19.12.2019

Briefe



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ID: 4264 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 14.01.1844 bis: 26.01.1844
 

Paris d. 14 Januar 1844.
rue des petites écuries 45.

Hochverehrter Herr Doctor!
Lange habe ich gezögert, Ihnen wie Sie gewünscht, einen Bericht über das hiesige Musiktreiben zu geben. Die Verhältnisse in denen ich durch mannichfache Verbindungen lebe, lassen mich Ihnen eben nicht mehr als einen Bericht geben. Was Ihnen zu viel scheint, lasse ich Ihrer Censur anheim fallen. Mit dem heutigen Tage hat die Gesellschaft der Conservatoire-Concerte (durchaus unabhängig von dem Institute gleichen Namens, dessen Saal sie allein in Anspruch nimmt,) ihre Concerte begonnen. Mendelsohns, unseres geliebten Meisters herrliche amoll Symphonie eröffnete den Reigen. Das schöne Werk ist Ihnen genugsam bekannt; ich spreche Ihnen nur von der wunderbaren Ausführung. Das Zeitmaaß war bis auf die Introduction, die mir zu langsam schien, getroffen. Flöte und Oboe excellirten in den schnellen, schwierigen Gängen des letzten Satzes. Das Publikum erkannte durch einstimmigen Beifall den Werth der geistreichen Composition, die wir hoffentlich noch einmal in diesem Cyclus hören werden. Das schöne Concertino für die Posaune von David wurde von Hrn. Belcke aus Berlin mit vieler Fertigkeit vorgetragen. Eine sehr natürliche Befangenheit hatte ihm, im Anfange die nöthige Sicherheit geraubt. Er wie sein Bruder, Flötist der Altenburger Kapelle sollen, wie hiesige Blätter sagen, viel Beifall in hiesigen Salons gefunden habe. Das schöne Sanctus aus der bdur Messe von Haydn, die gdur Symphonie desselben Meisters brachten durch ihre Klarheit und Jugendfrische die wohlthuendste Wirkung hervor. Vor Allem aber war die Ausführung des Chores und Marsches aus den Ruinen von Athen von Beethoven der Glanzpunkt des Tages. Eine solche Vollendung hatte ich nicht geahnet. Das Publikum verlangte stürmisch die Wiederholung. Habeneck’s treffliches Talent hat sich mir in den Proben denen ich beiwohnte, auf’s Neue offenbart. Ich wüßte – mit Ausnahme Mendelsohns – keinen besseren Dirigenten zu nennen. Eigenthümlich bleibt es, daß keiner der hiesigen Dirigenten Componist ist. Der erste Violinspieler (bei uns: Concertmeister) chef d’orchestre macht sich bei Einstudierung eines neuen Werkes (ich spreche hier von Opern) mit den Intentionen des anwesenden Componisten bekannt. – Wie vielen deutschen Theatern und Concertinstituten, die unter dem Joche eines selbstsüchtigen Componisten seufzen wäre die Direction eines Nichtcomponirenden wünschenswerth? Dieser kann wenigstens nicht schädlich werden; und das ist auch was werth; denn erleben wir nicht täglich Beispiele der großen Schädlichkeit gewisser componirender Dirigenten. – – Von andern hiesigen Orchesterleistungen wüßte ich nicht viel zu sagen. Das Concert Vivienne, das sich hauptsächlich mit Quadrillen und Romanzen beschäftigt, giebt nur selten ein Satz aus Mozarts oder Beethovens Symphonien öfters aber sogenannte romantische Symphonien, Nachahmungen von Berlioz, aber ohne Geist, ohne Romantik. Die Titel sind noch das Beste an diesen Symphonien: z. B. der Hexensabbath von Turbry, Une nuit à Rome von Vimeux, einem sonst talentvollen RomanzenComponisten. etc etc Der Director des Concerts Vivienne Mr Elwart, gegen welchen man weil er den ersten Preis des Conservatoirs empfangen, ein Vorurtheil hat, scheint mir seinen Schülern (er ist Lehrer des Generalbasses im Conservatoir) durch seine Compositionen kein gutes Beispiel zu geben, wenn er ihnen nicht vielleicht zeigen will, wie man nicht schreiben soll, um sie dadurch negativ zu belehren. Eine Symphonie, von ihm, zum Leichenbegängnisse einer hohen Person componirt, enthält neben vielem Gesuchten recht viel Gutes. Mr Elwart hat im 