19.12.2019

Briefe



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ID: 4045 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 12.11.1841
 

Herz lieber Robert.
Von Berlin nach Dresden zurückgekehrt, bitt ich Dich herzlich daß wenn Du meine Aufsätze welche ich Dir von Berlin durch Schlesinger sandte nicht für Deine Zeitschrift benutzen könntest mir selbe hierher zu schicken, ich würde sie dann in der Abendzeitung drucken lassen Lvoff ist ein lieber Kerl der auch viel von Dir hält und dem ich gern etwas freundliches erweisen möchte: Binnen Kurzem erscheinen von mir „Portraits für Freunde der Tonkunst, das erste Heft enthält Mendelsohn Bartholdy Meyerbeer, Fr. Schneider u Halevy, fürs zweite Heft hab’ ich Marschner, Spohr Dich und Chopin bestimmt. Diese Galerie soll nur lebende Componisten enthalten daß ich in dem Dich betreffenden Artikel Clara nicht unerwähnt lasse versteht sich von selber. Leider kenn ich von Deinen größeren Instrumentalstücken nichts als das Bruchstück Deiner Symphonie, welches Du mir auf Deinem Zimmer zeigtest Könntest Du mir die Partitur auf einige Tage zur Ansicht schicken, so sollt’ es mir sehr lieb seyn –
In Dessau wurde die Schuberth Symphonie vom alten Schneider sehr gut aufgeführt sprach indessen im Ganzen wenig an. Die Herzogin wollte daß sie gekürzt würde und da Schneider sich dazu nicht verstehen wollte so kam sie während ich dort war nicht wieder zur Aufführung die Ouvertüren zur Melusine und Sommernachtstraum hörte ich in Dessau 2mal Leztere das leztemal in höchster Vollkommenheit eben so Mozarts Symphonien in C u Es.
Am 10ten wurde hier der Don Juan deutsch, aber bis die Recitative parlandos vollständig gegeben die Schröder Devrient als Anna übertraf sich diesmal selber, sie soll besser bei Stimme als seit Jahren gewesen seyn, sang nicht nur alle ihre Arien sondern auch die Schlußfuge mit neben ihr glänzte die Wüst als Elvira Räder war zu meinem freudigsten Erstaunen ein sehr feiner Leporello – der beste welchen ich seit Benincasa gesehen habe eine Mamsell Thiele, ein junges hübsches Mädchen machte ihren ersten zum Verwundern gelungenen Versuch als Zerline, D. Octavio Schuster, Comthur Risse waren sehr brav, die verstärkten Chöre machten sich namentlich im ersten Finale und in der Schlußfuge prächtig. Wächter als Don Juan sang sehr schön besonders im A Dur-Terzett. Das Duett gib mir die Hand mein Leben so wie die Don Juan-Arie in B wurden stürmisch Da capo verlangt. Das große Haus war überfüllt und der Beifall ungeheuer nach der großen Scene wurde die Schröder-Devrient und am Schluß alle gerufen.
Reißiger hatte sich diesmal tüchtig in die Partitur hinein studirt und ich weiß mich nicht zu erinnern daß er jemals besser dirigiert hätte Das Andante der Ouvertüre, das erste Allo im ersten Finale, das A Dur Terzett das große Sextett ganz vorzüglich aber die Fanfare beim Beginn des 2ten Finales sowie die Schlußfuge nahm er köstlich und ich ärgerte mich höllisch daß ich Dich nicht neben mir hatte.
Ich bin jetzt infam melancholisch und außer der Kunst hab ich nur Freude an meinen Kindern, mein Dorchen ist ein allerliebstes gescheites Mädel von 4 Jahren und der Junge welcher in zwei Monaten erst ein Jahr alt wird tacirt schon trotz einem Capellmeister und so wild und unbändig er sonst ist, ist er mäuschenstill so wie er einen Ton auf dem Clavier anschlagen hört.
Caroline hat mich als reuigen Sünder aufgenommen, sie ist sehr gut und sorgsam aber das drückt mich um so mehr als unser früheres schönes Verhältniß durch meine Schuld zerstört ist und ich weiß, daß sie mir nicht mehr traut woraus dann oft ärgerliche Quälereien entstehen. Wenn Du kein Esel bist, so gieb Deiner Clara nie Veranlassung eifersüchtig zu werden ist es einmal soweit gekommen so ist alles eheliche Glück zum Teufel.
Addio Bester leb wohl, grüß Dein Weibchen u gedenke in Liebe
Deines Lyser

Dresden den 12 Nov 1841.

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
776ff.
 



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