19.12.2019

Briefe



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ID: 4559 Brieftext


Geschrieben am: Montag 09.02.1846
 

Geehrtester Freund,

schlimm ists, wenn die gewünschte Recension ausbleibt, aber noch schlimmer ists, wenn sie kommt u nicht recht brauchbar ist. So geht es jetzt; kurz vor Empfang Ihres Briefes kam Beckers Beurtheilung, aber man sieht es ihr an, dß sie in Eile u auf Bestellung geschrieben ist. Wenn Einer jetzt über Ihre Werke etwas geben will, so muß er in sich aufgenommen haben, was ich u Krüger geschrieben haben; B. scheints aber nicht einmal gelesen zu haben. Geht einer nicht von dieser Basis aus, so ist das Ganze blos ein Nachhinken. Dazu kommt 2.) daß es beinahe scheint, als ob Becker gegen Krüger geschrieben hätte, 3.) daß die Leute sagen würden, wenn die Peri solcher Empfehlungen bedarf, so muß es schlimm damit stehen. B. giebt eine allgemeine Einleitung, dann spricht er über das lyrische u dramatische Element in der Peri, u zuletzt einen fulminanten, polemisirenden Schluß gegen die, die hinter der Zeit zurückbleiben, an sich ganz gut, aber hier nicht recht passend. – Nun ist guter Rat theuer. B. ist sehr leicht empfindlich. Ich weiß aber doch keinen anderen Weg, als es ihm zurückzuschicken. Jetzt macht sichs drollig, wenn Einer nichts Bedeutendes zu sagen weiß, u sich in einer Weise ergeht, die bei einer ersten Nachricht über ein Werk zu entschuldigen ist. Ich habe nicht darüber geschrieben, weil ich dachte, genug gesagt zu haben, u nun Andere reden zu lassen, wie es Krüger von selbst gethan hat. (Soweit hatte ich vorgestern Abend geschrieben, war aber zu müde, um fortzufahren; ich hatte jetzt durch Schnupfen zu leiden). So viel ist richtig, daß es so nicht geht, u daß ich zurückschicken muß; wie es aber nun werden soll, weiß ich zur Zeit noch nicht. (Bitte aber, dieß Alles unter uns) Keferstein ist sehr beschäftigt, hatte versprochen, schon vor 1/4 Jahr eine kleine Novelle zu liefern, u ist nicht dazu gekommen. Ich hörte, die Peri sollten [sic] hier wieder aufgeführt werden zu Ostern. Ds wäre eine Gelegenheit, dann würde ich schreiben. Wissen Sie etwas darüber? Becker hätte sollen , Krüger gegenüber, den Gesichtspunkt des Gehörthabens ergreifen. Da hätte er Etwas sagen können. Oder er konnte etwas ganz Specielles, irgend eine harmonische Wendung z. B., die Krüger angreift, aufgreifen, u so ins Allgemeine gehen. Oder einen allgemeinen Artikel schreiben über die Aufführung neuer Werke in der Gegenwart, u beispielsweise auf die Peri kommen. Oder er kann eine äußere Veranlassung fingiren u sagen, dß er mit Jemand gesprochen, der die u die Bedenken geäußert habe, das widerlegen u s. w. – Was ist nun Ihre Ansicht? Bitte, schreiben Sie mir bald. Ich hätte schneller geantwortet, wenns irgend möglich gewesen wäre; ich bin aber etwas marod. –
An dem Plural statt des Singulars ist der Dresdner wahrscheinlich unschuldig, u ich vermuthe, dß er durch den Setzer hineingekommen, nachsehen konnte ich noch nicht, nur in soweit ist jener Schuld, als er sich hätte deutlicher ausdrücken sollen. In Dresden ist es ein für allemal ungeheuer schwer, einen ordentlichen Correspondenten zu bekommen. Was mich den gegenwärtigen Corr. wählen ließ, ist seine Gewissenhaftigkeit u ziemliche Unpartheiligkeit; eine in Dresden seltene Tugend. Er ist pedantisch knifflich, kaeuzlich, u kommt vor lauter Gewissenhaftigkeit nicht von der Stelle; aber die anderen sprechen, wie es die Parthei, der sie angehören, wünscht. Wahrheit ist nirgends. Ich habe immer gehofft, ihn zustutzen zu können.
Eine Sendung Lieder hatte ich für Sie zusammengelegt, sehr ausgesuchte. Als ich diese nun näher durchsah, fand ich mit Ausnahme eines Heftes von Reinecke alles so außerordentlich unbedeutend, daß es nicht der Mühe lohnte, zu senden.
Daher sende ich Ihnen die Partitur von Hetsch, für den Fall, daß Sie das Werk besprechen wollen; lieb wäre es mir, wenn damit wieder ein Anfang geschähe. Wollen Sie nicht darauf eingehen, so geben Sies, wenn Sie persönlich mit ihm zusammenkommen, u. er bald zu liefern verspricht, an Jul. Becker.
Wenn nur einmal wieder ein Anfang geschehen ist hinsichtlich Ihrer Mitwirkung. Bedeutendes für Sie auszusuchen, ist schwer, weil selten so etwas kommt, u man dann gerade damit am meisten eilen mögte. Viel leichter für mich ist es freilich, wenn ich bestimmt Ihrerseits auf Besprechung rechnen kann; denn senden Sie mirs zurück, so sind 8,14 Tage Zeit verloren.
Entschuldigen Sie ds Durcheinander in meinem Schreiben.
Fugen sind angekommen und werden bald besprochen.
Freundliche Grüße
Ihr
Franz Brendel

Leipzig den 9ten Februar.

Ich habe jetzt Gelegenheit, an Riehl einen Brief zu besorgen. Senff meint, die Polemik in den Signalen wäre nur nicht aus seinem eigenen Kopfe gekommen, sondern Speier in Frankfurt habe dabei mitgewirkt!?

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
247ff.
 

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