19.12.2019

Briefe



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ID: 4266 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 25.04.1841
 

Hrn. Dr. R. Schumann, Wohlgeboren
Was, Truhn?! – Eine verschollene Stimme aus Sibiriens Schneewüsten, was dringt sie zu den Lebenden, zu den Glücklichen die Symphonieen schreiben und sie von Mendelssohn dirigiren lassen können, die mit der ersten Clavierspielerin Europa’s ein Seel’ u. Leib sind. Ruh’, ruh’! verstörter Geist! Möchten Sie mir mit Hamlet zurufen, nicht wahr? aber ich bin leider kein verstörter Geist, sondern ein ganz verflucht vernünftiger, der immerfort nach einer sichern musikalischen u. bürgerlichen Existenz strebt u. nirgends recht festen Fuß fassen kann. Doch Sie mein lieber, guter Schumann, den ich herzlichst grüße, Sie haben mit sich selbst zu schaffen, u. nicht die Macht mir zu helfen, wie ich Ihnen auch den guten Willen dazu in reichstem Maaße zutraue. Ich bin ein Unglücklicher, theils durch eigene Schuld, aber weit mehr durch Schuld meiner musikal. u. sonstigen Erziehung. Doch davon spreche ich vielleicht später einmal, wenn Sie es hören wollen. Jetzt zum Geschäft, denn die Post wartet nicht auf mich. Von Danzig aus schrieb ich zweimal (im October u. im November) an Sie u. sandte Correspondenzen ein. Die erste über Königsberg wurde abgedruckt, die zweite über Elbing, Danzig, Marienwerder, so viel ich weiß, bis jetzt nicht. Warum nicht? Haben Sie dieselbe nebst dem Brief vom 13 Nov 1840 nicht erhalten, so will ich über die drei Städte noch einmal schreiben. Haben Sie das Manuscript bekommen, u. gefiel Ihnen manches nicht darin, so streichen Sie es fort, denn ich erinnere mich, daß manches für eine Musikzeitung unnötig darin war. Hat aber Hr. Musikdirector Sämann bevor er auf dem alten Finkschen Philisterabtritt seine Nothdurft verrichtete, sich gegen Sie über mich beklagt, und Sie bewogen nichts mehr von mir aufzunehmen – doch das glaub ich in Ewigkeit nicht – so müßte ich mich freilich bö[se] lächelnd zurückziehen, u meine Thätigkeit einem andern Journale zuwenden, wenn ich das überhaupt noch lange thun werde, denn ich setze alles daran, mir diese Journalthätigkeit vom Nacken zu schütteln. Man muß selbst Redacteur sein, um sich durch tausend eingerastete Vorurtheile siegreich durchzuschlagen, ein bloßer Mitarbeiter ist verloren, denn ich habe bisher keinen Redacteur gefunden, der seine Mitarbeiter nicht zuweilen im entscheidenden Augenblick im Stich ließ. Was diesen Sämann betrifft, so ist das einer jener gleißnerischen Musikphilister der in seinen Kreisen jedes aufrichtige Streben jüngerer Geister in seinen Kreisen verketzert u. beschränkt um seine kümmerliche Autorität aufrecht zu erhalten. Zu mir sprach er mit dem größten Lobhudel von der neuen musikalischen Zeitung von den Compositionen ihres Redacteur’s, von meinem eigenen Streben usw. u dann geht er spornstreichs hin nennt unser aller Streben neuromantisch, hypergenial, verrückt, arrogant, warnt die Leute vor dem Ankauf, ja der der [sic] Ansicht unserer nicht gediegenen Compositionen u. stützt sich in allem auf das klassische Urtheil Rellstab’s u. der alten Musikalischen. Da haben Sie den ganzen Burschen! Nun ziehen Sie ihn mir vor, wenn Sie können. Ich erwarte also umgehend ein Paar Zeilen von Ihnen wie es mit uns steht. Wünschen Sie meine Mitwirkung ferner, so drucken Sie gleich das hier beifolgende Manuscript, in dem ich ungern etwas gestrichen sehe, ab und lassen Sie strenge corrigiren. Das verlorene oder verlegte Manuscript über Elbing, Danzig u. Marienwerder werde ich dann noch einmal schreiben, es kann nachträglich gedruckt werden. Veranlassen Sie Friese an die ihm geschäftführenden Handlungen der Städte, über die ich geschrieben, immer einige Exemplare der betreffenden Nummern des Journals zu senden; es wird von Nutzen für Sie sein. Das hier folgende Manuscript ist mit A. B. C. D I, D II markirt, worauf der Setzer zu achten. Haben Sie die Güte mir umgehend hierher 10 Th in Preuß. Kassenanweisungen u. eine Berechnung über mein „Soll u. Haben“ bei Ihnen mit umgehender Post zukommen zu lassen. Ich bitte Sie recht sehr um diese Gefälligkeit u. werde sie zu schätzen wissen. Meine nächste Sendung erhalten Sie wahrscheinlich von Berlin. Seit langer Zeit bin ich auf kein Musikstück so neugierig als auf Ihre Symphonie, sagen Sie das auch Ihrer liebenswürdigen Frau, die ich ebenso hochachtungsvoll als freundschaftlichst-ergeben zu grüßen bitte. Gern möcht ich sie endlich wieder einmal spielen hören, aber wann, wo wird das sein. Also Sie schreiben mir gleich, u. ich warte hier nicht vergebens
Leben Sie wohl! Bester!
Ihr
F. H. Truhn

Gross Glogau in Niederschlesien.
d. 25/4 41. Am Ring No. 37. 3 Treppen

[BV-E, Nr. 1901:] Mit Correspondenz.

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: GroßGlogau
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 851ff.
 



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