15.07.2019

Briefe



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ID: 3914 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 26.08.1840 bis: 15.10.1840
 

Verehrter Herr Doctor!
Ihr gütiges Schreiben ist mir vor 3 Wochen geworden, und ich sage meinen herzlichsten Dank für Ihre mich sehr ermunternden Worte; und erlaube mir Ihnen für die 12te Beilage ein Lied für eine Stimme zu senden, da ich in Männergesängen sehr wenig gethan habe. Ihr hochherziges Interesse, das Sie jungen Talenten schenken, zu sehr kennend, wage ich es, Sie mit meiner Bitte bekanntzumachen: Ich habe von der Akademie den Text „Orest“ tragische Oper v. Dr Reinbeck zur akademischen Aufgabe erhalten und frage Sie an, ob Ihre Zeit es Ihnen wohl gestattet, mir nach vollendetem ersten Act, Rath und That angedeihen zu lassen? Ihr herrlicher Liederkreis macht mir und meinen Schülerinnen große Freude, es ist Alles so trefflich, so wahr daß ich nicht weiß, welchen Liedern ich einen bedingten Vorzug geben möchte; nur habe ich abermals eingesehen, daß wir Berliner zu weit zurück sind, um dem besser werdenden musikalischen Zeitgeist näher zu kommen. Im Liederfache ist Kücken hier der beliebte, weil er die Kunst versteht Walzer und Gallops mit Text zu fabriziren, und da laufen die jüngern dieses Gelichters mit um auch in Thee und Kafeegesellschaften gefeiert zu werden. Wenn nun aber eine so herrliche Erscheinung wie Ihr Liederkreis auftritt, so sind die Leute durch solche Kuckensche [sic] oder sonstige Sachen so grenzenlos verflacht, daß das Höhere Bessere nicht verstanden wird; ich will aber in meinen Kreisen wenigstens so etwas nicht dulden, und ich habe mit Ihrem Werke schon manchen bekehrt. Meine vielfachen Schülerinnen, welche hier z. B Fr. Schulze am Königl Theater, Fr. Aug. Lowe [sic], Feska, Caspari, einen größeren Ruf genießen, werden dieselben so viel verbreiten, daß Ihnen verehrter Meister, der Seegen wird, dem erbärmlichen jetzigen Berliner Liederzustande, aufgeholfen zu haben. Außerordentlich freue ich mich schon auf die nächsten; noch muß ich Ihnen sagen, daß ich Nro 7 auch als Lied ohne Worte in vielen musikalischen Vereinigungen mit dem größten Beifall vorgetragen habe. Ihrer freundlichen Nachsicht vertrauend, die Sie mit meinem Briefe haben müssen, zeichne ich stets mit der größten Verehrung
ganz ergebenst
Julius Stern
Große Hamburger Str 31.

26 Aug. 40.
Lieb wäre es mir, wenn Sie, mein verehrter Meister, mir erlaubten in einem Aufsatze für Ihre Zeitung, „über den Berliner Liederzustand“, meine Galle auszuschütten.

15 October 1840
habe ich die Ehre, Ihnen, nach endlicher Erlösung von akademischen Aufgaben und Aufführungen zur Huldigung unseres Königes, diesen Brief mit 2 Liedern übersenden zu dürfen. Vielleicht komme ich selbst, um persönlich Vergebung zu finden, wenn ich durch diese Verzögerung Ihre Ungnade auf mich gezogen hätte, nach Ihrem Leipzig, wo die Musik in Ihnen und Mendelsohn, (der mir die beste Zeit zur Reise bestimmt [sic] wollte) so herrliche Vertreter gefunden hat. Ihre Lieder haben schon außerordentlichen Anklang gefunden, und ich höre mit Freude, daß die neuen Lieder hier erscheinen werden.
Mit der größten Hochachtung und Verehrung ganz ergebenster
Julius Stern.

Sollten diese Lieder Ihren Beifall haben, so erlaube ich mir, dieselben, in einem größeren Liederheft Ihnen, als einen nur geringen Beweis meiner Achtung und Verehrung für Ihre Meisterwerke zu zu eignen.
D. Obige

[BV-E, Nr. 1730:] mit Manuscript f. d. Beilagen.

  Absender: Stern, Julius (1546)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 654-657
 



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