Detmold d. 29t Juny 1844
Lieber Freund!
Ich beeile mich, sofort Ihr letztes Schreiben vom 24st h. m das ich nebst Inlage, gestern richtig erhalten, zu beantworten
Es war mir unangenehm, daraus zu ersehen, daß ein Brief von mir, den ich durch den f. Lipp. Kammermusikus Jul. Cäsario (gegenwärtig in Leipzig bei Hauptmann einen musikal. Lehrcursum „durch schmarutzend“) an Sie zu befördern gedachte, Ihnen noch nicht zugekommen war, weil ich mich darin in Bezug auf meinen bereits seit dem 1t May ausgeführten Entschluß, meine hies. Stellung aufzugeben, so wie auch über meine nächsten Pläne, Projekte pp für die Zukunft bereits gegen Sie ausgesprochen hatte. Ueberwiegende Gründe vor denen alle pekuniären Rücksichten schweigen müssen, haben mich zu diesem Schritt bewogen – – für den Augenblick bin ich ohne alle Aussicht, da <ich> die <R>Angagements-Unterhandlungen, worin ich mit einigen Bühnen stehe, bis jetzt noch zu keinem Resultat geführt haben. Ihrem, mir bereits vor längerer Zeit ertheilten Rath eingedenk, u durch den Rücktritt Hauptmanns von der Redakt. d. A. M. Zeitung bewogen habe ich mich bei B. u. Härtel wegen dieser Stelle bereits erkundigt u. darum beworben, bis jetzt aber noch keine Antwort erhalten
Ist die Lücke vielleicht bereits wieder ergänzt oder wird das Blatt einstweilen noch interimistisch redigiert? Ist Ihnen vielleicht über die Intentionen Härtels in dieser Angelegenheit etwas zu Ohren gekommen, so bitte ich mir solche gütig mittheilen zu wollen
|2| Ich habe eine ordentliche Sehnsucht wenigstens eine Zeitlang der nichtswürdigen u. ertödtenden Theatermisere zu entfliehen, da ich mich in dieser Sphäre auf diesem Tummelplatz aller menschlichen Verdorbenheit, Unbedeutenheit [sic], Dummheit u. Bosheit pp nur immer höchst unglücklich fühlen u. nie werde dauernd zu behaupten vermögen – mein ganzes Wesen u. Naturell wiederstrebt all diesem niedern, falschen u. selbstsüchtigen Treiben allzusehr –
Würfe daher die Redaction quaest. pekuniair nur so viel ab, um in Leipzig – wenn auch nicht ohne Bedenken u Einschränkung einigermaßen stehen u. auskommen zu können, so würde ich gar nicht anstehen, sie jeder anderweitigen, selbst vortheilhafteren Stellung bei der Bühne vorzuziehen. Bleibt jedoch noch länger Härtels Antwort aus, so müßte ich dann doch – schon zu meiner Sicherstellung für den Winter – einen oder den andern mir inzwischen zugekommenen Antrag von Theatern in Erwägung ziehen u. annehmen – –
Welches Loos über meinen an Härtels f. d. Z. eingesandten Artikel: „Narkotische Komponisten“ pp verhängt worden, – darüber ist mir gleichfalls bis jetzt noch keine Antwort geworden, ich bat, im Fall er nicht zur Aufnahme geeignet befunden würde, um umgehende Remission d. Mskpts um anders darüber verfügen zu können – Letztere ist bis dato nicht erfolgt, aber auch den Artikel habe ich noch nicht abgedruckt gefunden – Wollten Sie vielleicht sich einmal unter der Hand darnach erkundigen u. mir darüber gelegentlich Aufschluß geben? –
|3| An H. Lorenz werde ich auf Ihre Empfehlung gern von Zeit zu Zeit Beiträge schicken, voraus gesetzt, dß solche ihm erwünscht –
Dabei kann ich nicht um hin, mich einmal gegen Sie darüber aus zu schütten, wie schmerzlich, niederbeugend es mir von jeher gewesen, daß meine äußern Verhältniße es mir bis jetzt nie erlaubt, dergl Einsendungen ohne das Honorar zu liefern, gleichsam als, wenn auch bescheidene, doch freiwillige u aufrichtige Opfer, der Kunst dargebracht – Ach, diese Verhältnisse, die sich wie Blei mir von je an die Füße geheftet u. so mich an gutem freien Aufschwung gehindert haben – Ja, das muß wahr seyn, wenn auch Alle von mir abfallen, Alles sich gleichgültig u. kalt von mir wendet – Eins verläßt mich nicht u. hält treulich bei mir aus: – das Unglück! – – –
Möchte Ihr nächstes, hoffentlich nahes Schreiben doch etwas länger, ausführlicher ausfallen Es ist nicht recht, diejenigen von deren herzlicher Theilnahme u. aufrechter Gesinnung man doch überzeugt seyn kann, immer so karg u. kurz abzuspeisen, zumal wenn der anzubriefende Theil sich so auf dem Sande befindet, wie dermalen meine Wenigkeit in diesem Klein-Abdera oder Böotien – Wie sehr bedauere ich, von Ihren letzten Compositionen „Paradies[“], Quintett usw. noch nichts zu kennen – man kommt sich da, wirklich hier wie auf eine wüste Insel verschlagen vor – als ein solcher Insulaner, der – solo e pensoso – gierig nach der geistigen Atzung lechzt, die ihm nur von außen kommen kann, sagt Ihnen damit herzlich Lebewohl
Ihr
C. Koßmaly
P.S. Schreiben Sie ja recht bald, ich bitte Sie herzlich drum –