19.12.2019

Briefe



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ID: 3441 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 06.06.1851
 

Leipzig. 6 Juni 51
Hochverehrter Mann,
Verzeihen Sie mir das lange Schweigen, das für Ihren herrlichen Brief, der mir in jeder Hinsicht Muth und Hoffnung wiedergab, ein schlechter Dank scheint, und Sie zu der Annahme verleiten könnte, daß ich Ihre freundliche Aufmunterung und das Glück, mit Ihnen gemeinschaftlich arbeiten zu können, nicht zu schätzen wisse. Ich habe, seit Empfang Ihres Schreibens, Sie und Luther keine Stunde aus den Augen verloren – und Beide haben mir recht viel Noth gemacht. Die Unmöglichkeit, auf den ersten Wurf das Rechte zu treffen, leuchtete mir von vornherein so deutlich vor, daß Ihr Ablehnen des Uebersandten mich durchaus weder überraschte, noch entmuthigte. Ich hatte mir Schlimmeres erwartet und war auf vollständiges Ablehnen des ganzen Stoffes, oder wenigstens meiner Bearbeitung, gefaßt. Darum machte Ihre Aufforderung, es von Neuem zu versuchen, in mir auch neue Kräfte rege. Weit entfernt, mich von Schwierigkeiten abhalten zu lassen, steigern Sie mir das Streben nach dem schönen Ziel – Ihnen ein Werk liefern zu dürfen, mit dem Sie zufrieden sind, und auf das Sie schöpferisch und reformatorisch fortbauen können. Seien Sie versichert, daß, solange Sie nicht Muth und Lust verlieren, mit mir das Werk zu versuchen, und solange Sie es nicht verschmähen, mit mir die Irrwege der Versuche u. Proben zu gehen, um mich auf den rechten Weg zu leiten, – ich nimmermehr ermatten werde, und sollten Jahre darüber hingehen. Soweit es an mir ist, und in meiner Macht liegt, soll Luther vollendet werden, unter jeder Bedingung – mögten Sie nur dem Anfänger immer wie jetzt so freundlich unter die Arme greifen und ihn nicht verlassen! – Das hatte ich gefürchtet, und darum gaben mir Ihre Worte neues Leben! Warum ich nicht sogleich antwortete, hatte seinen Grund nur darin, daß ich nicht mit leeren Händen kommen wollte, und daß das Wie? und Wann? zwei Fragen sind, über die ich allein, u. ohne Ihre Hilfe, schwerlich in’s Klare kommen werde. Da Sie durch Whistling mich erinnern ließen, darf ich keinen Augenblick mehr zaudern, und komme daher zunächst mit leeren Händen. Doch erhalten Sie durch Whistling in circa 10 Tagen ein neues Paket. Es enthält Nichts Wesentlich Neues, nur einen neuen Plan und das, was Sie bereits in Händen haben, auf 1/3, d. h. auf 6 Nummern reduzirt u. Etwas verändert. Mehr kann ich im Augenblick nicht thun, aus zwei Gründen. Einmal ist es nicht möglich, fortzuarbeiten, bevor Sie den Plan genehmigt, und wir ihn durchgesprochen haben, und dann werde ich in den nächsten 10 Wochen nicht im Stande sein, erheblich Neues zu leisten, weil meine Doctorpromotion mich ganz in Beschlag nimmt. Doch werde ich in dieser Zeit das vollständige Material sammeln, u. mir über das Detail so klar werden, daß die Vollendung dann Ende September in Aussicht steht. Sehr schmerzlich wäre es mir, wenn Sie in dieser Verzögerung eine Mißachtung oder Unlust erblicken wollten, die mir so fern liegt, daß ich mir sehnlichst wünsche, Sie mögten durch das Hinausschieben nicht veranlaßt werden, den Luther aufzugeben. Ehe das geschehen soll, bin ich lieber erbötig, Alles bei Seite zu lassen, und für Sie zu arbeiten. – Doch fürchte ich noch nicht, daß dieser extreme Fall eintreten wird – da ein solches Werk doch nicht um einer Verzögerung von wenig Wochen Willen, unterbleiben soll und darf. – Uebrigens kann ich mit dem besten Willen auch jetzt Nichts thun, bis wir über den Plan vollkommen einig sind. Und dies ist der Hauptpunkt. Sie gehen darauf nicht näher ein, sondern überlassen mir die ganze Anordnung. Nun wissen Sie aber wohl, wie schwer es ist, sich bei Aenderungen von den einmal gefaßten Ideen loszureißen, und eine vollkommene Regeneration eintreten zu lassen. Ich habe über Luther schon zu lange u. zu viel gedacht, um hoffen zu können, dabei auf vollständig neue Gedanken zu stoßen. Im Wesentlichen bleibt also auch der Plan der alte, nur daß bedeutende Kürzungen eintreten. Genügt Ihnen das nicht, und wollen Sie ganz Neues? Dann bedarf ich Ihrer Hülfe, u. einer durchgreifenden Besprechung, sei es schriftlich oder mündlich. Sie haben den Wunsch ausgesprochen, daß ich zu Ihnen kommen soll. Diese Aufforderung hat mich unendlich erfreut, und stimmt so vollkommen mit meinen Wünschen überein, daß ich Zeit und Umstände verwünsche, die mich abhalten, sogleich meinem Herzensdrange zu folgen. Das Bedürfniß einer mündlichen Besprechung ist so fühlbar, daß ich nicht glaube, daß wir eher mit Luther zum definitiven Abschluß gelangen, bevor sie erfolgt ist. Vor Ende August ist mir aber nicht möglich zu kommen – dann aber können Sie sicher darauf rechnen. Nun fragt sich nur, ob Sie bis dahin Alles verschieben wollen, oder unterdessen noch mit