19.12.2019

Briefe



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ID: 3446 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 18.02.1852
 

Dresden 18. Februar 52.
Hochverehrter Mann!
Entschuldigen Sie freundlichst vor Allem mein langes Schweigen, das mit der Freude, welche ich über Ihren letzten Brief empfand, in seltsamen Contrast stand. Halten Sie nicht für verminderten Eifer von meiner Seite, was lediglich in den Verhältnissen seinen Grund findet. Ich bin sogleich nach Empfang Ihres theuren Briefes nach Dresden übergesiedelt, und habe hier mit den widerwärtigsten Verhältnissen u. bittersten Enttäuschungen noch jetzt zu kämpfen, die mich ebenso, wie eine Ueberhäufung mit unangenehmen Arbeiten, kaum zum Bewußtsein kommen ließen. Meine Braut mußte gleichzeitig nach Carlsruhe zurück, wo sie bleiben wird, bis ein günstigeres Geschick uns lächelt. Eine Verständigung mit ihr war daher erschwert, zumal unter den Umständen, die ich Ihnen sogleich vorlegen werde. Endlich hatte sich das Gerücht verbreitet, Sie würden in nächster Zeit nach Leipzig kommen, und zwar so bald, daß ich fürchtete, mein Brief würde Sie nicht mehr in Düsseldorf treffen. Jetzt sind 4 Wochen darüber hingegangen, und ich schreibe, ohne zu wissen, ob der Brief Sie finden wird. Sollten Sie aber unterdessen, oder später nach Leipzig kommen, so hoffe ich jedenfalls, Sie zu sehen, und vielleicht mündliche Antwort zu empfangen. In Betreff des 1. Punktes Ihres Briefes, der nahen Vollendung von Sängers Fluch, können Sie wohl denken, wie freudig überrascht und dankbar ich bin. Ich hatte von solch schneller Produktion keine Ahnung, und mich daher in der Zeit gründlich verrechnet. Ich glaubte, die Vollendung würde vor Ostern nicht erfolgen können; zu welcher Zeit ich bereits meiner Verheirathung entgegenseh – sodaß ich jetzt, durch eine freudige u. bittere Täuschung zugleich bewegt, in Verlegenheit bin, wie die Angelegenheit, in Betreff der Uebernahme der Harfenparthie in der Ballade durch meine Braut, sich lösen wird. Sie ist natürlich mit Freuden bereit, und zu Ihren Diensten – aber der Zeit- und Kostenpunkt sind zwei Probleme, welche nur durch Ihre freundliche Unterstützung erledigt werden können. In Betreff der Zeit ist es nöthig, daß wir Beide so lange als möglich vorher schon wissen, wann die Aufführung stattfinden wird. Ferner darf ihr der Aufenthalt in Düsseldorf nicht viel Zeit nehmen, weshalb es wünschenswerth ist daß sie nur 1 od. 2 Orchesterproben kurz vor der Aufführung abhält, dagegen die Harfenparthie schon baldigst in Händen hat. Das Unangenehmste ist der Kostenpunkt. Meine Braut ist weit entfernt die ehrenvolle Aufforderung von Ihrer Seite und die freudige Veranlassung mich dabei in Düsseldorf wiederzusehen, mit irgend welcher Spekulation zu verbinden. Aber unsere beiderseitigen Verhältnisse sind derart daß sie durch diese Reise keinen pekuniären Verlust erleiden kann, weil die Mittel [nicht] ausreichen. Sie kann nicht allein von Carlsruhe nach Düsseldorf reisen, bedarf also der Begleitung ihrer Mutter, meine Reise von hier nach Düsseldorf ist nicht geringer anzuschlagen, und somit ist es wünschenswerth, daß wenigstens die Reisekosten meiner Braut durch ein entsprechendes Honorar gedeckt werden. – Sie glauben gewiß, wie unangenehm mir dieser Punkt ist, aber ich darf Ihnen denselben nicht verschweigen.
