23.01.2024

Briefe



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ID: 4526
Geschrieben am: Freitag 20.02.1846
 

Hochgeehrtester Herr!
Beigehend erlauben wir uns, Ihnen einen Prospectus der so eben ins Leben getre¬tenen
Sängerhalle,
Originalcompositionen für Sopran, Alt, Tenor und Bass,
mit der ergebensten Bitte zu übersenden, Sich für dieses junge, ohne Zweifel zeitgemässe Unternehmen in Ihren Kreisen freundlichst interessiren, namentlich aber auch durch gefällige Einsendung für diesen Zweck geeigneter und der im Prospect angedeuteten Tendenz entsprechenden Original-Compositionen uns gütigst unterstützen zu wollen. Sollten wir eine oder die andere Composition aus etwa vorliegenden Gründen zu unserem Bedauern nicht aufnehmen können, so werden wir dieselbe stets baldmög¬lichst zu remittiren uns angelegen sein lassen.
In der Hoffnung, Sie werden uns und das betheiligte Publicum durch freundliche und möglichst baldige Gewährung unserer ergebenen Bitte dankbar verpflichten, und mit dem Ersuchen, Ihre gefälligen Zuschriften und Sendungen entweder an die unter¬zeichnete Redaction in Dresden, oder an die Verlagshandlung des Herrn Con¬rad Glaser in Schleusingen richten zu wollen, haben wir die Ehre zu sein
hochachtungsvoll und ergebenst
Die Redaction der Sängerhalle
der Musikdirector Dr. Schladebach.
Dresden,
den 20. Februar – 1846.

