25.02.2022

Briefe



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ID: 4856
Geschrieben am: Freitag 09.06.1843
 

Erhielten Sie,
verehrtester Herr Doctor!
lange keine Zuschrift von mir, so lag dieß hauptsächlich in manch-faltig gehäufter Arbeit. Jetzt nehme ich Ihr sehr werthes, aber auch leider sehr kurzes Schreiben wieder vor, und finde nur mit unabweislicher Befrem¬dung immer wieder darin die Alternation: meine ohnehin schon mög¬lichst gedrängten Notizen über Brendels Lectionen entweder noch bis zu einem Analogon von Concertzeddeln zusammenzuzwängen, oder sie gänzlich zurückzunehmen, was, da Sie eine unmögliche Gegenbedingung stellen, Ihnen das Liebere zu seyn scheint. Indem ich jedoch theils daran dachte, daß Ihrer Zeitung aus unvollendeten Aufsätzen nothwendig Vor¬wurf erwachsen würde, theils an den mir vielseitig geäusserten Wunsch, ich möchte die Vorlesungen bis zu ihrem Ende begleiten: ging ich doch, in der Zeit minder bedrängt, an einen Versuch der allermöglichsten Ab¬kürzens. Aus dem so behandelten Drittel der Vorlage konnte ich nun das Ganze berechnen, für welches aber noch immer mindestens 15–16 Spal¬ten erforderlich bleiben würden. Somit stand ich von der weiteren – nicht lockenden – Arbeit ab.
Ew. Wohlgeb. werden nun hoffentlich so gütig seyn, mir anzuzei¬gen, ob dieß so Ihrem Willen entspreche. Einmal aber im Schreiben, wird es Ihnen auch leichter werden, eine zweite Bitte mir zu erfüllen. Ohne Zweifel errathen Sie schon, daß ich hierbei meine Berichte über hiesige Concertleistungen |2| meine. Gar wohl weiß ich, daß ich nicht befugt bin, deren Aufnahme oder auch nuhr die Angabe Ihrer Gegengründe zu fordern, wohl aber glaube ich mich befugt zu der Frage, warum Sie nicht in Zeit mich mit Ihrer Abneigung bekannt und somit mich vor vieler ver¬geblicher, oft nahe an Mitternacht gekommener Arbeit bewahrt haben. Ja, als Bitte können Sie mir nicht die Frage verübeln: was denn nun eigentlich die Ursache meines in Ihrer Zeitung eingetretenen Schweigens sey? Wie leicht könnte ich auf noch grössrer Unzufriedenheit mit mir schliessen, als sie etwa obwaltet; wie leicht könnte ich geneigt werden, an vielleicht nicht vorgekommener Einflüsterungen Anderer gegen mich zu denken! Nehmen Sie hierzu noch, daß einerseits es wirklich von namhaften Mu¬sikfreunden allhier schon bedauert wird, über unsere Concerte gar nichts mehr zu finden, und daß andrerseits ich keineswegs zu denen gehöre, die sich fehlerfrei glauben und ein offenes, jedoch begründetes, tadelndes Wort übel aufnähmen: so werden Sie meine vertrauensvoll ausgesproche¬ne Bitte nur ganz natürlich finden. Ich kann mich doch bessern, und sollte dieß auch nach Ihrem Willen <nach> nicht Ihrer Zeitung dann zustatten¬kommen. Nächstdem bitte ich auch um Rücksendung meiner Berichte, da ich sie mindestens meinem Gedächtnisse aufheben möchte. Dieß betrifft namentlich die Concerte des Herrn Hartung, den wir nun bald zum Stadt¬musicus haben werden. Er wird die aufs ärgste verfallne Stadt-Capelle hoffentlich rasch bessern.
Indem mir aufs Neue No. 23 Ihres 18sten Bds. in die Hand fällt, fin¬de ich S. 92 Sp. 1 zwei Correcturen nöthig. Man |3| weiß nämlich mit Sicherheit, daß der Glaube nicht von Melanthon, sondern von Haus¬mann ist. Und nicht blos starke Zweifel stehen beim Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ gegen Schein, sondern man weiß ja ganz gewiß, daß von Leo Hasler die Melodie „Mein G’müth ist mit verwirret“ ist, auf welche dann Schein jenes geistliche Lied gepaßt hat. Vielleicht können Sie dieß anbringen; ich möchte nicht, daß Jemand durch mich da in Irrthum oder Ungewißheit bliebe, wo ich dem abhelfen kann.
Haben Sie vielleicht mit Herrn Friese über die bewußte Angelegen¬heit gesprochen, so bitte ich ergebenst um seine Meinung, bin auch ge¬sonnen, nächstens an ihn zu schreiben.
Mit dem herzlichen Wunsche Ihres allseitigen häuslichen Glücks ver¬bleibe ich stets
Ewr. Wohlgeboren
ergebenster Diener und Freund
Albert Schiffner.
Dresden, am 9. Juny 1843.










  Absender: Schiffner, Christian Albert (1340)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
546-549

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 15 Nr. 2595
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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