15.07.2019

Briefe



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ID: 4658 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 04.08.1844
 

Leipzig den 4 Aug[u]st 1844.

Lieber Herr Docktor!

Entschuldigen Sie gütigst einen alten Bekannten aus Zwickau der es wagt Ihre gütige und liebevolle Gesinnung kennend, Ihnen einen Wunsch und Bitte vorzutragen; wohl weiß ich lieber Herr Docktor das es anständiger für mich wäre, mich persönlich an Ihnen zu wenden, aber Ihre Stellung gegen der meinigen machen mich doch schüchtern, und da ich auch so lange Jahre nicht das Glück Ihnen einmal zu sehen oder sprechen zu können<,>. Ja wären es noch die Jahre meiner Kindheit wo ich mit voller Zuversicht so manche Bitte mit den Worten an Sie richten konnte: lieber Robert geben sie mir dieß oder Thun Sie mir jenes, wenn wir auf den Dache rumkletterten oder in den Niederlagen auf den Ballen rumsprangen, wie vieles habe ich seit jener Zeit erlebt welches mich gar oft fühlen ließ daß die Zeit vorbey sey, wo ich von Ihrer seeligen Frau Mutter so manches 2 gr Stückchen für Blumensträußchen erhielt. Der Erste Unglücksfall der Tod meines Vaters riß mich schon im 10 Jahren aus den älterlichen Hauße, und ich wurde in der Landes Waisen Erziehungs Anstallt zu Bräunsdorf bey Freyberg erzogen5 worauf ich dann die Tischler Profession erlernte und dann 7 Jahre auf der Wanderschaft so ziemlich das nördliche und südliche Deutschland durchreiste, so kam ich vor 3 Jahren wieder nach Zwickau, fand aber weder meine Mutter noch meine Geschwister daselbst, den mein Schwager Herrmann war nach dem Tode Ihres seeligen Herrn Bruders, wo er Markthelfer war, hier placiert worden und hatte die alte Mutter zu sich genommen; ich blieb<t> in Zwickau einige<n> Tage denn da selbst giebts ohne dieß schon zu viel Meister, wande mich allso hier her und arbeitete als <Ge> Tischler aber ohne Vermögen und Freunde stand ich auch hier verlassen, deshalb gieng ich vor 2 Jahren in eine Pianofort. Fabrik weil mir doch nichts anderes übrigblieb und verheyrathete mich mit einem Mädchen welches ich 5 Jahre zu vor im Baden Baden am Rhein kennen lernte. Ich arbeite jetzt bey Herrn Irmler verdiene auch, obgleich sehr sauer, meinen Unterhalt für meine Familie aus Frau u 2 Kindern bestehend, aber was soll aus den Alter werden bey meiner ohne hin nicht festen Gesundheit, dießes ist ein Kummer welcher mich Tag und Nacht quält.
Schon mehrere Male faßte ich mir Herz, mich Ihnen zu vertrauen und Ihnen meine Lage vorzustellen, den ich hörte doch immer Herr
Docktor Schumann sind ein sehr angesehner und geachter Mann in Leipzig deshalb schmeichelte ich mir immer mit der Hoffnung vielleicht kann Herr Schumann <>mir zu einen Posten vielleicht als Hausmann oder sonst zu etwas beitragen meine Lage zu erleichtern. Wie gern wollten wir beyde fleißig arbeiten wenn ich nur ein kleines Capital von 20 bis 30 rh in Händen hätte, daß ich mir noch einige Betten und noch etwas Meubels anschaffen könnte um ein etwas größeres Logie in Meßlage miethen zu können welches für unßer einen eine große Hülfe ist, ich wollte gerne all vierteljährlich etwas abtragen, es würden gewiß zwey dankbare Herzen einen solchen edlen Menschen freunde sich zum größten Dank verpflichtet fühlen und glaube auch daß es nicht unrecht würde angewendet seyn. Wollten Sie allso lieber Herr Docktor dieße Zeilen, und eine sie gewiß recht dankbaren Familien Vater, einige Beachtung schenken so stehe ich zu Ihrer gütigen Verfügung stets bereit und würde mich sehr hoch erfreut fühlen Ihnen einmal besuchen zu türfen und Sie zu sprechen. Ich bitte aber recht <s> inständig lieber Herr Docktor ja nicht böse sey und unterzeichne ganz
Hoch achtungsvoll
verharrend
Ludwig Kaestner.
Wohnhaft Peterstraße
goldner Arm im Hofe
rechts 2 Treppen

Sr Wohlgeb.
Dem Herrn Docktor
R. Schumann
wohnhaft auf der
Inselstraße allhier
fra[n]co

  Absender: Kaestner, Ludwig (13173)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 585ff
 



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