19.12.2019

Briefe



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ID: 4858 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 10.04.1845
 

Geehrtester Freund,
ich schreibe in Eile, u bitte daher um Entschuldigung, wenn Alles kommt, wie mir’s eben einfällt. Zunächst, was die übersendeten Lieder betrifft, so habe ich die beiden bestellten Hefte, der alte Landsknecht von Lenz, u das neueste Heft von Lindblad noch nicht erhalten, obschon es schon sehr lange her ist, dß ich bestellt habe. Können Sie nicht beide Hefte bei Paul bekommen, unter welcher Bedingung es auch ist, meinetwegen freihand, u dann einen Artikel machen. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon geschrieben habe, daß in den Ihnen übersendeten Sachen Werke von Mitarbeitern sind, die also eine etwas vorsichtige Behandlung verlangen; aus diesem Grunde schickte ichs Ihnen. – Die Peri habe ich von Härtels noch nicht erhalten; bald nachdem ich meinen Brief an Sie geschrieben hatte, hatte ich Gelegenheit an Härtels zu schreiben, u erwähnte der Peri, habe aber noch nichts erhalten. Ds ist der Uebelstand, dß ich mit Härtels persönlich näher bekannt bin, u also weniger Post bestellen kann. Thalbergs Sonate bestellte ich, sie wurde gleich eingeschickt, u nun kam ds Unglück, dß sie getadelt werden mußte. Ds hat mich etwas bedenklich gemacht. Es war mir unangenehm, aber es war nichts zu thun. Darum schrieb ich an Härtels mit, als ich der Peri gedachte, daß mein Urtheil darüber ein äußerst anerkennendes sein würde, aber keine Lobhudelei, dß ich auch Manches dagegen hätte (– der Aufsatz war damals noch nicht gedruckt) Haben Sie in dieser Angelegenheit an H. geschrieben? Bitte, melden Sie mir, was zu thun ist. Wenn Sie, namentlich etwas Größeres drucken lassen, dächte ich, wäre es gut, wenn Sie gleich mit ein Exempl. zur Einsendung bestimmten. – Uebrigens mache ich hinsichtlich dieser Einsendungen die erfreulichsten Erfahrungen. –
Sie schreiben mir, dß ich nicht zu Viele in der Zeitung solle sprechen lassen Es hat nur Lorenz in kritischen Angelegenheiten gesprochen, er hat sich aber gut verkappt. Für Pianofortesachen habe ich Eberwein in Dresden engagirt. (doch dieß ist Geheimnis) Er ist gewissenhaft u ein sehr tüchtig gebildeter Musiker. Zu wünschen ist noch, daß er sich mehr einarbeitet, u weniger Philister ist. Hierin könnten Sie nun der Sache mittelbar sehr nützen, wenn Sie mit ihm bekannt würden, u ihn etwas orientirten. Jetzt wäre z. B. eine sehr günstige Gelegenheit. Meier in Braunschweig hat mir Feskas sämmtliche Werke (bei Gelegenheit der Uebersendung des Neuesten) geschickt; diese habe ich Eberwein zur Recension gegeben. Wenn Sie mit Eberw. verkehrten, könnten Sie ihn auf Manches aufmerksam machen. Ich will ihm schreiben, daß er zu Ihnen kömmt. Ich habe es ihm schon geschrieben, aber er scheint zu fürchten, daß er eine nur ceremonielle Aufnahme bei Ihnen findet. – Hier ist unter den mir Bekannten Niemand zu gebrauchen. Die jungen Leute haben sich ds Absprechen und den gemeinen Ton des Repertoriums angewöhnt, ohne den Geist zu haben, den Hirschbach doch hat. So wurde im vorigen Jahr Riccius für die Zeitung herangebildet. Jetzt ist er Factotum von Hirschbach. Für beide Blätter zugleich kann er nicht arbeiten, obschon er will. u. s. f. Können Sie mir Jemand als einen treuen Mitarbeiter hier in Leipzig empfehlen, so würde mirs sehr lieb sein. Denn 1.) Lorenz, was ich ihm nicht verdenken kann, lamentirt, u will einmal eine Zeitlang Ruhe haben, u drängt mich Jemand zu gewinnen, u 2.) ich selbst habe mit dem Ihnen gewidmeten Aufsatz zu thun gehabt, u denke, dß es das dringenste Bedürfnis ist, – wie ein Gewitterregen dem vertrockneten Boden – jetzt einen Aufsatz zu schreiben: „Vergangenheit, Gegenwart u Zukunft der Oper.“ Die gesammte Productivität stürzt sich auf dieß Gebiet, u doch nicht um ein Haar klüger, als früher, u es wird wieder nichts, wenn nicht eingegriffen wird.
Diese von höheren Gesichtpuncten aus orientirenden Aufsätze, wie ich sie geben will, halte ich für das Bedürfnis der Zeit. Dann muß ich aber außer Lorenz noch Jemanden haben, auf den ich mich verlassen kann. Es ist eine Lücke, die durch Jul. Beckers Weggang entstanden ist, denn der wird doch jetzt blos über größere Sachen schreiben, u ist weniger zuverlässig in der Tagesliteratur, wo schnell gefördert werden muß schon durch seine Entfernung; ich meine weniger zuverlässig in Dutzendwerken. Lobe in Weimar ist bereit, jedwede Kritik zu übernehmen; finde ich keinen hier, so müßte ich mich schon dazu entschließen. Sobald ich den Aufsatz über die Oper im Rücken habe, beschäftige ich mich aber auch [?] mit der Anzeige anderer Werke, nicht blos Opern u Oratorium, was ich mir speciell vorbehalten habe.
Bitte um Ihre Ansicht. Können Sie wieder mehr schreiben, so wäre freilich aller Verlegenheit schnell ein Ende gemacht. Ueberhaupt würde es recht gut sein, wenn Sie etwas mit Ihrer Namensunterschrift bald einmal schreiben könnten.
Haben Sie die Gedichte von Jacob Hoffmeister in der Zeitung gelesen, diese scheinen mir trefflich. Er könnte vielleicht für Operndichtung herangebildet werden; bereit ist er. Er hat sehr viel geschrieben, Dramatisches; ich war der Erste, gegen den er damit herausgegangen ist. Bisher hat er in Cassel still versteckt gedichtet. Er ist Diplomat, fühlt sich aber so unglücklich, dß er ds aufgegeben, u sich hierher wenden will. Was sagen Sie? Hätten Sie Lust, sich mit ihm in Verbindung zu setzen?
Grüße Ihnen u Ihrer Fr Gemahlin von mir
u meiner Frau
Ihr
Brendel

Leipzig den 10ten April

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
237-240
 



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