19.12.2019

Briefe



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ID: 4086 Brieftext


Geschrieben am: Montag 17.05.1841
 

Berlin d 17 Mai 1841
Lieber Schumann!
Ihr Briefchen vom 11 d. M. hat mich um so mehr erfreut, als es nach der Umarmung meiner guten Frau u. meiner kleinen lieben Liese, die schon über’n Tisch wegguckt, das erste war, was mir hier in die Hände fiel. Sie suchen mich wie ein wahrer Freund zu trösten, Sie sagen, ich sei bitter u. verstimmt. Es ist wahr, aber ich wünschte nicht, daß Sie in meiner Haut stäcken, Sie würden meine Stimmung nur zu sehr begreiflich finden. Die Hoffnung mich aufzurappeln hab’ ich aber dessenungeachtet noch nicht verloren, und bleib’ ich nur gesund am Leibe, wie ich’s Gottlob bin, so soll noch alles besser werden, hoffe ich.
Recht innig hat mich Ihre Mittheilung des Glücks gefreut, das Sie mit Ihrer Symphonie gehabt, und ich halte es für ein gutes Zeichen meines sonst vielschwankigen Charakters, daß mich solch ein Glück eines andern Künstlers nicht mit Neid u. Scheelsucht erfüllt, sondern mich wirklich erfreut, u. weit mehr meinen Nacheifer erweckt, als irgend etwas. Außer diesen, gewiß nicht verwerflichen Zügen habe ich nur noch zwei Register, die meinen Charakter erträglich machen, den ich zum Erschrecken genau kenne, – das eine ist das der Dankbarkeit, worauf ich einigermaßen stolz bin, da diese Tugend so selten sein soll, daß die Welt ein häßlich Sprichwort darüber im Munde führt; das andere das der Unpartheilichkeit gegen mich und andere. Dies letzte Register wird zwar bisweilen durch eine überlaute Stimme des Herzens übertönt, aber nie auf die Dauer zum Schweigen gebracht. Meine von manchen, die mir näher stehen gerühmte Gutmüthigkeit ist eigentlich nicht weit her, ich weiß am besten, daß das was man so nennt mehr Laune ist als Charakterzug oder Willensäußerung. Doch was hab ich da geschwatzt. Ich bitte vernichten Sie mir zu Liebe diese Zeilen, damit sie nicht einmal einem in die Hände fallen, der so etwas falsch versteht. Also Ihr musikalisches Glück u. Ihr häusliches ebenso hat mich sehr gefreut, u. ich sprach mich schon tags darauf gegen Frau Bargiel, die ich auf der Straße traf, darüber aus. Die theilte mir noch ein Ihnen bevorstehendes Glück mit, wovon Sie in Ihrem Briefchen schweigen, u. das doch sehr der Rede werth ist. Ich habe so etwas wohl geahnt, da Ihre liebe Clara den ganzen Winter sich nicht vor dem Publikum gezeigt, auch keine Kunstreise mit Ihnen gemacht hat; aber die Nachricht Ihres neulichen Conzerts machte mich wieder ungläubig. Also ist’s doch wahr, und Florestan u. Eusebius können bald mit Macht den Händelschen Chor anstimmen: „Uns ist zum Heil ein Kind geboren!“ und am Ende, den Text weiter verfolgend: „ein Sohn geboren“, denn ordentliche Musiker fangen immer mit ’nem Jungen an. Glück auf! –
Nun kommt das langweilige Ende, – das Geschäftliche. Den im November v. J. überschickten Aufsatz über „Elbing, Danzig, Marienwerder“, den Sie nicht gedruckt haben, schicken Sie mir gefälligst, wenn Sie ihn noch haben, direckt oder an Mad Bargiel zurück, damit ich ihn umarbeite. Ist er in 8 Tagen nicht hier, so schreibe ich einen ganz neuen aus dem Gedächtniß. Inzwischen erhalten Sie bald etwas neues über Berlin. Sie kennen mich nicht, lieber Schumann, wenn Sie glauben, es sei eine egoistische Drohung, indem ich sage, ich möchte mich von allem Kritisiren u. Schriftstellern zurückziehen. Es ist mein Ernst, und ich schreibe nur noch des Geldes wegen und, – weil ich eben ’mal drin bin, denn ich habe längst eingesehen, daß zwanzig Druckbogen Kritik noch nicht einen einzigen Bogen schöner Composition aufwiegen, daß mit dem Schreiben Niemandem, am wenigsten dem Schreiber genützt wird, der sich dadurch, grade wenn er aufrichtig ist 1 000 Wege musikalischer Anerkennung verrammelt. Sie sehen das so gut ein als ich, und sagen ja selbst Sie wollen sich zurückziehen. Aufrichtig gesagt, wenn Sie die Zeitung einmal verkaufen sollten, u. meine Stellung sich noch nicht geändert hätte, so wäre es mir lieb, wenn Sie mich dem neuen Herausgeber als Redacteur oder Mitredacteur vorschlügen. Wie können Sie nur glauben, daß ich Ihnen drohe, u auf diese Art irgend etwas zu erreichen suchen möchte. Ich bin im Gegentheil selten Jemanden so zugethan als Ihnen u. ich hoffe, daß [sic] soll sich vor der Hand, was an mir ist wenigstens, nicht ändern, nie! Wenn ich was von Ihnen haben will, so sag’ ich’s grade hin, da ich weiß, mit wem ich’s zu thun habe. So sag ich denn auch jetzt, daß es mir lieb wäre, wenn Sie mir nach Tödtung des Vorschusses, den ich noch bei der Redaction habe, von jetzt an etwas mehr für meine Beiträge zahlen könnten, nämlich 12 Thaler. Ist’s aber nicht möglich, so bleibts beim Alten, obwohl es mir lieb wäre, denn ich habe wieder eine kleine Tochter vorgefunden. Auch gesteh’ ich, daß mir’s nicht lieb ist, wenn Sie in meinen Artikeln halbe Spalten u. mehr beseitigen, u. zwar [ist mir’s unlieb] rein aus pekuniärem Grunde. Daß Sie einzelne Sätze u. Worte streichen, ist mir oft sehr angenehm, und ganz nach meinem Sinne, auch muß die Redaction solch Recht haben; allein wenn Ihnen ein Artikel einmal zu lang ist, so thun Sie mir einen Gefallen, ihn mir zu remittiren, damit ich ihn in einem Journal, das mehr Platz hat drucken lassen, und Ihnen einen anders gearbeiteten Auszug dafür schicken kann. Auf diesen Liebesdienst rechne ich fortan. Von den Nummern der Zeitung, die ich vorgefunden fehlen mir im XIII Bande 25, 26, 33 und 34, die nicht eingegangen sind, auch bei Schlesinger nicht liegen. Im neuen XIV Bande fehlen No. 9, 10, 15, 16, 33 u. 34. Lassen Sie Friese sagen, er soll sie mir senden. Gestern sprach ich Mendelssohn, er bleibt ein Jahr hier, wie er mir sagt; das Uebrige ließ er mich errathen. Kommen Sie auch her lieber Schumann! wir wollen uns schon vertragen. Gruß Ihrer Frau!!
Ihr F. H. Truhn.

[BV-E, Nr. 1920:] Mit Correspondenz.

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 854-857
 



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