19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 3690 Brieftext


Geschrieben am: Montag 21.12.1846
 

Hochverehrtester Herr Doktor!

Ihr werthes Schreiben vom 17ten December hab’ ich erhalten, und beeile mich Ihnen darauf zu antworten, wie folgt: Die hohe Stufe auf der Ihre Frau Gemahlin als Virtuosin und Sie als Komponist stehn, wird Ihnen in Pesth einen Empfang bereiten, wie er solchen Kunst Notabilitäten von rechtswegen geziemt; – aber der Enthusiasmus der Bewundrer ist noch immer kein baares Geld, und wenn man als Concertgeber reist, so möchte man doch das letztere auch in genügender Quantität gewinnen; in Uebereinstimmung damit, rathe ich Ihnen gleich von allem Anfang, – die edle ungarische Nation nicht falsch zu beurtheilen. Was Sie und Ihre liebe Frau Gemahlin, Eigenthümliches vor andern großen Künstlern voraus haben, das wird der edlen ungarischen Nation nicht im Schlaf einfallen, und daher halte ich es für meine Pflicht, Sie gleich darauf aufmerksam zu machen, Ihre Hoffnungen auf glänzenden Gewinn nicht zu weit auszudehnen. Zuvörderst rathe ich zu einem Concert im kleinen Redoutensaal; Preis des Saales mit Beleuchtung etwa 36 bis 40 fl. CMünz; dann aber ohne weiteres die Concerte im Nationaltheater (im ungarischen) fortzusetzen. Der Intendant desselben Graf Raday, so wie der Oberreschisseur [sic] Fancsy und der Kapellmeister, mein Freund Franz Erkel, sind während der Weihnachtsferien auf eine Jagdparthie eingeladen, und zu diesem Zwecke schon gestern abgereist; dieser Umstand hinderte mich schon gestern gleich nach Empfang Ihres werthen Schreibens die ersten Unterhandlungen einzuleiten. Wollen Sie meinem Rathe folgen, so schreiben Sie selbst an den Grafen Raday und zu gleicher Zeit an Franz Erkel, ich hoffe daß Sie hinsichtlich des Honorars, – oder des jedesmaligen Antheils der Einnahme sich gewiß zu Ihrer Zufriedenheit einigen werden; wenigstens haben Sie keine Unkösten, keine weitere Scheererei und ein gutes Orchester zu Ihrer Disposition. Da sind die Ungarn sehr eitel und es schmeichelt ihnen, wenn berühmte Leute im Nationaltheater Concerte geben, wie denn überhaupt das Nationaltheater jetzt in Pesth zum guten Ton gehört. Die Familien, in deren Salon viel Musik gemacht wird, sind die gräflich Brunsvick-sche und die des Herrn v Roschti. Die Gräfin Brunsvick sprach noch gestern von Ihnen beiden, und Ihre originellen StreichQuartette sind seit Jahren dorten gespielt worden. Auch Ihr schönes Oratorium, „das Paradies u die Peri“, obgleich noch nicht aufgeführt, kennen wir aus dem Klavierauszug und hat namentlich mir und meinen Freunden ein hohes Interresse eingeflößt; wär ich ein Schmeichler, so würde ich mich nicht geniren, zu sagen Ihre Musik ist besser als alle andere neue; das thue ich nun zwar nicht – aber wenn ich sage Ihre Musik ist von allen andern die anderste, so werden Sie aus diesem |2| etwas sonderbaren Ausdruck ersehn, das uns ihre Originalität, so wie die Nobilität und die Grazie Ihrer Kompositionen nicht entgangen ist. Bei der gräßlichen Bornirtheit und Geschmackslosigkeit unsrer uns oft am nächsten stehenden musikalischen Umgebung, mit der wir fast täglich in wiederliche [sic] Conflikte gerathen, ist uns ein Musiker, der einen solchen Text wie der Ihrige wählen konnte, schon an und für sich ein lieber und interressanter Gast; abgesehn von der dazu geschaffenen vortrefflichen Musik; und ich kann Uebereinstimmung mit meinem hier schriftlich niedergelegten Enthusiasmus nur hinzufügen, daß ich einen förmlichen Heishunger verspüre, Sie hier zu sehn. Schreiben Sie mir sobald als möglich Ihren festen Entschluß und überlassen es alsdann mir Ihre Ankunft nach Möglichkeit bekannt machen zu lassen. Was in meinen Kräften steht wird geschehn Ihr<e> Unternehmen vorzubereiten und zu fördern.
Mit der Bitte mich Ihrer Frau Gemahlin aufs Beste zu empfehlen, und mit der Versicherung meiner aufrichtigsten Hochachtung
Ihr ergebner Diener
Louis Schindelmeisser

Pesth den 21st December 1846.

|4| Sr Wohlgeboren
Herrn Dr Robert Schumann
in
Wien.
franco
Kammerhofgasse 549.
im 1sten Stock.

[BV-E, Nr. 3309:] L. Schindelmeisser. [Versand:] fr. [beantwortet:] NB.

  Absender: Schindelmeisser, Louis (1343)
  Absendeort: Pesth
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 16
Robert und Clara Schumanns mit Bernhard Scholz und anderen Korrespondenten in Frankfurt am Main / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Anselm Eber / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-027-8
957ff
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.