19.12.2019

Briefe



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ID: 3447 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 22.12.1852
 

Dresden, 22. Dezember, 1852.
Hochverehrter Mann!
Obgleich es leider unmöglich war, Ihren Wünschen und Anregungen im Laufe dieses Jahres nachzukommen, sodaß ich, wider meinen Willen, wortbrüchig werden mußte, hoffe ich doch, Verzeihung zu erhalten, wenn ich, reichlichen Ersatz bietend, jetzt Ihnen nahe.
Mein verehrter Freund Weber, der Dichter der Graalfarth, ist vor Kurzem durch seine Schöpfung mit Ihnen in eine geistige Berührung getreten, die ich zu den schönsten Erfolgen rechne, die einem jungen Künstler zu Theil werden können. Sobald mir Ihre herrlichen Zeilen der Anerkennung und Anregung bekannt wurden, entstand der lebhafte Wunsch, daß zwei solche Geister, die sich auf dem Wege der Kunst gefunden haben, auch zusammen wirken müßten. Und somit sei es entschuldigt, daß ein Dritter dem Gedankenaustausch beider Geister unberufen nahe tritt, deren Bahnen er mit der regsten Theilnahme immer folgt, – damit die erste gegenseitige Begegnung eine folgenreiche für die Zukunft werden möchte! Der allzubescheidene Autor der Graalfarth, seit Jahren schon im Stillen als Dichter fruchtbar, hat mehr als eine größere Arbeit fertig liegen, welche theils unmittelbar, theils in leichter Umarbeitung, sich trefflich zur Composition eignen würde. Namentlich ein, durchaus fantastischer romanzencyclus „Ritter Mond“, würde sich unter Ihren Künstlerhänden zu einer wunderbaren duftigen und anmuthigen Tondichtung umschaffen lassen. Doch weiß ich sicher, daß Weber, – dessen Graalfarth vielleicht auf immer der Oeffentlichkeit entzogen geblieben wäre, wenn man sie ihm nicht förmlich entführt hätte – ohne direkte Aufforderung sich nie entschließen würde, seine Schöpfungen zum Druck oder zur Composition zu offeriren. Deshalb ergeht meine Bitte an Sie, verehrter Mann, daß Sie Weber auffordern möchten, ihm [sic] die eine oder andere seiner größeren romantischen Dichtungen zur Composition zu übersenden. Ich zweifle nicht, daß der Dichter darauf eingehen würde, und die Welt wäre dadurch um ein doppeltes Kunstwerk reicher. Ein herrlicher Erfolg wäre vorauszusehen, wenn Sie Sich entschließen könnten, den Dichter zuerst in die musikalische Welt einzuführen. Ich thue diesen Schritt zwar ohne Webers Wissen, doch könnten Sie Sich bei der Anfrage auf mich beziehen, wenn Sie es für nöthig fänden. Mit vieler Freude habe ich erfahren, daß Geibels „Page und Königskind“ von Ihnen noch componirt ward. Begierig bin ich, zu erfahren, ob die Romanzen unverändert benutzt wurden, oder wer diesmal die Umarbeitung übernommen hat. Umsomehr beunruhigt mich, von „Sängers Fluch“ und seinen Schicksalen Nichts mehr erfahren zu haben. Möchten Sie mir doch gelegentlich eine Notiz darüber zukommen lassen. Herrmann und Dorothea werden nun wohl schon zum erfreulichen Abschluß gelangt sein. Für Luther werden Sie leider wohl einen anderen Bearbeiter gefunden haben, wenn dieser Plan nicht für jetzt der Oper weichen mußte. Es thäte mir doppelt Leid, da ich jetzt endlich Muße gefunden hätte, mich dieser Arbeit ungetheilt zu widmen, die ich auch mit Freuden wieder aufnehmen würde, wenn es nicht zu spät wäre.
Man schmeichelt sich hier fortwährend mit der Hoffnung, im Laufe des nächsten Jahres Sie in Dresden begrüßen zu können. Was man wünscht, das glaubt man. Möchte unser Glaube zur Gewißheit werden! Es thäte wahrlich Noth, daß Sie uns hier einmal erschienen zur Erhebung und Freude und Stärkung! –
Mit unwandelbarer Verehrung und Ergebenheit
der Ihrige
Richard Pohl.

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
395ff.
 



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