwarten kann – so treffen Sie mich bis 20. März per Adr. Mad. Eyth, Carlsruhe, Linkenheimer Straße No. 6. – Vom 20 März an per Adr. Dr. Pohl, Leipzig, Königs-Straße No. 6. – Jedenfalls bitte ich Briefe und Pakete direct zu schicken, und nicht durch Whistling.
Das beifolgende Manuscript von Luther erwartet Ihr Urtheil, und wahrscheinlich auch Ihre Kürzung. – Verfahren Sie ohne Schonung, ganz nach Gutdünken. So wie es ist, kann es nur in einem Falle bleiben, wenn Sie nämlich den Plan von Luther erweitern anstatt ihn einengen wollen. Mir ist nämlich während der Bearbeitung die Idee gekommen, ob man den Luther nicht in 2 Haupttheilen schreiben u. componiren könnte, jeden Haupttheil zu 2 Abtheilungen. Das gäbe dann 4 Theile statt 3, – das Ganze würde an Umfang zunehmen, aber auch an Klarheit, Ausführlichkeit und Zeiteinheit gewinnen. Die erste Abtheilung des 1. Theiles würde dann das umfassen, was ich Ihnen heute übersende, und das Ganze sich dennoch entsprechend anders gestalten, breiter, aber auch tiefer werden. – Die Hauptsache bei einer Eintheilung in 2 Haupttheile wäre die, daß man sie getrennt aufführen könnte, und vielleicht müßte. Das wäre aber kein Nachtheil. Luther ist ein Stoff, so gewaltig wie Heinrich IV. u. Faust . Wenn die größten Dichter den Gedanken fassen konnten, ihre Dichtungen zu theilen, so ist es wohl dem kleinsten erlaubt, an Ähnliches wenigstens zu denken. Ich glaube schwerlich, daß Sie darauf eingehen werden, und verdenke Ihnen gar nicht, wenn Sie entschieden ablehnen, Ihr Oratorium zu verschiedenen Zeiten aufführen zu sehen – aber ich mache den Vorschlag zunächst im Interesse des Stoffes. Ihr Verlangen, das Oratorium auf 2 ½ Stunden zu reduziren, scheint mir ein unmögliches, wenn wir dem Stoff nicht Gewalt anthun, der in seiner Bedeutung und historischen Reichhaltigkeit zugleich verlangt, daß man ihn genetisch, treu, großartig, – und nicht unhistorisch, ja unlogisch behandelt, und ihn nach der Uhr abreißt. Man könnte demungeachtet das Oratorium an einem Abend aufführen – giebt es doch Opern, die 4–5 Stunden dauern. Ich könnte auf diese Art auch meine Lieblinge, Hans Sachs u. Sickingen unterbringen – doch genug hiervon. Sie werden nicht darauf eingehen. Also streichen Sie in Gottes Namen, ich kann es nicht, mir thut es weh – nicht um der schlechten Verse, sondern um den Stoff. Dann halten Sie sich lediglich an den alten Plan in 3 Theilen, und schreiben Sie mir die schwarzen Nummern derselben auf, die Sie beibehalten wollen.
Noch Eins. Mir fehlt ein Text zu einer großen lateinischen Messe, aus welchem ich ein Dies irae, etc. entnehmen kann. In Ermangelung desselben nahm ich die wenigen Worte des Dies irae aus dem Faust, die aber nicht so bleiben können, sondern vervollständigt u. theilweise ersetzt werden müssen. Können Sie mir wohl, – im Fall Sie mich noch ferner brauchen können – einen vollständigen lateinischen Text schicken, oder mir angeben, wo ich ihn, gedruckt oder geschrieben, erhalten kann?
Und nun leben Sie wohl! Verzeihen Sie mein langes Schweigen, u. erfreuen Sie mich recht bald durch Antwort, sie sei, wie sie wolle. Die Kunde von Ihrer 3ten Symphonie habe ich mit Jubel empfangen! Ihr treuer Verehrer
Richard Pohl.

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
353-362
 



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