19.12.2019

Briefe



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ID: 379 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 03.06.1830
 

Mein geliebter Bookseller Charles!

Welch feurige Correspondenz haben wir doch seit einem ganzen Jahre geführt! wie jagte [über der Zeile eingefügt] ein Brief den andren! wie haben wir von Forcellini gesprochen u. von der pocket edition of the most eminent english autors pp.! Mit einem Worte verzeihe mir mein Schweigen wie ich Dir das Deine.

Vor allem meinen herzinniglichen Dank an Rosalien für den Geldbeutel, den mir Theichmann überbrachte; Geldbeutel u. Teichmann waren mir gleich unverhofft und lieb. Seit einem ganzen Vierteljahr hab' ich kein Wort aus Sachsen gehört. Ich habe vor 6-7 Wochen lange Briefe an die Mutter und Eduard abgesandt, aber noch keine Antwort erhalten. Liegt denn Heidelberg außer der Welt, daß Ihr so wenig schreibt u. seyd Ihr nicht sieben Verwandte, sieben schreiben, was angreift? Teichmann, als personificirte Heimath, schob fast die gegenwärtigen Bilder des Heidelberger Lebens in ein kleines, wehmütiges Heimweh um. -

Nach einer Pause:

Geliebter Carl!

Schön ist´s allerdings hier, aber Schulden sind auch da u. in Rosaliens Geldbeutel ist wahrlich noch kein Kreuzer gewesen. Das Sommerleben ist herrlich; um 4 Uhr steh´ ich jeden Morgen auf, der Himmel ist zum Küssen blau, bis 8 Uhr arbeit´ ich Pandecten u. Privatrecht; von 8-10 Uhr spiel ich Clavir; von 10-12 bey Thiebaut u. Mittermayer; von 12-2 Uhr geht´s in den Strassen spaziren u. zum Essen; von 2-4 bei Zachariä u. Johannsen; dann geht´s aufs Schloss, oder an den Rhein oder in meine geliebten Berge. Dies ist kurz mein Lebenslauf.
Nach einer längeren Pause u. gefasster Courage!
Lieber Bruder! wenn Du irgend kannst, so beschwör´ ich Dich: schicke mir mit erster Gelegenheit einen Wechsel, dessen Summe ich ganz Deiner bekannten Grossmuth überlasse. Bedenke, dass ich, wenn ich in Leipzig fortstudirt hätte, Dir vergangne Michaeli, Weihnachten u. Ostern jedesmal 8 Tage zur Last gefallen wäre u. dass ich Frühstück, Wein, Cigarren, Champagner, Billard auf dem Verein schon hoch anschlagen könnte. Im Ernst: bedenkte, dass gestern mein dritter Termin von 150 Tl. bey einem Studentenpumpier abgelaufen ist u. dass ich bis zum 18. July Geld schaffen muss; bedenke die Collegien...
bedenke endlich den Schneider, Schuster, Waschfrau, Clavier, u. die verfluchten Cigarren u. meinen eignen Magen, so bescheidne Ansprüche er macht... Also, lieber, bester Carl ein Wechselchen, ein Wechselchen! Der Mutter brauchst Du nichts davon zu sagen...

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Heidelberg
  Empfänger: Schumann, Carl (1429)
  Empfangsort: Schneeberg
 



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