25.02.2022

Briefe



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ID: 3688
Geschrieben am: Montag 04.01.1841
 

Dresden, Amalienstrasse No. 8.
Am 4. Januar 41.
Verehrtester Herr Doctor!
Kommt es Ihnen auch vielleicht ein wenig überlästig, so bald im neu¬en Jahre – das Ihnen ein immer frohes seyn möge – schon eine Bitte von mir vernehmen zu sollen: so wollte ich doch mir selbst nicht gern die Freude entbrechen, recht bald ein Wörtchen an Ew. Wohlgeb. zu richten. Daraus werden Sie freilich wohl Wunder welche Wichtigkeiten vermuthen, die ich Ihnen mitzutheilen haben wollte; aber dieß wäre ein Irrthum. Denn ich habe im December aus mehrfachen Gründen gera¬de weniger musikalische Freuden gehabt, als sonst gewöhnlich in diesem hier sehr musikalischen Monate, und bin nicht einmal in die Concerte am 23. Dec. (im Theater, zum Besten der Armen; allemal an einem Tage, wo wenige Zuhörer zu erwarten sind, musicirt man hier für die Armen. Die armen Armen!) und von Claus Bull gekommen. Die schönste und genußreichste Erscheinung ist mir die Schubertische Cmoll-Symphonie (im letzten Hartungschen Abonnementsconcerte) gewesen, die auch eine Sensation bei den Zuhörern wirkte, wie ich sie selten noch erlebt. Ich theile nur die fast allgemeine Ansicht, wenn ich behaupte, daß nicht jede der Beethovenschen Symphonien ihr zur Seite steht; und besonders |2| ist das Scherzo ein wahres Wunderwerk von großartiger Schönheit von gänzlich originellem Reichthum, sowohl nach Inhalt, als nach der Form. Wahr ist es freilich, daß Schubert häufig über die Stränge hieb; aber die Fülle und die Neuheit seiner Ideen läßt kaum daran denken. Der Vortrag war vielleicht nicht völlig so gut, als Sie ihn im Leipziger grossen Concert gehabt; aber demungeachtet ausgezeichnet-gut, was auch die anwesenden Capellmusiker ┌ und Chelard ┐ bekräftigten. Da nun CM. Reissiger sich von Hartung die Stimmen ausgebeten, so läßt sich hoffen, daß wir diese Symphonie nun auch von der Capelle zu Palmarum hören werden. Auch Hartung, auf vielfaches Ansuchen, will sie bei seinem letzten Concerte nochmals geben, jedoch zum Theil ohne da capo, weil sie doch fast garzu lang dauert. Selbst für die Musiker ist sie eine wahre Riesenarbeit; doch war der ganze Chor Feuer und Flamme dabei. Ein Geist, der wohl selten weiter in einer Regimentsmusik herrschen dürfte!
Sie erhalten beiliegend, ausser einer kurzen Bemerkung, die aber viel¬leicht manchem Lehrer (besonders musikalischen Aerzten ┌ Sollte nicht auch die Wirksamkeit der Musik nach dem Tarantel-Bisse hierher ge¬hören? – ┐) interessant genug seyn könnte, um fernere Prüfungen zu veranlassen), zwei grössere Aufsätze. Dem erstern, über die Cantorei der Thomasschule, möchte ich beinahe mit Vertrauen die Aufnahme in Ih¬rer Zeitung verheissen; denn ist diese gleich nicht auf Leipzig, sondern selbst über Deutschlands Gränzen hinaus berechnet und verbreitet: so kommt sie doch in Leipzig heraus, und man |3| wird ihr demnach ein besondres historisches Interesse an Leipzigs musikalischer Ausbildung nicht verübeln dürfen. Nicht so sicher freilich sehe ich der Aufnahme der „Kätzereien“ entgegen, muß aber versichern, daß sie mir der allgemei¬nen Beherzigung sehr werth erscheinen, und daß sie der Ausgangspunct für ein neues Capitel in allen allgemeinen theoretisch-musikalischen Wer¬ken werden können. Ja, es kommt auf deren Beherzigung und auf meine Schicksale an, ob ich nicht selbst noch einmal das liegen-gelassene Rie¬senwerk, die Berechnung aller (über 3 000) möglichen Intervalle in allen 24 Tonarten vornehmen und vollenden werde. Ich erwähne im Aufsatze selbst, daß ich ungefähr bis zur Mitte der ganzen Arbeit gedrungen war; und bis dahin habe ich auch alles schon in Tabellen gebracht. Aber ich bin dabei von der Kirnbergerischen Stimmung ausgegangen, die ich nach vielfältigem Lesen und Nachdenken nicht mehr passend finden kann, und würde daher lieber ganz von vorn beginnen. Meine Schlußworte für den Aufsatz sind ganz ernstlich gemeint. Es läßt sich eine sehr arge Lücke in der Theorie der Musik gar nicht ableugnen, solange das Capitel von der verschiedenen Wirksamkeit derselben Accorde in verschiedenen Tonarten nicht ins Reine gebracht ist; und dieß ist eben blos durch Berechnung aller möglichen Intervalle zu bewerkstelligen. Aber weil dieß eine Riesenarbeit fast ohne Gleichen ist, hat sich noch Niemand daran gemacht, und spricht lieber von der ganzen Sache nicht zu den Lesern. Für die praktische |4| Musik ist freilich diese Angelegenheit augenblicklich von keiner, in der Folge von einer wenig in die Augen fallenden Wichtigkeit; aber auch die Theorie und das System hat seine Rechte, und hebt eben die Musik aus der Reihe der freien Künste empor in die der Wissenschaften weßhalb man sie auf Universitäten lehrt und ihr zu Ehren Doctoren creirt; ein Doctor der Bildhauerei oder der dramatischen Dichtkunst u. s. f. würde sonderbar klingen; ein Doctor der Musik dagegen erscheint ganz naturgemäß.
Was sie nicht zur Aufnahme passend finden, das werden Sie mir na¬türlich auch ohne alles Bedenken zurückschicken; ich bin gewiß von aller lächerlichen Eitelkeit und Anmassung gänzlich entfernt, und verdenke es Ihnen nicht, wenn Sie einzig das Bedürfniß der Leser und die Tendenz Ihrer Zeitung im Auge behalten. Eben deßhalb aber darf ich auch bitten, daß Sie mir eine so geschwind wiederholte Ansprache nicht übel nehmen werden, sondern daß Ihre mir so sehr schätzbare freundschaftliche Gewo¬genheit mir auch im neuen Jahre erhalten bleiben möge.
Mit treuester Hochachtung
Ew. Wohlgeboren
ergebenster
Albert Schiffner

  Absender: Schiffner, Christian Albert (1340)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
470-474

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 11 Nr. 1788
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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