19.12.2019

Briefe



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ID: 4659 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 12.07.1844
 

Hochverehrtester Herr Doctor,

Meine Frau und ich haben es sehr beklagt, Sie und Ihre Frau Gemahlin gestern nicht zu Hause gefunden zu haben. Mit Ihrer Erlaubniß sind wir so frei, unseren Besuch baldigst zu erneuern. Ich wollte mich Ihnen zugleich auch als Bittender vorstellen, als Bittender für Fräul. Minna aus Mitau. Sie hatte sich gestern mit einem geschwollnem Fuße zu mir geschleppt und erzählte mir weinend den unangenehmen Vorfall. Sie hat vorgestern einen so bösen Fuß gehabt, daß sie keinen Schritt hat gehen können, was auch noch gestern ihr nur mit der größten Anstrengung möglich war. Dieß ist die Ursache, aus welcher sie die ihr von Ihrer verehrten Frau Gemahlin gütigst zugesagte Stunde nicht hat besuchen können. Sie hat, wie sie mir sagte, dieß schuldiger Maaßen Ihrer Frau Gemahlin anzeigen wollen, doch sei ihr es unmöglich gewesen, da sie über das Dienztmädchen ihrer Großältern nicht habe verfügen können. Sie kam zu mir, wie sie sagte, weil sie in der fremden Stadt niemand habe, gegen den sie ihr Herz ausschütten könne, und sich von mir Dath und Trost zu erbitten. Ihrem alten Großvater, dem Prof. Pohl habe sie die Sache nicht mittheilen wollen, um den alten Mann nicht zu beunruhigen. Hat sich Fräul. Berndt nicht noch anderes gegen Sie zu Schulden kommen laßen, so vergibt Ihre gute, milde Frau ihr gewiß den Fehler, den sich das unerfahrene Mädchen gegen ihren Willen hat zu Schulden kommen laßen, und entzieht ihr ihr ferneres Wohlwollen nicht. Ein gelegentliches Wort der Vergebung würde das arme Mädchen, die, wie ich versichern kann, durch Ihren Brief sehr niedergebeugt ist, wieder aufrichten und beglücken. Ich kenne Frl. Berndt nur von einer guten Seite und halte sie für ein gutes unverdorbenes Mädchen, für deren Trieb, etwas Tüchtiges zu lernen Folgendes spricht: Als sie Anfangs Mai in das Conserv. aufgenommen worden war, wurde sie nach dem Urtheil der Herren Lehrer, in die ersten Classen gesetzt. Nach einiger Zeit kam sie zu mir, mich zu bitten, es zu vermitteln, sie in eine niedere Classe zu versetzen, weil sie fühle, daß sie in Vielem noch zurück sei und wünsche, Alles recht tüchtig und gründlich zu lernen. Ein ähnlicher Fall ist mir noch nicht vorgekommen, vielmehr das Gegentheil, daß sich Schüler bei mir beschwerten, nicht in eine höhere Classe gekommen zu seyn, und ich kann es nicht lügen es hat mich zu Gunsten des Mädchens gestimmt und für sie eingenommen. Deshalb bitte ich Sie, verehrter Herr Doctor, entziehen Sie ihr Ihr Vertrauen und Ihr Wohlwollen, an dem <I> ihr so viel liegt, nicht. Ihre Hochverehrte Frau Gemahlin wird gewiß dasselbe thun. Wenn auch Ihre Frau Gemahlin nicht geneigt seyn sollte, die ihr aufgesagten Stunden jetzt wieder zu beginnen, so hätte sie doch vielleicht die Güte, ihr die Aussicht zu geben, dieß nach Verlauf einiger Zeit, etwa nach einem Jahre, zu thun. Es würde sie sehr glücklich machen, und sie ermuntern, diese Güte zu verdienen.

Mit wahrer Hochachtung und Verehrung
Ihr
ergebenster
Dr. Keil

v. H. d. 12. Jul. 44.

[BV-E, Nr. 2945:] Dr. Keil. [beantwortet:] +


  Absender: Keil, Johann Georg (799)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
550f.
 



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