19.12.2019

Briefe



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ID: 4666 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 11.07.1845
 

Leipzig 11 Jul 1845

Freund,

Was sagen Sie zu unsem Versuch einer Verwirklichung Ihrer frühern Idee? ich meine zu unserm „kritischen Anzeiger“? Freilich aller Anfang ist schwer, und erste Versuche sind eben unvollkommen. Zudem mußte die Sache gerade das erste mal etwas übers Knie gebrochen werden, weil Brendel erst neusterdings so versessen auf die Ausführung des Projects wurde und mit d. ersten Nummer des <>neuen Bandes gleich etwas geschehen sollte. Den größten, unverzeihlichsten, weil unverbesserlichen Fehler aber habe ich gemacht indem ich B.s Verlangen nachgab, da<s>ß der Anzeiger unter meinem Namen erscheint. Das war <mehr als> mir sogleich im Augenblick nachdem es zu spät war, ein- und aufs Herz gefallen wie eine böse That, es handelt sich aber um mehr als um eine solche, – um einen Fehler, einen Mißgriff nämlich. Von den hundert Gründen die dafür sprechen, daß ich gar nicht der Mann zu der Sache war, will ich nur den hundert und erster [sic] anführen der niemanden etwas angeht als mich, daß ich mein schönes, schönes Ziel, nachdem ich strebe und Schnappe wie ein Fisch im Sand nach seinem Elemente, daß ich meine Befreiung <>von der freud-gemüth-segenlosen <kritischen> Kunstrichterei so muthwillig selbst weit weit hinausgeworfen habe. Unerhörter Leichtsinn! und im 38sten Jahre!! ach Gott! am Ende lachen Sie gar! und es kann keinen bitteren, tödlicheren Ernst geben, als den meinigen, mit dem ich dies sage. Es fällt mir, dem eben schließen<> wollenden glücklich noch ein, daß ich Ihnen doch auch den Grund, den nächsten, eigentlichen dieses meines Schreibens mittheilen muß. Es hat mir ein <>geehrter College C. F. Becker einen Floh ins Ohr gesetzt, nämlich folgende Ideenreihe in den Kopf: Eine Position zu gewinnen auf der man letztlich nicht verhungert ist wünschenswerth überhaupt, Mir insbesondere, wird es täglich mehr und nachgerade hohe Zeit. Hier sind alle Thore verschlossen. Sehe man also da, dorthin; Möglichst bei Zeiten; vor einer eigentlichen Erledigung! Die Zwickauer neue Orgel mit ihrer zugehörigen Stelle wäre so ein nicht wenig lockender Hintergrund. Meine Frage nun die: Könnten Sie mir vielleicht einige Auskunft geben, ob, wie, was etwa gethan, an wen im Vertrauen ohne Aufsehen, ohne Gefahr von Mißverständniß sich gewendet werden könnte? Es ist wenig unmöglich daß ich gegen Ende dieses Monats oder vielmehr d. 20 desselben in’s Gebirge reiste und durch Zwickau u. dgl. Vorenthalten Sie mir, bitt ich schön, Ihre freundschaftliche Meinung und nach Befinden Hilfe nicht?
Mit freundschaftlichsten Gruß
Ihr
O. Lorenz

Auf Ihre Stücke mit Pedal [wart]en wir alle hinlänglich.
Ihre Ansicht von der Sache, nämlich dem krit[ischen Anz]eiger theilen Sie uns doch auch freundschaftlichst mit?
Ich bin noch im interimistischen Besitz Ihres „Matthesons Kapellmeister“. Verfügen Sie über sein Schicksal.

Herrn
Dr. R. Schumann
Wohlgeboren
in
Dresden.
frei.

  Absender: Lorenz, Oswald (972)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 746ff
 



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