19.12.2019

Briefe



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ID: 3442 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 08.07.1851
 

Leipzig d. 8. Juli 51.
Verehrter Mann!
Da haben Sie des Sängers Fluch – und meinen besten Segen dazu! – Es war mir, wie immer, eine Freude, für Sie zu arbeiten – mögten Sie nur mit mir zufrieden sein! Das beste Zeichen Ihrer Zufriedenheit wäre, wenn Sie noch recht oft mit Wünschen und mit Ideen zu mir kämen, deren Ausführung meine schönste Aufgabe sein wird. Ob des Sängers Fluch gelungen, so wie Sie es sich dachten, daran zweifle ich – denn ich konnte nicht ganz nach Vorschrift arbeiten, besonders was das Metrum betrifft. Uhlands Metrum beizubehalten (das eigentlich der schleppende Alexandriner ist, mit einer geringen Abweichung in der Mitte der Zeile) war mir nur so lange möglich, als die Gesänge des Harfners u. Jünglings nicht selbst eingeführt wurden. Aber hier verlangt der Gedankengang Freiheit. Uebrigens bedingte das Verfahren, das ich zur Ausführung des Textes anwenden mußte, schon diese Freiheit des Metrums hinlänglich. Es ist freilich leicht gesagt, daß man die Sprechweise der Uhland’schen anpassen soll – aber wem wird dies vollkommen gelingen – oder wer wird es dann den Anforderungen der Kritik jemals recht machen können? Aber noch mehr. Uhland hat den Jüngling, seine Gefühle, sein Verhältniß zur Königin, etc. in einen so dürftigen, aber undurchdringlichen Schleier gehüllt, daß Jeder, der ihn zu heben wagt, fürchten muß, das Richtige nicht zu treffen. Uhland hat so geheimnißvoll seinen Jüngling gehalten, daß er ihn gar nicht sprechen läßt. Endlich hat er, wohl fühlend, daß jede Ausführung nur schaden, nicht wirken würde, die Gesänge, die so ungeheure Wirkung machen sollten – gar nicht angeführt. Er
hat sie nur angedeutet in wenigen Zeilen. – Hierin liegt die Schwierigkeit der Aufgabe, die Sie mir stellten – und es hieß in der That die Kastanien aus dem Feuer holen, indem ich versuchte, zu Gunsten der musikalischen Wirkung Uhland zu interpretiren. –
So wie Sie die Aufgabe aber stellten, war mir sogleich klar, wie ich, ein Anfänger, allein zu verfahren hatte, um wenigstens dem Vorwurf auszuweichen, daß ich Uhland nur verwässert und breitgetreten habe. Denn ich höre im Geiste schon den Weheruf der Altromantiker, daß man Uhlands Meisterstück auf 3fache Länge ausgezogen habe, denn wenn die Ausführung in der Intention des Dichters gelegen hätte, so würde er sie selbst übernommen haben – u. dergl. mehr. Ich habe Uhland überall selbst eingeführt, den Uhland, der ja der Sänger und Harfner selbst ist. Sämmtliche Gesänge in No. IV, sämmtliche Chöre, etc. enthalten seine eigenen Worte – und es galt nur noch, geschickt auszuwählen, u. zu combiniren. Das glaube ich, ist mir nicht schlecht gelungen – es stecken nicht weniger als 15 Uhlandsche Gedichte in diesem einen. Wenn ich mir nicht hätte in die Karten sehen lassen, u. ehrlich genug alle Quellen angegeben – so wäre vielleicht Mancher getäuscht worden, und dem Kenner selbst würde es Mühe machen, die Vaterschaft dieser Fragmente nachzuweisen. Auf diese Art denke ich aber, ist die Klippe glücklich umseegelt worden, ich habe die Verse neu versetzt, im Sinn u. zuweilen auch im Metrum geändert, – und nur No. II u. No. III ist von mir – obgleich auch hier Uhland selbst mitgeholfen hat. Die Gesänge des Harfners u. Jünglings in No. IV auf meine Schulter zu nehmen – das wäre zu große Anmaßung gewesen. Jetzt mag Uhland für sich selbst sprechen. – Ich weiß nicht, ob Sie mit dieser Auffassung zufrieden sind. Wenn nicht – so stände ich freilich ziemlich rathlos da, und ich würde nur mit Zagen an die Aufgabe gehen, No. IV selbst zu dichten. Ich hoffe, daß es nicht nöthig wird.
So ist denn das Gedicht zu einer ganz stattlichen „Cantate“ geworden, die nöthigenfalls einen Conzertabend ausfüllen kann. Und, meinem Gefühl nach, sind so herrliche Effecte darin, daß ich mich jetzt schon auf die Vollendung und Aufführung freue. Ich ließ mir Ihre Bemerkung – „Breit auszuführen“ – nicht zweimal sagen. Stoff war genug da – und so ist No. IV, das im Original als Mittel, nur angedeutet ist – beinahe zum Zweck und Brennpunkt geworden, oder muß es durch Ihre Hand werden. –