Um die Bemühungen mit dem Honorar möglichst in Einklang zu bringen, wünscht meine Braut, im ersten Theile des Conzertes noch ein Solo zu spielen, oder ist anbötig, in einem anderen Conzerte mitzuwirken, wie es denn überhaupt ihr Wunsch ist, von Ihnen gehört zu werden. Was aber endlich ihren Aufenthalt in Düsseldorf betrifft, so wäre es nöthig, daß auch dieser ohne pekuniären Verlust erfolgen könnte. Sie mögte deshalb nicht ein Hôtel, sondern bei einer gastfreien Familie unterkommen, wie es deren allenthalben giebt, die sich zur Aufnahme von Kunstgenossen gern anbieten. Die Erledigung auch dieser Angelegenheit hinge allerdings allein von Ihnen ab, und ich bitte, mir offen Ihre Meinung u. etwaigen Erfolge rechtzeitig mittheilen zu wollen.
– Was nun mich betrifft, so hätte ich zunächst die Bitte, mir doch, bevor die Aufführung vorbereitet wird, eine Abschrift des Textes in der Gestalt zukommen zu lassen, wie Sie denselben componirt haben. Ich habe beim öfteren Durchlesen einige Härten und Wiederholungen bemerkt, die mich beunruhigen. Nun ist gewiß, daß Sie die Längen gekürzt und die Fehler verbessert haben [werden], aber doch möglich, daß Ihnen Kleinigkeiten entgangen sind, die auf das Wesen der Composition nicht von Einfluß sind. Bevor also dieser Text zum ersten Male in’s Publikum kommt, mögte ich ihn noch einmal durchfeilen, und Ihnen die Copie dann sogleich zurückschicken. Ich bitte dringend darum. –
Und endlich der Luther, der mir so an’s Herz gewachsen ist – und jetzt schon 1 Jahr mich nicht verlassen hat! Ihre Aufforderung ist so freundlich und dringend, und ehrenvoll zugleich – daß ich Alles wegwerfen, und ihn gleich zur Hand nehmen mögte, wenn es nur ginge! Ich stehe jetzt im Solde eines Redacteurs und unter der Presse eines Buchhändlers, und muß Tag für Tag mein Pensum abliefern. – Darum bitte ich – haben Sie nur Geduld und verlieren Sie nicht Lust und Muth. Sie bekommen ihn, sobald ich wieder frei athmen kann, und wenn ich jetzt an die Arbeit komme, geht es rasch. Ich habe ihn auf das richtige Maß zurückgeführt, und durch Anwendung der Prosa, des Recitativ’s u. der Erzählung wird der Text prägnant genug werden – nur leider kommt man da wieder in den alten Schlendrian, und all meine reformatorischen Pläne scheitern an dem Zeitmaß! Also nochmals bitte ich herzlich: geben Sie mich u. den Luther nicht darum auf, weil ein widriges Geschick momentan mich hindert, dieser Lieblingsarbeit mit ganzer Seele mich zu widmen. Ich hoffe, die Verzögerung wird nicht zum Nachtheile des Textes sein.
Das Gerücht, daß Sie bald nach Leipzig kommen, erhält hoffentlich durch Sie Bekräftigung. Eine neuerliche Besprechung über Luther, sowie über die Ballade wäre mir nur sehr willkommen. Ich habe auch schon daran gedacht, ob Sie nicht vielleicht beabsichtigen, die Ballade fertig nach Leipzig zu bringen u. dort selbst zu dirigiren. Das vereinigte freilich alle meine Wünsche. Sei es nun schriftlich oder mündlich – ich bitte recht bald um ein Lebenszeichen. Daß die Leipziger Singakademie am 3. März der Rose Pilgerfarth aufführen will (wahrscheinlich am Klavier) wissen Sie wohl bereits. Die Ouverture zur Braut habe ich jetzt studiert und bin mehr u. mehr begeistert davon. Ehe diese erhabenen u. feinen Gedanken zugleich in’s Publikum dringen, wird wohl noch mancher Frühling vergehen! – Für Ihren letzten, so freundlich anmutenden Brief noch den herzlichsten Dank!
In Verehrung und Liebe, wie immer
der Ihrige
Richard Pohl

Dresden, Große Oberseergasse. No. 15

[BV-E, Nr. 4407]

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
392ff.
 



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