3ten Satz durch eine ganz absonderliche Instrumentirung manchen Effect erreicht. Oboen, Clarinetten, Pauken, Harfe (des Leichenbegängnisses [sic] mit schwarzen silbergestickten Floren umwickelt), interessiren Ohr und Aug’. Im letzten Satze treten noch 4 ungeheure Glocken hinzu, die das Tema bilden: XXXX etc. Das Ganze artet zuletzt in einen äußerst monotonen Spectacel aus. – Das Orchester dieses täglichen Concerts ist recht gut. Der erste Posaunist Mr Nabich, ein Sachse, zeichnet sich durch weiche Behandlung seines Instrumentes aus; in dem beliebten Concertino von David hat er sich allgemeine Anerkennung erworben. Er besitzt bedeutende Fertigkeit, muß sich aber noch im Gesange vervollkommnen. Iwan Müller, der bekannte Clarinettist ist im Concert vivienne wieder auferstanden. erstanden. Seine hohe mechanische Vollendung verbunden mit dem seelenvollsten Vortrage lassen mich ihn als den Ersten seines Instruments schätzen. In einem Nächsten mehr über Iwan Müller’s neue und wichtige Verbesserungen der Clarinette, die, wie er sagt, die drei verschiedenen Clarinetten B. A. C. verschwinden lassen werden, indem er auf einer Clarinette alle Vorzüge der drei anderen vereinigen wird. Iwan Müllers und eines jungen sehr talentvollen Mr Bergson’s neustes Werk, ein Duo für Piano und Clarinette empfehle ich Ihnen; beide Parthien sind mit großer Kenntniß der Instrumente geschrieben. Mr Bergson’s Trio, welches bei Hofmeister in Leipzig erschienen, soll viel Schönes enthalten. Von Clavierspielerin nenne ich Ihnen besonders Hallé, der sich durch vortrefflichen Vortrag der besten Werke auszeichnet. – Chopin’s, Heller’s, Mendelsohn’s, Moscheles’ Compositionen sind es besonders, die er in geistvoller Auffassung zu Gehör bringt. Heller, unstreitig der bedeutendste Claviercomponist, der es hier mit deutscher Kunst wahrhaft redlich meint, hat durch ein großes Scherzo in emoll von Neuem den Beweis geliefert, daß er Ausgezeichnetes zu leisten, im Stande ist. Rosenhain wie Edouard Wolff, von denen ich noch nichts kenne werden mir sehr gerühmt. Von jüngeren Klavierspielern nenne ich Ihnen als sehr tüchtig, Hrn. Gutmann und Schimon, (Deutsche) und Hrn. Bovy, der unter dem Namen von Lysberg viel Hübsches componirt hat. Die alten Klavierhelden Kalkbrenner und Herz sind Handelsleute geworden; sie schachern mit Klavieren, vermiethen ihre Sääle zu Concerten etc. Erard u Pleyel bleiben die ersten Instrumentenbauer; Pleyel für das Zimmer, Erard für den Saal. Von vielfachen Concerten sind nur einige der Beachtung werth. – Schlesinger’s Matinéen sollen durch Alards, des trefflichen Geigers und der Sängerin Lia Duport Mitwirkung sehr gut sein; ein Concert der France musicale, (Nebenbuhlerin der „Gazette musicale[“] von Schlesinger) hat nichts Bedeutendes geboten. Sehr mittelmäßige Compositionen der Herren Labarre u Rosellen füllten das Program.
Berlioz Concert war höchst interessant. War es die vortreffliche Aufführung oder die genauere Kenntniß seiner Musik, sie hat auf mich, hier, einen tiefern Eindruck als bei uns in Deutschland gemacht. Seine Gegner, deren er auch hier viele hat, können ihm Geist und Phantasie nicht absprechen. Ich nenne vorzugsweise den Marsch der Pilger in der Harolds Symphonie, das Scherzo „Königin Mab“, betitelt. Die reichste Phantasie, Romantik, Feinheit, Gracie und vor Allem eine ausgesuchte Instrumentirung geben diesen Stücken einen bedeutenden Rang in der Instrumental Composition. Berlioz muß mit anderem, als gewöhnlichem Maaße gemessen werden; um ihn gerecht zu beurtheilen muß man seinen Charakter, sein ganzes Wesen kennen. Berlioz ist nicht affectirt wie so viele behaupten; er giebt sich wie er ist. Er verfolgt stets eine edle Richtung, etwas das man hier nur von sehr Wenigen sagen kann. Er giebt in den nächsten Tagen ein Concert, wo wieder viel