15.07.2019

Briefe



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ID: 3461 Brieftext


Geschrieben am: 25.11.1849
 

München d. 25 Nov.
Geehrtester Herr
Längst hätt ich mir gern die Freiheit genommen, Ihnen von hier meine herzlichsten Grüße sowie einen kleinen Bericht über meine Studien zu schreiben, wäre ich nicht durch die Furcht Sie mit meinem Geschreibe zu belästigen bis jetzt davon zurückgehalten worden. Ihre ausgezeichnete Güte jedoch durch welche Sie mir eine so freundliche Empfehlung an Dir. Hauser zukommen ließen, ermuthigt mich Ihnen schriftlich meinen innigsten wärmsten Dank für die gütige Theilname [sic] welche Sie mir auch jetzt noch schenken, auszusprechen. Ich darf Ihnen gewiß nicht erst versichern, welch freudige Ueberraschung mir Ihr Brief an Hauser bereitete! Ich übergab das Schreiben gleich an seine Adresse u. Hauser war sehr erfreut u. wird Ihnen wahrscheinlich selbst bereits geschrieben haben. –
Was nun meine Studien betrifft so lassen die hierzu gebotenen Gelegenheiten freilich noch manches zu wünschen übrig, namentlich ist der Unterricht in der Composition pedantisch u. trocken. Ich schwitze u. seufze unter Albrechtsbergers Contrapuncten und zerarbeite meine Finger an Czerny’s Etüden u. Variationen. Oft überfällt mich ein musikalischer Raptus, u. dann möcht ich all den Schulstaubsplunder zur Seite werfen, aber da fährt mir die prosaische Querfrage durch den Kopf „was weiter?[“] und bringt mich zur raison. Privatim suche ich in Marx Compositionslehre die Weisheit zu erschnappen, wenn mir’s doch nun endlich einmal gelingen wollte. Ihr Unterricht geehrtester Herr hat mir erst ein Licht aufgesteckt, die finstren Winkel meines musikalischen Hirnkastens erleuchtet u. mir gezeigt was da noch alles aufzuräumen u. in Ordnung zu bringen ist. Ich muß gestehn das [sic] mir vor dieser Herculesarbeit graut, namentlich da mit jedem Schritt vorwärts, eins meiner Luftschlösser zusammenstürzt, u. die so schön geträumten Jugendideale in immer weiterer Ferne verschwinden. Der auch hier fortgesetzte Umgang mit Künstlern läßt mich immer klarer erkennen daß ich den Anforderungen welche die Kunst an ihre Jünger stellt nicht vollkommen gewachsen bin und diese Erkenntniß der eigenen Unfähigkeit ist eine wahre Tantalusqual und versetzt mich in den peinlichsten Kunstkatzenjammer. Nur Resignation läßt mich auf dem betretenen Weg weiter wandeln.
Durch meinen Vater hörte ich daß Ihre Frau Gemahlin auch diesen Winter einen Cyklus musikalischer Soirées eröffnet habe. O wie beneid ich die Dresdner um solch einen Kunstgenuß, mit welchem Entzücken gedenke ich der seeligen Stunden in den vorjährigen Concerten. Man musicirt hier freilich auch, namentlich ist es der philharmonische Verein welcher alle 14 Tage musikalische Matinèen veranstaltet. Es produciren sich da: Wunderkinder Clavierlehrer und Virtuosen, und erquicken die Zuhörer mit den neusten Herz u. Hüntenvariationen etc. ja zuweilen erscheint auch ein Lied Sonate u. dergl. von Beethoven u. F. Schube[rt] als Lückenbüßer auf dem Repertoir. – Im allgemeinen ist hier weit weniger musikalischer Sinn als in Norddeutschland, der Kultus des Apoll ist durch den des Gambrinus zu sehr verdrängt, und nur hie und da sind dem Gott der Musik Hausaltäre errichtet. Denn Familien und Privatkreise sind es vorzüglich in denen die klassische Musik Pflege und Theilname [sic] findet. In mehrern dieser Circel in die ich eingeführt wurde habe ich einige Ihrer Compositionen so gut es eben gehen wollte vorgetragen und überall wurden dieselben mit dem lebendigsten Interesse aufgenommen, alles was ich von Ihren Werken besaß mußte ich herbeibringen, was ich nicht hatte und mir erinnerlich war angeben u. aufschreiben. – Wie freue ich mich durch den Vater Nachricht von Ihren neusten künstlerischen Producten zu erhalten, Sie glauben nicht mit welcher Begeisterung mich die so unendlich tiefen und geistreichen Werke Ihrer Genialität erfüllen. Einer sehr angenehmen Ueberaschung [sic] war es mir hier am Conservatorium einen in der Verehrung Ihrer Kunstschöpfungen Gleichgesinnten in Professor Herzog zu finden. Dieser verdankt Ihnen nach seiner Aussage, die inniger u. tiefere Bekanntschaft mit Bachs Meisterwerken u. somit also auch seine gründlichste Kunstbildung. Sie haben [ihn] zuerst auf das Studium der Bachschen Choräle hingewiesen, und durchdrungen von ihrer Bildungsfähigkeit leitet er alle seine Schüler zur Durchforschung derselben an. –
Den größten Genuß gewähren hier die ausgezeichneten Odeonsabonnement Concerte unter Lachners Leitung, es sind bis jetzt Sienfonien [sic] v. Mozart Es d. Beethoven Eroica Haydn Es dur sowie Mendelsohns Athalia Ouvertüre zur Aufführung gekommen. –
Entschuldigen Sie geehrtester Herr Doctor die Kühnheit welche mich diese Zeilen an Sie richten ließ, aber das Gefühl der unbegränztesten Dankbarkeit und Hochachtung erhoben mich über alle Bedenklichkeiten. Erhalten Sie mir Ihre Güte u Theilname [sic] und nehmen Sie die Versicherung meiner aufrichtigsten Ergebenheit.
Ihr
Heinrich Richter.

Sr. Wohlgeboren
Herrn Dr. Robert Schumann.
in
Dresden
gr. Reitbahngasse.

  Absender: Richter, Heinrich (1267)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: München
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.6, S. 851-854
 



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