mir in’s Klare zu kommen suchen, sogut es schriftlich geht. Eine Antwort von Ihnen wäre mir sehr wünschenswerth, damit ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe. Fortarbeiten kann ich wohl, wenn Sie den Plan genehmigt haben. Sie haben aber den Wunsch ausgesprochen, diesen Sommer mit der Composition zu beginnen. Wie sich das Alles vereinigen läßt, sehe ich noch nicht ein. Um aber zu thun, was möglich ist, habe ich eben den ersten Theil ganz umgearbeitet, unbarmherzig gestrichen, und glaube, Ihnen jetzt sagen zu können, daß nach meiner Ansicht der erste Theil so bleiben soll. Medias in res zu springen, dazu kann ich mich nicht verstehen; es fehlt sonst der ganze Vordergrund u. ich mögte sagen die ganze Berechtigung, den Stoff zu behandeln, wenn man nicht genetisch zu Werke geht. Ehe man zum Paulus kommt, muß man erst Stephanus und Saulus kennen – das hat Mendelssohn sehr richtig gefühlt. Und ebenso beim Luther. Darum habe ich den ersten Theil so außerordentlich gekürzt, daß er bestehen kann, und zwar selbstständig, als abgeschlossener Vordergrund. Ich bin ferner nicht dafür, den ganzen Stoff auf die einfachsten Grundzüge zurückzuführen. Man erhielt dadurch eine chronologisch tabellarische Uebersicht, eine Reformationsgeschichte mit Musik, die nimmermehr zum Character des Oratoriums paßt. Ich habe mich daher für Ihren zweiten Vorschlag entschieden, einzelne große Begebenheiten aus Luthers Leben herauszunehmen, und zwar nun die Drei: Anschlag der Thesen, Verbrennung der Bannbulle (Gegenstand des 2ten Theiles) und Reichstag zu Worms (das mit einer allgemeinen Hinweisung auf die Zukunft der Kirche, auf Luthers ferneres Wirken, seine Verbindung mit Katharina, u. die Augsb. Confession den 3ten Theil bildet.) – Wartburg, Bildersturm, Bauernkrieg, Protestation zu Speier, Aufhebung d. Klöster, und die Augsb. Confession als Handlung, müßten fallen. Jedenfalls sind aber die 3 beibehaltenen Momente die großartigsten und am Meisten gefeierten. Der Plan sagt Ihnen das Nähere, – auf Ihr Urtheil bin ich sehr gespannt. Genehmigen Sie denselben, dann acceptiren Sie auch den ersten Theil, und ich habe wenigstens die Beruhigung, daß Sie im Laufe der nächsten 10 Wochen (bevor ich zu Ihnen komme) den ersten Theil bereits vollenden könnten. – Das Eingreifen der Geisterwelt habe ich auf Ihren Rath gänzlich beseitigt, nur Huß u. Savonorola ließ ich stehen, und bitte, meinen „zween Zeugen“ aus der Offenbarung das Leben zu schenken. Endlich bitte ich Sie dringend, gegen Jedermann zu schweigen über das Werk, das ich Ihnen zu liefern bemüht bin. Meine Verhältnisse sind leider derart, daß ein Bekanntwerden meines Namens mir wenigstens solange schaden würde, bis der Text vollständig in Ihren Händen ist, und Sie ihn genehmigt haben. Sollten wir erst zu einem Abschluß gelangt, u. das Werk fertig sein, dann kann ich nur stolz sein, daß mein Name unter den Ihrigen genannt wird. Doch will ich mich noch keiner übertriebenen Hoffnung hingeben. Was guter Wille vermag, das soll geschehen.
Das Paket, das ich Ihnen durch Whistling schicke, wird noch 2erlei enthalten. Zunächst einige lyrische Versuche, die ich Ihnen widme, mit der Bitte, sie zu prüfen, und, wenn sie Ihren Beifall haben, das eine oder andere Gedicht durch Ihre Composition zu verewigen. Ich würde unendlich glücklich sein, wenn ich die Freude hätte, ein Gedicht von mir von Ihnen componirt zu sehen. Ich habe mich bemüht, die lyrischen Gedanken, wenn sie auch Nichts Neues enthalten, doch dem musikalischen Ausdruck möglichst nahe zu legen. – Eine zweite Beilage enthält einige Rheinlieder, die ich bitte, nach erfolgter Prüfung, mit einer freundlichen Empfehlung an Wilhelm Müller zu schicken, zur Aufnahme in das Düsseldorfer Album. Ich mache Alles von Ihrem Urtheil abhängig und habe mir nun einmal vorgenommen, nicht in die Oeffentlichkeit zu treten, wenn es nicht an Ihrer Hand und mit Ihrem Beifall geschieht. Ihr Urtheil allein entscheide – . Denn es ist der beste Prüfstein für mein Talent, an welchem ich bis jetzt zu sehr gezweifelt habe, als daß ich gewagt hätte, noch jemals Etwas drucken zu lassen. Ihre Empfehlung bei W. Müller (der soviel ich weiß, der Redacteur des Albums ist) – wenn Sie mich deren werth halten – wird auch hier entscheidend sein. –
Mit treuer Verehrung und inniger Hochachtung, immerdar
Ihr dankbar ergebener
Richard Pohl

Ich erlaube mir, die Gedichte für Sie schon heute beizulegen, und bitte um freundliche Nachsicht. Die Gedichte für das Album das nächste Mal. D. O.
Wenzel läßt freundlichst grüßen, und Reimers sagen, daß er in nächster Woche einen Brief erhalten würde in der Angelegenheit, von der Ihre Frau Gemahlin bereits wüßte – – der ich gleichfalls mich freundlich zu empfehlen bitte. R. P.

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
365-369
 



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