19.12.2019

Briefe



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ID: 392 Brieftext


Geschrieben am: Montag 08.08.1831
 

Leipzig am 8ten August 31.
„Vergiß mich nicht ganz“ waren Deine Worte bey’m letzten Abschied,1 meine gute Mutter! Acht Wochen sind seitdem vergangen und Du hast wohl Ursache, Deine letzten Worte jetzt in einem Sinn auszulegen, der mich erröthen machen könnte. Wenn ich Dir sagen wollte, ich hätte vor lauter Arbeiten◊1 und Fleiß kaum gewußt, was ich mit der Zeit anfangen sollte, so würdest Du’s schwerlich glauben – und doch ist’s so – wenn ich Dir aber sage: nimm’s nicht böse – ich habe gefehlt – so drückst Du mir vielleicht wieder die Hand so herzlich, wie sonst, wenn ich kam und gefehlt hatte.
Nun ist aber der Himmel heute so schön blau, daß ich so recht eigentlich Jemanden haben möchte, dem ich’s recht sagen könnte, wie glücklich und sommerlich es in mir aussieht, wie mein inneres ruhiges Kunstleben alle Leidenschaften zurückdrängt, wie ich mich oft minutenlang auf der Spitze eines Ideals für die Zukunft drehen kann, mit einem Worte, wie ich manchmal recht den Augenblick der Gegenwart fühle. Wem könnt’ ich’s aber so sagen, wie Dir, die Du mich sonst immer richtig schätztest, oft fast zu gut, meinen Fehlern nachsahst oder vorbeugtest und meinem Herzen vertrautest, wenn der Kopf durchaus schief gehen wollte? – Es ist nähmlich eine schöne Sache mit einem jungen Dichter und vollends mit einem jungen Componisten. Du kannst kaum glauben, was das für ein Gefühl ist, wenn er sich sagen kann: Dies Werk ist ganz Dein, kein Mensch nimmt Dir dies Eigenthum und kann Dir’s nicht nehmen: denn es ist ganz Dein; o fühltest Du dieses „Ganz“. Da der Grund zu diesem Gefühl nur selten kömmt, da der Genius nur ein Augenblick ist, so bricht es dann auch in seiner ganzen Schönheit hervor u. erzeugt eine Art von beruhigendem Selbstvertrauen, das keinen Tadler zu fürchten braucht. In der ganzen Zeit meines Schweigens gegen Dich überfiel mich dieses oft wie ein Traum, aus dem ich nicht gern erwachen wollte; dann war aber Alles um mich sehr edel und die Welt reich und glänzend. Ist man endlich eines und ruhig mit und in sich, so lösen sich die Begriffe von Ruhm, Lob, Unsterblichkeit pp, von denen man gern träumt, ohne etwas <da>zu ihrer Erreichung zu thun, in milde Regeln auf, die man der Zeit, dem Leben und der Erfahrung ablauschen muß. Um etwas großes, Ruhig-schönes zu Tag zu fördern, muß man der Zeit nur Sandkörner abstehlen; das ganze, Vollendete kommt nicht auf einmal; viel weniger schneit es der Himmel herunter2
|2| Daß nun manchmal Augenblicke kommen, in denen man zurückzuschreiten glaubt, während dies letzte oft nur ein mehr oder weniger schwankendes Fortschreiten ist, liegt in der Natur. Läßt man diesen◊2 vorüber gehn und greift dann wieder rasch und muthig an, so geht’s wieder frisch fort.
Dies ist im Kurzen, meine geliebte Mutter, die Lebensgeschichte der acht Wochen, in denen Du mich vielleicht für verloren glaubtest, während ich oft im Stillen und zu jeder Tageszeit an Dich dachte und Deiner spätern Freude mich freute.
Auch mein Privatleben hat sich anders gestaltet; man erkennt hier und da mein Talent <auf> an, verspricht sich Etwas von der Zukunft und wer mich kennt, ist auch gern bey mir, wie es scheint. Eine gewisse Schüchternheit vor der Welt kann ich nicht ganz verbergen; und es hätte wenig zu bedeuten, wenn ich manchmal gröber wäre.
Der häufigere Umgang mit Wieck3 hat eine gute Veränderung in mir hervorgebracht; er scheint jetzt so theilnehmend gegen mich, wie ich früher nie glaubte, giebt nach und zankt, wo er es für gut hält – und muntert und regt mich immer an. Es wäre mir lieb, wenn Du ihm in ein paar Zeilen für die Aufmerksamkeit, die er jezt für mich hat, danktest.4 Er hat sich neulich gegen Lühe5 geäußert, daß er sich wundere, daß meine Familie, die mich ihm doch gewissermaßen anvertraut hätte, noch niemals nach mir gefragt habe, wie es eigentlich mit mir ging, ob ich Rück- oder Fortschritte mache<n> pp, die Familie müsse sich gar nicht um mich bekümmern – er begreife das nicht pp – So wenig dies ein Vorwurf für Dich oder die Brüder6 seyn soll, so glaub’ ich dennoch, daß er hierin Recht hat. Also thu mir die Liebe!
So gesund und fröhlich ich bin, so hab’ ich doch vor der Cholera7 Angst, weniger als Krankheit, als in ihren Folgen. Mein Testament hab’ ich zu Vorsicht gemacht,8 aber so spaßhaft als möglich, da ich mir gar nicht einbilden kann, daß ich jemals sterben könne.
Ich hätte Dir noch manches zu erzählen, verschieb’ aber Alles auf Deine Antwort. Ich flüstere dir daher Jean Paul’s goldene Regel zu: daß sich nie ein Brief besser beantworten lasse, als wenn man ihn zum erstenmal durchgelesen hat9 (bey mir muß es wohl heißen, durchbuchstabirt).
Nun Adieu, gute, beste Mutter! Vertraue meinem Fleiß und meinem Genius, der immer um mich seyn möge.
Dein
Dich innigst verehrender Sohn Robert.

◊3In voriger Nacht träumt’ ich von Dir, aber jedesmal ganz schrecklich. –
Gefällt Dir die Uhr für Rudel?10
Kommt die Cholera näher, so komm’ ich vielleicht nach Zwickau oder Schneeberg

|4| Ihro Wohlgeboren
Frau Buchhändler Christiane Schumann
geborne Schnabel
Zwickau.

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Christiane (2895)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: I / Band: 1
Briefwechsel mit den Verwandten in Zwickau und Schneeberg / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-007-0
270ff.
 



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