19.12.2019

Briefe



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ID: 4846 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 22.08.1844
 

Geehrtester Freund,
Indem ich Ihnen schreibe, will ich gleich im Eingange bemerken, daß Sie sich ja nicht mit einer Antwort an mich incommodiren mögen, sobald Sie mir nicht etwas besonders Nothwendiges mitzutheilen haben. Wenn Ihre Frau Gemahlin, der ich mich zu empfehlen bitte, H. Wieck schreibt, kann sie diesem zugleich Ihre Ansicht mittheilen. Vielleicht kommt auch H. Wieck bald nach Leipzig u kann mir dann eine Antwort mündlich überbringen.
Mehrere Umstände machen mir, wenn ich zum Herbst mehrere Vorlesungen in Leipzig halte, einen pecuniären Erfolg zweifelhaft; namentlich das neu eröffnete Theater, was längere Zeit hindurch ableitet, u dann auch der Mangel eines für mich ganz geeigneten Saales. Der große Saal im Gewandhaus ist zu groß, der kleine zu klein, in der schlechtklingenden Börse würden die alten Chorgesänge nicht besonders sich darstellen, u in Pologne sind zu viele Störungen durch Bälle. Besser hat es mir daher geschienen, die Erbauung des Saales für das Conservatorium, der ganz für mich geeignet sein würde, abzuwarten, u zum Herbst in Leipzig nur zwei Vorl. zu halten: als Einleitung die Ihnen bekannte Kritik der Kritik, noch etwas erweitert, u sodann als Anwendung u Ausführung des in dieser Einleitung Angebahnten eine Vorl. über Ihre u Mendelssohns Werke; über die ersteren ausführlicher u nur mit Rücksicht auf Mendelssohn zur vergleichenden Gegenüberstellung, da ich in vielfacher Hinsicht Gegensätze in Ihren beiderseitigen Werken erblicke. Ein besonderer Grund, diese Vorl. auszuarbeiten, war noch der, daß ich diese zunächst in der Zeitung drucken lassen würde.
Was die Beispiele betrifft, so würde es heißen, Eulen nach Athen zu tragen, von Ihnen Beiden neuere Werke gerade in Leipzig zur Ausführung zu bringen. Interessant aber ist es, die Vorstufen, die dahin führten, zu betrachten, u so würde ich mich auf Ihre früheren Pianofortecompositionen u die Gesänge beschränken. Papillons (worin sich Ihre Eigenthümlichkeit, wenn auch im Keime, entschieden kund giebt,) Davidsbündlert. Kreisl. Phantasiest. usw.
Es entsteht die Frage, wer die Ausführung der Pianofortesachen übernehmen könnte. Meine Braut hat mehrere Ihrer Compositionen gespielt, aber nie studirt, u es hat immer etwas Gewagtes, mit Compositionen in die man sich nicht hineingelebt hat, öffentlich aufzutreten. Ich habe darum an Ihre Frau Gemahlin gedacht, bei einer ähnlichen früheren Veranlassung theilte mir H Wieck schon Ihre Ansicht darüber mit; ein Dilemma: würden Sie gelobt, so passe es nicht, wenn Ihre Fr. G. spiele, u würden Sie getadelt, so passe es auch nicht. Dem stelle ich aber gegenüber, dß natürlich weder das Eine noch das Andere einseitig u auf gesuchte Weise Statt findet. Ich spreche meine Ansicht so frei aus, dß jeder Satz die innere Ueberzeugung kund giebt. Diese Ueberzeugung selbst aber ist von der Art, daß Sie nöthigenfalls das Ganze selbst mit anhören könnten; um beispielsweise einen Hauptgegensatz anzuführen, so erblicke ich in Ihnen seit Jahren denjenigen, der berufen ist, unsere Musik organisch fortzubilden, u wirklich Neues zu erreichen; auf der anderen Seite bin ich wieder der Ansicht, daß Sie den Höhepunkt Ihres Schaffens noch nicht erreicht haben, u daß die Zukunft noch ds Schönste, mindestens ds Gerundetste, von Ihnen uns bringen wird. Die Grundansicht, die ich von Ihren Leistungen u Talent habe, hebt über jeden einzelnen Tadel hinaus, u anderseits beweist das, was ich noch vermisse, daß jene Grundansicht keine übereilte oder gemachte ist, u s w. Ich habe jetzt erst die Vorl. entworfen, noch nicht ausgeführt; so bald dieß geschehen, will ich sie H. Wieck vorlesen, der dann bemerken könnte, ob er die Ausführung der Beispiele durch Ihre Frau G. für passend findet. Erschrecken Sie nicht über die Vergleichung mit Mendelssohn; ich denke an diesen Klippen glücklich vorüber schiffen zu können. Ich ziehe z. B. Ihre früheren Pianof.compos. denen Mendelssohns weit vor, aber Mendels. hat wieder Seiten, worin er so gediegen ist, dß man mit Freuden ihn hochstellen kann. Frau Livia Frege könnte die Lieder übernehmen; die beiden Grenadire mögte ich auch gern aufmarschiren lassen. Es ist mir in dieser Lage der Einfall gekommen, einmal nach Freiberg, & Chemnitz zu gehen, u da ein paar geeignete Vorl. zu halten; dabei dachte ich daran, ob es nicht von Interesse wäre, die Vorl. über Ihre u Mendelss. Comp. vielleicht in Zwickau, – hier freilich ohne Beispiele – zu halten, bevor sie gedruckt wird? Was die Zeitung betrifft, so ist mir ihr Besitz jetzt noch wünschenswerther, als vor einiger Zeit. Als ich zu Ostern in Leipzig war, traf ich bei Härtels einige Einleitungen wegen der allg. musik. Zeit.; nun kam Ihre Mittheilung u so habe ich das dort Begonnene fallen lassen; ebenso eine Einladung nach Hamburg zu kommen. Da wir einverstanden sind, so würde es sich meines Erachtens nur darum handeln, wenn Friese sein Vorkaufsrecht gebrauchen will, diesen zu überbieten. Dazu bin ich, was ich Ihnen ja offen sagen kann, bereit. Damit wären dann aber auch meines Erachtens alle Hindernisse beseitigt. – Ich habe jetzt erst die Hauptfrage, ob es überhaupt passend erscheint, wenn Ihre Fr. G. den Vortrag der Beispiele übernimmt, berührt; ist dieß der Fall, dann erst könnte ich direct anfragen, ob sie die Güte haben will. Entschuldigen Sie freundlich meine offenen Mittheilungen,
Mit freundschaftlicher Hochachtung
Franz Brendel

Dresden den 22ten August.

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
226-229
 



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