15.07.2019

Briefe



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ID: 3730 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 22.10.1851
 

Dresden am 22. Oct. 1851.

Geehrtester Herr Doctor!

Sie würden von mir schon längst ein Lebenszeichen erhalten haben, wenn mir’s einmal in Lauenstein an der Böhmischen Grenze, wo ich hauslehrerte, vor lauter Arbeit und Zerstreuung (denn Beides vereinigte sich) möglich gewesen. Die poësiehaltigsten Tage meines Aufenthaltes daselbst waren diejenigen, an welchen mich mein theurer Freund Dietrich, durch welchen Ihnen dieser Brief zu Handen [sic] kommt, besuchte. Er ist so voll classischer Musik, daß er namentlich auch meinen sehr musikalischen Principal Pastor R. Kohl, der 1847 Vorlesungen über „Tonbilder“ in Dresden hielt, ganz entzückte. Beethoven, Bach pp. und Ihre opp. hatte
er nicht nur im Kopfe, nein auch im Herzen und natürlich in den Fingern. Er hat mir denn auch Ihre Lieder recht zum Verständniß gebracht, wofür ich ihm sehr dankbar bin. So schrieb er mir auch, daß er als er nach Leipzig gekommen, dort unter den neuesten Liedern auch Compositionen meiner Gedichte von Ihnen, von F. David und J. Meyer in Leipzig (Gewandhausorchestermitglied) gesehen. Ich habe mir dieselben, als ich Anfangs dieses Monates hierherkam, um mich hier zu fixiren, gleich geholt und habe Ihnen wieder recht warm zu danken. Sie haben mich sehr erfreut. Gewundert habe ich mich, daß Sie das scheinbar unmusikalische und weder für Concert noch Familie cantable „Gesungen“ doch in Musik gesetzt haben, wie mir’s freilich ungemein gefällt. Leider kann ich noch nicht selbst musiciren, indem ich am 1. d M. bei meiner Heimreise durch Umwerfen des Wagens mir den Arm gefallen [sic] habe. Productiv habe ich das letzte Jahr eigentlich nicht sein können, es sind wieder nur Kleinigkeiten entstanden. Ich nehme mir aber vor, Größeres zu machen: größere Epen, ein Lustspiel; auch habe ich mit Dietrich <für> auf einen Operntext gesonnen. Auch ein Oratorium für Sie zu durchdenken soll nun nach unserer letzten Aussprache, meine Aufgabe sein. Beifolgend erlaube ich mir Ihnen eine kleine Liederauswahl zuzusenden. Bald, hoffe ich, wird meine 2. (größere) Gedichtsammlung, welche ich R. Reinick widmete, erscheinen können und wünsche, daß auch daraus noch recht Viel Ihnen erwünscht sein möge. Mich freut, von Ihren angenehmen Verhältnissen in Düsseldorf zu wissen, und ich bin unter verbindlichen Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin
Ihr
ergebener
Wilh Schöpff cand. theol.
(bis Ostern:) Äuß. Rampische Gasse N. 48 (9 Musen)
2. Etage.

Gedichte von Wilfried von der Neun.
Tröstung.
’s ist ein gebroch’nes Leben,
So ohne Freund zu sein:
Da kann’s nicht Freude geben,
Wo man genießt allein.
Das Lied muß <häßlich> düster klingen,
Dem nicht ein Echo tönt;
Das Herz muß bald zerspringen,
Das in die Wüste stöhnt.
Drum ketten sich die Seelen
So gern an Seelen an,
Sich nimmer zu verhehlen,
Was freu’n, was trüben kann.
Und stirbt in unsren Armen
Ein Lieb’s dem andern nach,
Dann kommt’s, daß Nichts erwarmen,
Und Nichts uns trösten mag.
’s ist ein gebroch’nes Leben,
Ist man so ganz allein –
Doch das mag Freude geben:
„Wirst bald bei ihnen sein!“ –
Last des Herzens.
Ringum des Lenzes Duft,
Der Blüthen sel’ger Reigen!
Die Lerch’ in ferner Luft
Mag nicht vor Jubel schweigen.
Mir selber durch’s Gemüth
Zög’ gern des Lenzes Freude:
Die hat mich sonst durchsprüht –
Voll Bangens bin ich heute.
Aus all’ der Lust heraus
Klingt mir’s wie stilles Klagen,
Als würd’ zum letzen Haus
Was Lieb’s mir fortgetragen.
Die junge Freude schweigt,
Die alten Schmerzen reden:
Ach Herze, werde leicht,
Ich will um Ruhe beten!