Ist Ihnen das Ganze zu breit – nun streichen können Sie immer. Auch das Versetzen u. Aendern liegt ja ganz in Ihrer Hand. Mir dünkte aber – um der Reihe nach die Wirkung der Gesänge auf Krieger, Frauen u. Königin zu steigern u. auch im Hörer lebendig zu machen, bedürfe es einer ausführlichen Darstellung.
Mögte recht bald ein freundliches Wort von Ihnen mir sagen, ob Sie mit mir zufrieden sind. Recht lieb ist es mir, daß Sie den Luther jetzt nicht bedürfen, und daß Sie selbst die Arbeit aufgeschoben haben. Wenn Sie nur fest an der Idee halten – denn ein Aufgeben derselben wäre schmerzlich u. entmuthigend für mich. Daß schriftlich keine Abrundung der Idee erfolgen könnte, seh ich voraus, und freue mich, nun bald Gelegenheit zu haben, Ihnen persönlich gegenüber zu treten. Schon jetzt kann ich den Tag meiner Ankunft bestimmen – Sonnabend d. 16. August Abends – so daß ich Sonntag d. 17. August Sie aufsuchen kann. Herzlich bitte ich aber, mir vorher noch einmal zu schreiben, und zu sagen, ob Sie zu dieser Zeit in Düsseldorf sind, zu welcher Stunde ich Ihnen gelegen komme; und mir zugleich Ihre Wohnung genau anzugeben. Ich muß geizen mit den Stunden bei Ihnen, denn mein Aufenthalt wird sich auf nur zwei Tage beschränken. Sollte es indess nöthig sein, so käme ich später auf der Rückreise noch einmal nach Düsseldorf. Am Liebsten wäre ich immer dort! –
Ihre Bemerkung über Luther – daß er durchaus volksthümlich zu halten sei – hat meine volle Anerkennung. Ich werde mich bemühen, in diesem Sinne zu arbeiten, soweit ich es vermag – besonders aber zu sammeln. Können Sie mir nicht vielleicht zu diesem Zweck einige Sammelwerke empfehlen? Ich meine besonders vollständige Angaben über die Literatur während der Reformation, in Bezug auf Volkslieder und Dichter – oder noch besser eine Sammlung der Dichter und Lieder selbst. –
Ich kann bis zum Herbst am Luther Nichts weiter thun, als den Plan nochmals umarbeiten u. fertig skizziren. Mehr verlangen Sie auch nicht – diese Skizze bringe ich d. 16. August mit.
Der Plan hat eine abermalige Umwälzung erfahren. Ein ebenso geistreicher als gelehrter Theolog, den ich zu Rathe zog – und der sich sogleich an der Idee dieses Oratoriums begeisterte, – hat mich auf Manches hingewiesen, das ich, so schwer es mir fällt, anerkennen muß. So ist denn unter andern der ganze erste Theil, wie er in Ihren Händen ist, vollständig gestrichen worden. Dies ist der Grund warum ich Ihnen, meinem Versprechen gemäß, die Umarbeitung des ersten Theiles nicht geschickt habe. Ich muß noch einmal ganz von Vorn anfangen – will u. kann das aber nicht thun, bevor ich mich nicht mit Ihnen besprochen habe. Ich hoffe, daß ich durch Ausdauer noch an Ihrer Hand zum glücklichen Ziele komme.
Die Gedichte für das Düsseldorfer Künstleralbum, oder zu sonst passender Verwendung, folgen bei. Ich bitte Sie, dieselben an Dr. MÜLLER mit einer freundlichen Bevorwortung zu senden.
Elisabeth Kulmann wird bald bei mir einziehen – Wenzel u. ich kennen sie bis jetzt nur dem Namen nach – darum herzlichen Dank für die Empfehlung, die mir genug war, um das Buch sogleich zu bestellen.
Indem ich bitte, mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin zu empfehlen, sehe ich Ihrer baldigen Antwort und einem persönlichen Begegnen mit froher Hoffnung entgegen,
Ihr dankbar ergebener
Richard Pohl

P.S. d. 11. Juli.
Wenn meine Bearbeitung der Uhland’schen Ballade zu Ihrer Zufriedenheit ist, und Sie sich später entschließen sollten, mir noch mehrere Balladen zum Arrangement anzuvertrauen – mache ich Sie besonders aufmerksam auf:
Gott und Bajadere von Göthe,
Taucher von Schiller,
Page und Königskind von Geibel.
Sämtliche 3 Balladen wären sehr wirksam zu behandeln – vorausgesetzt, daß meine Art der Behandlung, mit Benutzung der Lyrik der entsprechenden Dichter, Ihnen zusagt.
Auf Page u. Königskind hatte ich es schon abgesehen, bevor Sie mich auf Sängers Fluch aufmerksam machten. Ich überlasse es Ihnen, ob ich diese 3 Themata, wenn auch nur versuchsweise, bearbeiten soll.
Ich habe auch zwei Themata zu heiteren Opern gefunden, doch davon mündlich. An eine Ausarbeitung des Planes denke ich nicht eher, bis Sie sich geneigt zeigen, diese früher gefaßte u. mir vorgelegte Idee überhaupt wieder aufzunehmen. –
Ganz der Ihrige, Richard Pohl.

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
372-376
 



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