19.12.2019

Briefe



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ID: 4733 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 14.11.1844
 

Lieber Alter!
Vor fünf bis 6 Tagen sandte ich an Dich nach Leipzig einen Aufsatz „Zweyer Meister Söhne“, und bot Dir eine Novelle „Hoffmann“ an. Nun erfahr’ ich gestern zufällig: daß Du hier seyst und die musikalische Zeitung an Brendel verkauft habest; ich muß also in Geduld erwarten, was der über mein Anerbieten beschließt.
Ich habe mehrere Jahre nichts geschrieben, [was] ich unter meinem Namen herauszugeben, mich nicht geschämt hätte!, das kam daher: weil der allezeit geschäftige Satan mir ein Ey in mein eheliches Leben gelegt hatte, woraus natürlich eine ganze Legion ehelicher Plagen hergekrochen kamen! Die Geschichte ist zu nichtswürdig, als daß ich darüber reden möchte, gehört wirst Du davon haben, denn natürlich haben unsere guten Elb-Abderiten tüchtig darüber geträtscht. Was sie über mich alles gefaselt haben mögen, weiß ich nicht, kümmer mich nicht drum und lache höchstens drüber, ich weiß: was ich werth bin und der eine Umstand mag für mich zeugen: daß meine Kinder bei mir sind, während die Mutter – jetzt Madame Pearson – in Wien lebt.
Gottlob!, ich habe die unseelige Geschichte hinter mir, vor einem neuen Haupt-Eselsstreich bewahrt mich die gemachte bittere Erfahrung! Ich lebe fortan meinen Kindern und der Kunst, von der ich erst jetzt ganz erkannt habe, was Börne so schön davon sagt, „sie gewährt uns was uns die Erde vorenthält: einen Frühling, der nicht abblüht, eine Zeit, die nicht rostet, wolkenloses Glück und ewige Jugend.“
Uebrigens muß ich wieder von vorn anfangen! Denn alles was ich, außer meinen Kindern, besaß, ist zum Teufel! ich bin gegenwärtig wieder so arm, als ich vor 14 Jahren war wo ich in Sachsen einwanderte
Hier in Dresden bring’ ich’s zu Nichts, das Volk ist dumm pauvre und indifferent, wie Du finden wirst, wenn Du verdammt seyn solltest, hier länger leben zu müßen. Wie hab’ ich [mich] gemüht, etwas zu verdienen! noch vor 8 oder 10 Tagen schrieb ich an Bürck, den Redacteur des Menschenfreundes, stellte ihm meine Noth vor, bot ihm Aufsätze für seinen Menschenfreund an, schickte ihm auch eine hübsche ausgemalte Zeichnung aus Don Giovanni mit der Bitte: sie mir aus Menschenfreundlichkeit für einen Thaler abzukaufen. – Er hat mir weder geantwortet, noch die Skizze zurückgesandt, Gestern aber las ich im „Menschenfreund“ eine rührende Geschichte von der Anhänglichkeit eines Simpels an [einen] Schriftsteller, nebst andern merkwürdigen und großherzigen Zügen der Viechheit.
Ich bin jetzt fest entschlossen nach Stuttgart zu gehen, wo ich Hoffnung habe eine kleine Anstellung bei der Theaterbibliothek zu erhalten! ich muß von Leipzig aus die Tour über Frankfurt zu Fuß machen, was übrigens für mich weiter nichts ist, denn ich bin gesund und kräftig und an Strapazen und Entbehrungen gewöhnt. Bin ich in Stuttgart mit allem in Ordnung, so hol’ ich meine Kinder, welche derweilen bei der verheirateten Amme meines ältesten Mädels bleiben, wo sie gut und sicher aufgehoben sind – Das Reisegeld bis Leipzig hab’ ich, dort muß ich suchen etwas von meinen Arbeiten zu versilbern. Trotzdem aber laborir’ ich noch an einem ganz infamen „Aber“ ich mußte nämlich vor ungefähr 3 Wochen, wo mir alle 3 Kinder auf einmal den Keuchhusten bekamen, à la Hoffmann meinen einzigen Rock verkaufen, um nur Medizin zu schaffen, und sitze noch dermalen in einer baumwollenen gestrickten Jacke den Tag über im Arrest. ist es nicht zu vermeiden, daß ich einen Gang gehen muß, so muß ich mir von meinem Wirth, einem armen Schuster, einen Rock borgen – einen Rock dem es Jedermann ansieht daß er ein geborgter ist, da er mir nicht paßt.
In dieser höchst herzbrechenden und daneben doch wieder höchst lächerlichen Situation bitt’ ich Dich, mein lieber Freund, in der Voraussetzung daß Du nicht zum Verein der Menschenfreunde gehörst, deren Mitgefühl zu erregen es nothwendig ist: daß man entweder ein Ochs oder ein Esel ein Hund oder ein Simpel oder sonst ein unvernünftiges Geschöpf sein muß. – ich bitte Dich sag’ ich, daß Du Deine Garderobe musterst und falls sich ein alter, leidlich ganzer und nicht schmutziger Rock darunter fände, mir selbigen überlaßen wolltest zur Reise. Baares Vermögen setz’ ich bei Dir nicht voraus und bitte Dich daher nicht um Geld, könntest Du’s aber vermitteln: daß Brendel meinen eingesandten Aufsatz auf und die Novelle „Hoffmann“ annimmt und mir für Beides in Leipzig ein kleines Honorar auszahlen läßt, so wär’ mirs lieb.
Uebrigens verwende ich meine letzten disponiblen Neugroschen dran diesen Brief zu franciren (da ich in meiner blauwollenen gestrickten Kunigunde nicht zu Dir kommen kann, und in der geborgten Schusterhülle mich nicht vor Deiner Frau sehen lassen mag! ich stand zwar nie in dem Ruf eines Stutzers und Löwen erster Klasse, aber man kann nicht verlangen, daß ein junger Mensch von 45 Jahren aller und jeglicher kleinen Eitelkeit einer jungen Frau gegenüber entsagt haben soll.) – Also lieber Alter mach’ es nicht wie Bürck und laß’ mich nicht ohne alle Antwort, Du mögest mir meine Bitte erfüllen können oder nicht! also antwort mir heute noch durch die Stadtpost oder einen blau und gelb angestrichenen Chaisenträger denn sonst hoff’ ich und harr’ ich und ärgere mich am Ende: daß ich Dich gebeten habe. Gern säh’ ich Dich noch einmal, spätestens am Montag will ich reisen ich wohne: Freibergerstraße im Palmbaum 3 Treppen hoch.
Dein alter J. P. Lyser.

v. h. den 14 November 1844.
(Serapionstag)

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
787-790
 



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