25.02.2022

Briefe



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ID: 4727
Geschrieben am: Donnerstag 12.09.1844
 

Hochverehrtester Herr Doctor.
Sie werden sich meiner vielleicht kaum noch erinnern, da ich in so langer Zeit kein einziges Lebenszeichen von mir gegeben habe und Sie so viele – deßhalb will ich einmal das einfache Mittel gegen gänzliches Vergessen, einen kurzen Brief zu schreiben, ergreifen und Ihnen zugleich versichern, daß Sie meinen Namen recht bald unter besserer Schrift stehen sehen sollen, das heißt: ich will Ihnen Compositionen von mir zuschicken oder selbst überbringen, die in der Schweiz entstanden sind, also gewissermaßen unter die Merkwürdigkeiten zu zählen sind. – Der Ueberbringer dieses Briefs war hier mein bester musik[a]l[i]scher Freund. Wir haben uns oft zusammen an Ihren schönen Compositionen erbaut und viel von Ihnen gesprochen. Es ist ihm also sehr angenehm, eine Gelegenheit zu haben, Sie persönlich kennen zu lernen, und ich will hoffen, daß Sie zu Hause sind, wenn er durch Leipzig reist.
Auf Ihrer Reise nach Russland habe ich Sie, wenn auch immer mehrere Wochen später mit <> großer Theilnahme verfolgt und mich sehr über die schönen Triumphe Ihrer Frau Gemahlin gefreut.
Ich habe unterdeß auch eine Reise gemacht, größtentheils zu Fuß, u. kann |2| mich nun rühmen, den schönsten Theil der Schweiz gesehen zu haben, was mich für manche langweilige, in diesem Lande verlebte Stunde reichlich entschädigt hat. Offen gestanden, wünsche ich nicht, hier zu sterben, oder vielmehr hier lange zu leben, auch in keiner andern schweizerischen Stadt, wo es in musikalischer Beziehung noch bei weitem schlechter steht. In Winterthur ist wenigstens das Streben, lauter gute Musik zu machen, sehr anzuerkennen. Leider sind die Mittel zu unbedeutend. Sogenannte Kammermusik können wir noch am besten machen und thun’s auch sehr viel, was mir besonders recht angenehm ist. Auch die Chöre sind recht gut. Das Orchester hingegen kann mich nicht anregen, eine Symphonie zu schreiben. An Ophicleiden in C B und As denkt man nun gar nicht. – Um mich hier einigermaßen gut zu stehen, bin ich genöthigt viele Stunden zu geben, was mir im Anfang sehr spanisch vorkam. Nächstens lasse ich mir einen Flügel aus Leipzig kommen und nächstes Jahr komme ich selbst, <> in der Hoffnung mein Andenken bei Ihnen wieder aufzufrischen und der frühern guten Meinung von mir womöglich mich noch würdig zu zeigen.
Mit der Bitte, mich Ihrer Fr. Gemahlin hochachtungsvoll zu empfehlen und dem Wunsche, es möge Ihnen u Ihrer Familie im[m]er recht wohl gehen
verbleibe ich in innigster Verehrung
Ihr ergebenster
Theodor Kirchner.
Winterhur d 12 Sept. 1844.
|4| Sr. Wohlgeb.
Herrn Dr. Robert Schumann
in
Leipzig.
Durch Herrn Heintz.

  Absender: Kirchner, Theodor (821)
  Absendeort: Winterthur
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort: Leipzig
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
53ff.

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 17 Nr. 2991
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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