|4| Herrn Dr. Robert Schumann
Wohlgb
bez.
hier
Waisenhausstr. 7/I
|Prospekt|
Ankündigung
Seitdem der vierstimmige Männergesang mit wunderbarer Schnelligkeit über Deutschland’s Gauen sich verbreitet – seitdem die Cultur desselben nach allen Seiten hin so vorzugsweise gefördert wird, und die rege Theilnahme an demselben gewisserma¬ßen zu einem Bedürfnisse geworden ist (jedenfalls der bündigste Beweis für seine innere belebende Kraft, für seinen volksthümlichen Werth!): seit jener Zeit ist der gemischte Quartettgesang für Frauen- und Männerstimmen sehr in den Hintergrund getreten, selten nur noch ertönt er in stillem Familienkreise, und die allseitige Theilnahme an er¬freuenden Sangesleistungen bei’m heimischen Heerde wird fast ganz vermißt. Dem sollte nicht also sein! – Verkennen wir auch keineswegs den Werth und die Tüchtigkeit der Leistungen größerer gemischter Singvereine, Akademien u. dgl., so ist doch unstreitig, das durch derartige Institute natürlich nicht zu befriedigende Verlangen gerechtfertigt, auch in der Haus- und Familienmusik – man verzeihe den Ausdruck – nicht nur bei trivialen, oft recht mangelhaft durchgeführten Operngurgeleien das schöne Geschlecht be¬theiligt zu sehen. Man soll das Eine thun, aber das Andere nicht unterlassen. Gewiß, auch unsre Damen singen gern ein Quartett, sei es im stillen Zimmer oder in Gottes freier Natur, beim Wandern durch Berg und Thal – erbauen, erheben, erheitern sich auch gern durch die thätige Theilnahme an der Ausführung solcher Musik.
Die Gegenwart sorgt für die Befriedigung dieses Bedürfnisses nur sehr sparsam – die Componisten haben sich auffallend von der Bebauung dieses Feldes zurückge¬zogen, denn die wenigen, einzeln erschienenen, zum Theil allerdings trefflichen Werke dieser Gattung bilden nur eine sehr kleine Zahl, von einer fortlaufenden, regelmäßig erscheinenden Sammlung derartiger Compositionen, welche nach Möglichkeit die ver¬schiedenen Bedürfnisse gleichmäßig berücksichtige, fehlt es zur Zeit gänzlich – an einer Sammlung, die Tüchtiges und Gediegenes, tief Empfundenes, charak¬teristisch Wahres, mit einem Worte: echt Musikalisches und dichterisch – in Wort und Ton – Angemessenes in zweckmäßiger Mannichfaltigkeit, verbunden mit entsprechenden äußerer Ausstattung und einer Wohlfeilheit des Preises darbiete, die auch weniger bemittelten Musikfreunden und Familien die An¬schaffung gestatte.
Dieß die Gründe, welche uns bewogen haben, unter dem Titel:
Sängerhalle.
Lieder und Gesänge, geistlich und weltlich,
für
Sopran, Alt, Tenor und Bass
(ohne Begleitung)
in deutschen Original-Compositionen,
herausgegeben
von Dr. J. Schladebach
eine derartige Sammlung zu veranstalten, deren erstes Heft wir gleichzeitig dem Publikum vorlegen. Seitens mehrerer bedeutender und beliebter Componisten sind uns erfreuliche Zusagen zur Betheiligung gemacht worden, und auch das erste Heft bietet schon einige Proben davon. An alle deutsche Componisten aber, die sich für dieses Unternehmen irgend interessiren, ergeht nun hiermit zugleich die |2| höfliche Bitte: ihre etwaigen Beiträge entweder an die Redaction in Dresden oder die Verlagshandlung in Schleusingen gelangen zu lassen. Daß sie uns nichts Mittelmäßiges (daran ist ja gar kein Mangel!) liefern werden, sondern nur Beiträge, welche den obigen Andeutungen, nach welchen wir mit Strenge bei der Auswahl verfahren werden, entsprechen: dafür ist uns ihr künstlerischer Sinn die beste Bürgschaft. Das Feld ist groß und weit. Geistliches und Weltliches, Vater¬land und Natur, Leben und Liebe gewährt reichen Stoff. Ernstes und Hei¬teres, Gemüthliches und Komisches soll sich hier zu einem reichen Kranze frischer Blüthen vereinen, die veredelnd und erhebend, begeisternd und erheiternd auf Herz und Gemüth einwirken, und dazu wird auch eine möglichst sorgfältige, zweckent¬sprechende Textwahl sehr viel beitragen können.
Vorzugsweise werden wir den reinen Quartettgesang, auch in doppelter oder dreifacher Besetzung, berücksichtigen; doch werden wir auch angemessene Chorge¬sänge keineswegs von der Sammlung ausschließen, vielleicht auch dann und wann dreistimmige oder fünfstimmige u. s. w. Compositionen bringen.
Schließlich haben wir nur noch die freundliche Bitte auszusprechen, daß dieses Unternehmen mit der Liebe in den Familienkreisen aufgenommen werden möge, wel¬che wir selbst ihm widmen, damit es in ihnen bald heimisch und bei seinem ferneren Erscheinen als gerngesehener Freund willkommen geheißen werde. Wir werden uns angelegen sein lassen, solche freundliche Aufnahme mehr und mehr zu verdienen.
Von der „Sängerhalle“ wird alle zwei Monate ein Heft in Partitur und Stimmen, von acht kl. Folioseiten erscheinen. Jedes Heft der 4 Stimmen kostet 10 Ngr.; jede Stimme einzeln 2 ½ Ngr. Die Partitur wird mit 4 Ngr. für jeden Bogen berechnet. Der Jahrgang von 6 Heften bildet einen Band. Bestellungen nehmen alle Buch- und Musikalienhandlungen an.
Dresden und Schleusingen, im Februar 1846.
Die Verlagshandlung: Die Redaction der Sängerhalle:
Conrad Glaser Dr. Julius Schladebach
in Schleusingen in Dresden.

  Absender: Schladebach, Julius (1345)
  Absender-Institution: Sängerhalle, Redaction
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
210-212

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 18 Nr. 3227
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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