19.12.2019

Briefe



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ID: 4316 Brieftext


Geschrieben vor dem: Sonntag 17.03.1844
 

Lieber Schumann,

Du hast mir durch Deinen Brief aus Riga eine große Freude gemacht, ohne Dir zu nahe zu treten muß ich Dir aber sagen daß der Brief Deiner lieben Frau aus Dorpat mir und der meinigen eine noch größere bereitet hat. Das alles gut gehen würde habe ich voraus gewußt daß es Euch aber s o gut geht, daß die Leute so vernünftig sind und Euch auf Händen tragen, daß Ihr in jedem Orte täglich 4 Concerte gebt und in jedem 10 000 Rubel einnehmt, daß ganze Nordpol-Universitäten Serenaden bringen, kurz, daß Rußland sich auf den Kopf stellt und nach dem Takte einer Chopin´schen Mazurka von Deiner Frau gespielt, tanzt, ist erfreulich zu hören. Jetzt sind die Petersburger hoffentlich auch schon weg und die Moskauer werden noch weger seyn. Nicht wahr? es erklärt sich wie ich mich habe entschliessen können mein unsterbliches Licht 6 Jahre in Dorpat leuchten zu lassen; es lebt sich da ganz gut, besonders wenn man einige Rathshöfe und 6 Trillionen Rubel hat. –
Der Himmel gebe daß nun alles so gut fortgehen möge, schreib mir ja aus Petersburg und Moskau und komm gesund wieder. – Hier ist alles beym Alten, nur 4 Wochen älter; die Abonnements-Concerte gehen ihren ruhigen, im Presto mitunter etwas zu ruhigen Gang. Im letzten Quartett-Abend spielte ich Dein a-moll-Quartett, es gefiel sehr, besonders mir. Im Theater gastiert Mlle Marx in Hugenotten Robert Templer Norma und allem großartigen was für ihre Stimme und Persönlichkeit am wenigsten paßt; die Milanollo’s haben sehr gefallen, mit Recht, sie spielen allerliebst, besonders die Aeltere, die dabei ein allerliebstes Mädchen ist in welches ich mich vor etlichen 60 Jahren hätte verlieben können, sie haben hier 3mal im Theater und einmal im Gewandhause gespielt. Jetzt sind sie in Berlin und machen großes Glück. Ich war einige Tage in Berlin um Mendelssohn zu besuchen, hörte auch einen Symphonie-Abend,<die Eroica> eine Haydnsche Symphonie ging präzis, obwohl etwas ledern, die Fingalshöhle spielten sie corecct aber ohne Feuer, aber die Eroica ging spottschlecht, fehlerhaft, wackelig, kiksig, ohne Vortrag in den Blas-Instrumenten, ohne Schwung in den Bogen-Instrumenten, ohne Enthusiasmus ja ohne Aufmerksamkeit beim Publicum und – Mendelssohn dirigirte! Jetzt sitzen sie ihm dort auf dem Pelz weil er Gesang mit in diese Abende bringt, sie behaupten darauf hätten sie nicht abonnirt; schönes Volk! Rudolph Willmers hat im Ab.-Concert gespielt und Concert gegeben, er spielt sehr gut, ist aber der fabelhafteste Componist der noch vorgekommen; wenn ich nicht gewiß wüßte daß seine Compositionen ernsthaft gemeint sind so würde ich glauben er ironisirte. – Am Charfreitage wird eine große Aufführung zum Besten einer zu stiftenden Orchesterwittwenkasse in der Pauliner-Kirche gegeben, wahrscheinlich das Requiem von Mozart und Liebesmahl der Apostel von Wagner. Mendelssohn geht im April nach England, auch Joachim geht hin. Mehrere Tage sind vergangen seit obiges geschrieben ist; nun muß ich eilen es zur Post zu geben sonst kommst Du am Ende zurück ehe der Brief abgegangen ist. Herzliche Grüsse von meiner Frau an Dich und die Deinige ebenso von Deinen treuen Freunde Ferdinand David

Leipzig 16 März
1844.

Monsieur
Monsieur le Dr Robert Schumann
à
St Petersbourg.
Aux soins obligeans d Mr le Général
Alexis de Lvoff.

[BV-E, Nr. 2886, dat. 16. März 1844:] F. David. [beantwortet:] +


  Absender: David, Ferdinand (339)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
274-278
 



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