Neues zu hören sein wird. – Von den Geigern, die hier wie die Pilze aufschießen, ist nur das Beste zu sagen. Panofka, Maurin, Herrmann, (ersten [sic] Preise des Conservatoirs) Dancla sind vortrefflich. Panofka, der die Leitung des Orchesters bei den geistlichen Concerten des Prinzen von der Moskowa übernommen, componirt viel; eine dramatische Scene für Gesang enthält sehr viel Schönes. Eine Preisvertheilung an die Schüler des Conservatoriums unter dem Praesidium des Herrn Auber und der berühmten Schauspielerin Mlle Mars war recht interessant. Eine Ouverture des praemierten Herrn Masset [sic] war sehr unbedeutend; dagegen die Ausführung des Orchesters, (nur aus Schülern des Instituts zusammengesetzt) überraschend. Mlle Duval u Mr Gassier, (Eleven der Herren Bordogni und Panseron) verdienten die ihnen gezollte Anerkennung. – Im Frühjahre kömmt vielleicht noch ein dramatisches Oratorium des, hier mit Recht sehr geschätzten Dr Kastners zur Aufführung. Man verspricht sich sehr viel von diesem Werke, da Kastner sich durch ernstere Compositionen schon ausgezeichnet hat. Seine Lehrbücher sind hier bei allen Musikinstrumenten eingeführt. Ueber Gesang und Oper werde ich nächstens Ihnen schreiben; doch bitte ich zuvörderst mich wissen zu lassen, ob es Ihnen auch in meiner simplen Sprache genehm ist. Ich erwarte also vorher einige Zeilen von Ihnen, mein hochverehrter Herr Doctor, ehe ich Ihnen die Fortsetzung einsende. – Mir selbst geht es vortrefflich; ich suche mich deutscher Kunst nützlich zu machen und werde in 14 Tagen die Genugthuung haben die Antigone von Mendelsohn in dem Hause eines deutschen Banquiers L.. aufzuführen. Ich bin Dirigent eines ziemlich guten Chors geworden, und gedenke nach und nach, wenn auch mit oft großen Mühen, unseren guten deutschen Meistern hier [mehr und mehr] Anerkennung zu verschaffen. Ihre Lieder, so reich an Fantaisie und geistreicher Musik habe ich schon Vielen mitgetheilt und sind es denn besonders „die Widmung“ aus den Myrthen und „die stillen Thränen“ die ganz vorzugsweise Lieblinge unseres Kreises sind. Ich gehe hier sehr langsam mit Neuem vorwärts. Gesänge von Ihnen von Mendelsohn, müßten oft, sehr oft selbst dem gebildeten Laien vorgeführt werden; nach und nach begreift er, er lernt die Schönheiten herausfinden, das Wahre, innen Wohnende würdigen. – Meine kleinen Lieder op 14, die Ihnen vielleicht durch Trautwein u Comp. zugeschickt worden, dürften wenigstens theilweise, nicht ganz Ihre Unzufriedenheit tragen. Ihr Blatt ist mir leider fremd geworden, da ich mit Schlesinger in seinen Geschmackes und andern Kunstansichten, wie in seinem Benehmen nicht harmoniren kann. Meyerbeer, Spontini, Adam und Andere nehmen sich meiner freundlich an. Vielfache Empfehlungen haben mir die besten Häuser geöffnet und so rechne ich meinen Aufenthalt zu einem sehr glücklichen. Wenn Sie vielleicht ein Exemplar Ihrer Männerquartette oder Ihrer Gesänge, die hier schwer zu erhalten sind, übrig haben, so erweisen Sie mir und unserer chorischen Vereinigung, durch Zusendung Ihrer Gesänge eine große Freude, und muntern dadurch zu fernerem Fortschreiten mit den besten Werken unserer Zeit auf. Ich bitte der Frau Doctorin Schumann zu sagen, daß der Name „Clara Wieck“ hier im besten Gedenken steht. Auf die Freude, bald Ihre Symphonie hier im Conservatoir und gewiß besser als in Berlin executirt, zu hören. Mit der größten Hochverehrung grüße ich Sie auf das beste.
Ihre baldige Antwort wegen einer zu liefernden Fortsetzung erwartend, zeichne
ganz ergeben
Julius Stern
Paris 26 Januar 1844.

Herrn und Madame Friese bitte ich mich zu empfehlen.

[BV-E, Nr. 2839: –]

  Absender: Stern, Julius (1546)
  Absendeort: Paris
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
668-677
 



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