Nachglück.
Wenn die Sonne niedersank,
Halte fest den klaren Schein,
Daß es strahlet hell und blank
In die stumme Nacht hinein.
Wenn die Freude von dir läßt,
Und das Leiden dich tritt an,
Halt’ des Jubels Nachklang fest,
Der’s ja übertönen kann.
Geh’ im Frühling auf die Au’,
Habe deine Lust am Grün,
Bade deinen Blick im Thau,
Der das Alles läßt erblüh’n.
Balde glüht der Sommer drauf,
Balde macht’s der Herbst zu Nicht;
Heb’ vom Lenz ein Blatt dir auf,
Das dir stets vom Lenze spricht.

Dichters Vesper.
Durch die Wellen treib’ ich den Kahn,
Schaue mir drinnen den Himmel an;
Und die Dörfer im Abendkleid
Ziehen vorüber wie Freud’ und Leid.
Schlafen geht der Sonnenschein,
Ufers Glöcklein singen ihn ein.
Vesperläuten macht mich weich,
Hör’ ich’s, so träum’ ich vom Himmel gleich.
Leise zieh’ ich das Ruder ein,
Falte die Händ’ und singe mein:
Ave Maria, Jungfrau rein!
Laß mein Flehn umsonst nicht sein!
Ohnegleiche,
Lächelnd neige
Dich auf den gewährend nieder,
Der Dir seine wärmsten Lieder
Allezeit
Dankt und weiht!
Ave Maria!

Der Freudlose.
Ein Wandrer geht in Mitternacht
Durch Fluren unbekannt und weit,
Kein Sonnenstrahl ihm freundlich lacht,
Und Keiner gibt ihm das Geleit’.
Die Sonne steht nicht früher auf,
Dieweil er nur ein Menschenkind;
Er schließt in Dämm’rung seinen Lauf,
Froh, daß er endlich Ruhe find’t.
Freudloser, sag’, bist Du das nicht?
Vergessen gehst Du durch die Welt;
Und dann erst wird’s am Himmel licht,
Wenn dir der Wanderstab entfällt.

Ein Nachtbild.
Des Tages Kön’gin hat gewandt
Ihr Antlitz ohne Gnaden,
Da ist Natur, von Zorn entbrannt,
Auf dieses Spiel gerathen.
Der Mond hält in den Händen fahl
Ein Scepter sonder Gleichen.
Es labt ihn, endlich auch einmal
Zu tragen Herrscherzeichen.
Die Bäume steh’n gar ritterlich
Am Thron ihm als Vasallen,
Und drüber wölben strahlend sich
Des Himmels mächt’ge Hallen.
Sie halten all’ den Odem ein
Vor Jubel und vor Zagen;
Sie spielen die Herr’n im Mondenschein
Da sie’s bei Tag nicht wagen.
Sie flüstern sich gar leise zu,
Was König Mond befohlen.
Der schaut indeß bei aller Ruh
Oft nach der Sonn’ verstohlen.
Denn all’ sein Glanz und Herrlichkeit
Gehören ja der Sonne,
Und kommt die wieder mit der Zeit,
Ade dann, Herrscherwonne!

Der Gottesmann.
Wie der Waldstrom braust,
Durch das Felsbett saust,
Wie erkrachen und wanken die Eichen!
Wie die Wogen sich bäumen,
Sich Kronen erschäumen,
Und Felsen und Damm übersteigen!
So erschafft der Mann,
Der mit Gott fängt an,
Viel himmelanragende Werke
Vor ihm sind die Thoren,
Die trotz’gen, verloren,
Denn Gott ist des Gläubigen Stärke.

  Absender: Schöpff, Wilhelm (1398)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 844-851
 



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