19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 3664 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 06.12.1848
 

Ew. Wohlgebh.
werden verzeihen, wenn ich durch diese Zeilen Ihre Güte in Anspruch nehme, u Sie ersuche, den geehrten Mitgliedern Ihres Gesangvereins, wel¬che ich nicht das Glück habe, persönlich zu kennen, eine Entschuldigung zukommen zu lassen.
Sie werden mit mir einverstanden seyn, daß in jedem Vereine, wie z. b. die Dreyßigsche Singacademie ist, und von welchem ich ein Vorstands¬mitglied bin, es nöthig ist, jedes Außergewöhnliche, welches im Vereinlo¬cal beabsichtigt wird, dem Vorstand mitzutheilen. Ein solches Außerge¬wöhnliche fand am Montag daselbst statt, indem Herr Naumann zu den Proben seines Oratorium, die geehrten Mitglieder Ihres Gesangvereins eingeladen hatte, u welches erst nach Beendigung der Probe den Vor¬standsmitgliedern von einem Mitgliede angezeigt wurde. Die Unwissen¬heit, in welcher die Vorstandsmitglieder über diese Angelegenheit geblie¬ben waren, erregte in mir einen großen Aerger. Ich äußerte deshalb gegen ein Mitglied der Academie, |2| leider zu laut und zu heftig, daß ich mich wundere, wie eine solche Einladung habe geschehen könne, ohne den Vorstandsmitgliedern eine Notiz davon gegeben zu haben, und wenn dies Gebrauch würde, könnte ebenfalls ein Mitglied die Kreuzschüler einla¬den, ohne daß der Vorstand etwas davon wüßte. Diesen letzten, allerdings unpassenden Ausdruck hatten die werthen Mitglieder Ihres Gesangvereins für eine Beleidigung angesehen. Hierbey gebe ich aber die Versicherung, daß mir nicht im mindesten der Gedanke an eine persönliche Beleidigung vorschwebte, vielmehr ich nur das falsche Benehmen des Academiemit¬gliedes, welches die Einladung mit beschloßen hatte, dadurch bezeichnen wollte. Es ist übrigens bekannt, daß die Academie jährlich mit den Kreuz¬schülern vereinigt singt.
Diese von mir ausgesprochene Rüge thut mir um so mehr leid, da die Academie sich stets zur grössten Ehre geschätzt hat, wenn Mitglieder anderer Gesangsvereine mit ihr vereint ein Tonwerk einstudirt haben.
Ich ersuche Sie daher ergebenst, den geehrten Mitgliedern Ihres Ge¬sangvereins zu erklären, daß es mir innig leid thue, bey denselben durch eine rasche Äußerung den Verdacht einer absichtlichen Beleidigung erregt zu haben. Ich bitte daher dieselben, den Groll, welcher mich blos berüh¬ren kann, nicht den übrigen Mitgliedern der Academie, am allerwenigsten dem Herrn Naumann, welcher bey der Sache ganz unschuldig ist, u auf die Mitwirkung der geehrten Mitglieder besonders rechnet, fühlen zu las¬sen, und die Proben gütigst wieder zu besuchen.
|3| Da ich auf keine andere Weise wußte, meine Entschuldigung und Aufklärung dieses unangenehmen Gegenstandes den geehrten Mitglie¬dern Ihres Gesangvereins mitzutheilen, so entschuldigen Sie nochmals, daß ich so frey war, Sie mit dieser Angelegenheit zu belästigen, und ver¬bleibe mit ausgezeichneter Hochachtung
Ew. Wohlgebh.
ganz ergebenster
Dr. Schäffer.
v h. den 6ten December 1848.
|4| Sr. Wohlgeb.
dem Herrn Musikdirector Dr. Rob. Schumann
grosse Reitbahngasse
No. 20.
bez

  Absender: Schäffer (1326)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
953-955
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.