19.12.2019

Briefe



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ID: 4317 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 12.11.1850
 

Leipzig d. 12 Nov. 1850.

Lieber Herr Schumann,

Über Beiliegendes u. seinen Inhalt habe ich persönlich mit dem Verfasser conferirt, ihn zum Niederschreiben veranlaßt, u. zur Übersendung u. Bevorwortung bei Ihnen mich bereit erklärt. Der noch sehr junge Mann ist von Leipzig, aus guter u. zugleich wohlhabender Familie, ehemaliger Zögling des Handerschen (obiit Hander) Institutes, später der Gewerbschule in Chemnitz, dann der polytechnischen Schule in Carlsruhe u. zuletzt Göttinger Student von Michaelis 1849 bis Michaelis 1850, nebenbei Bräutigam der Ihnen bekannten Harfenspielerin Rosalie Eyth aus Carlsruhe, u. seit kurzem designirter Professor am Johanneum zu Gratz. Er war ein Lieblingsschüler des berühmten Redtenbacher in Carlsruhe, dessen glanzvolle Zeugnisse ihm nach Oesterreich den Weg gebahnt haben. Technologie, Mechanik u. Naturwissenschaften sind seine Hauptfächer, jedoch dürfte seine poetische Begabung leicht eben so bedeutend sein, wie seine andere[n?] Fähigkeiten, auch seine Liebe u. sein Sinn für Musik gehen über den gewöhnlichen Dilettantismus weit hinaus. Ihre Compositionen z. B. besitzt er nicht nur sämmtlich, sondern was mehr sagen will, er kennt sie auch, u. zwar sehr genau u. bis auf den Grund hindurch. Aus einem dereinstigen Schüler ist er mir zu einem sympathetischen Freunde erwachsen, in dessen Gedanken u. Anschauungen ich oft die meinigen zu erkennen glaube. Eine Ahnung sagt mir daß wenn nicht jetzt, so doch gewiß später dieser junge Mann mit Ihnen in Verbindung kommen wird. Sein Verlangen, etwas für Sie Annehmbares zu Stande zu bringen, ist groß, seine Befähigung dazu nach meinem Dafürhalten nicht minder entschieden u. außer allem Zweifel. Durch eine Antwort, falle sie diesmal für od. gegen ihn aus, werden Sie ihn sehr glücklich machen. Augenblicklich befindet sich derselbe in Carlsruhe, kommt später einige Tage noch nach Leipzig, um hierauf sogleich nach Gratz überzusiedeln. Sonach würde ein Brief am sichersten durch meine Vermittlung in seine Hände gelangen. Ihre Briefe an August Whistling sind für mich die zwar spärliche, aber um so gesuchtere Quelle, aus der ich mir meine Düsseldorfer Nachrichten zu holen pflege. Das übermorgende Gewandhausconzert beginnt mit der Genoveva-Ouvertüre. Es folgt dann Ah perfido u. das Es dur Conzert von Beethoven (Hr Breunung), der Hirt auf dem Felsen (mit Pfte u. Klarinette) von Fr. Schubert u. im zweiten Theile die C moll Symphonie von Gade. Zu den Schülerinnen des Conservatoriums gehört seit kurzem auch Frln Marie Carus aus Dorpat, die ältere der beiden Töchter, eine prachtvolle, unvergleichliche Stimme, von eben so viel Lieblichkeit, wie Stärke. Ihrer lieben Frau meine allerschönsten Grüsse. Gott befohlen. Wie immer
Ihr
treugesinnter
Ernst Ferd. Wenzel

[BV-E, Nr. 4047:] Reuter. [sic] [beantwortet:] + [Versand:] fr.

  Absender: Wenzel, Ernst Ferdinand (1690)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (15143)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
888ff
 



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