25.02.2022

Briefe



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ID: 4867
Geschrieben am: Dienstag 25.04.1843
 

Genehmigen Sie zuvorderst,
verehrtester Herr Doctor!
meinen herzlichen Glückwunsch zum angetretenen Lehramte. Bei ei¬gener Gesundheit, bei fremder dankbarer Anerkennung, möge es Ihnen stets ein recht angenehmes seyn!
Zur Förderung der Kunst ist es entfernterweise wohl auch ein Vor¬schritt, daß nun auch in Deutschland musikgeschichtlichen, mit Beispielen durchwebten Vorlesungen die Bahn durch Brendel gebrochen ist. Seine interessante Unternehmung wird wohl Nachfolger erwecken, und auch dieses Beginnen, wie so manches Gute für die Musik, geht von unserem Sachsen aus. Brendel kündigte vorläufig einen erweiterten Cursus für Dresden an, ┌und┐ beabsichtigt ihn, wie ich gehört, auch für Leipzig; so¬mit scheint eine Besprechung des in mancher Beziehung allerdings noch mangelhaften ersten Versuches für Dresden keineswegs überfliessig. Der zweite wird sich desto vollkommener gestalten, und selbst für Ihre Musik¬schule dürfte die Besprechung nicht ohne allen Nutzen seyn. Da Sie nun diese einmal begonnen haben, Brendel aber für seinen Curs vor 3 Tagen geschlossen hat, so nehme ich keinen Anstand zu Übersendung dessen, was ich über die 10 letzten Vorlesungen und Concerte mir notirte; benut¬zen Sie es nach Belieben. Vor verletzendem Ton habe ich, |2| werden Sie finden, mich gehütet. Anmerkungen aber durfte ich, der ich seit mehr als 20 Jahren dem musikgeschichtlichen Studium mit so eifriger Vorliebe ob¬gelegen, mir wohl erlauben; jene Liebe dürfte seit Rochlitz’es Tode wohl bei uns unübertroffen seyn.
Am eifrigsten sammelte ich schon längst – unterstützt dabei durch meine topographischen Arbeiten – zu einer „Geschichte der Tonkunst in Sachsen“, in dieser Wiege und steten Stätte der deutschen Musik über¬haupt, für welche Sachsen sogar wiederholt der erste Residenzpalast ge¬wesen ist. Ich gehe dabei bis ins 11te Jahrhundert zurück, und keineswegs sollen blos Männer – nein, es soll auch die Sache selbst nach ihren ge¬schichtlichen Momenten, Hilfs- und Förderungsmitteln, besprochen wer¬den. So wird denn desto sicherer das Buch seinen Leserkreis über Sach¬sens Gränzen hinaus, ja durch die deutsche Tonwelt überhaupt ausdehnen. Glauben Sie nicht, daß der so unternehmende Herr R. Friese sich würde zum Verlage bewegen lassen, besonders wenn Sie meine Feder gütigst bei ihm bevorworten wollten? In Kurzem werde ich an ihn schreiben.
Meine Tafel über die Bachische Schule wird Ihrer Zeitung bei aller Verschiedenheit der Ansichten doch mehr Billigung, als Verwünschung zugezogen haben. Da nun seitdem eine lange Zeit verflossen (die, bei¬läufig zu sagen, jene Tafel um 60–70 Tonsetzer bereichert hat, zum Theil noch Nachrichten aus deren eigener Feder) so würde das Publikum viel¬leicht nun eine zweite Gabe sich gefallen lassen, die natürlich bedeutend vollständiger, als jene Bachische Tafel, erscheinen würde. |3| In dieser Beziehung bemerke ich, daß der Haupttafeln noch vier sind, die 3 ers¬teren mit je 400, die letzte mit etwa 500 Tonsetzern. Diese, nämlich die Carissimi’sche, umfaßt mit der Martini’schen zusammen ziemlich alle ausgezeichneten Italiäner seit 150 Jahren. Übrigens läßt die Martini’sche sich auch der (ausserdem schwachen) Palestrinaischen Tafel anheften, was mir dagegen mit Carissimi bisher noch nicht gelang, obwohl ich aus Gründen vermuthe, daß Carissimi entweder bei Palestrina oder gar schon bei dessen Lehrer Goudimel studirt habe. Die Übrigen grossen Tafeln sind die von Ockeghem (durch 4 Jahrhunderte reichend bis auf den jun¬gen Mozartstipendiaten Bott in Cassel) (der sich auch die Bach’sche Tafel noch würde einschalten lassen) und jene von Czernohorsky, interessant besonders durch die zahlreichen, von Gerber, Kiesewetter, Schilling u. A. so wenig besprochenen, böhmischen Meister, die – gleich der böhmischen Malerschule – unbemerkt vom übrigen Deutschland so Herrliches schu¬fen. In diese Tafel gehört zugleich die ganze Tartini ’sche Geigenschu¬le bis zu den kleinen Milanollo’s herab, und anhangsweise habe ich ihr auch Spohrs Geigenschule beigegeben. Wollten Sie eine dieser Tafeln aufnehmen, so würde ich den Commentar möglichst kurz halten, auch – das versteht sich, da Sie ja ohnedieß besondere Unkosten dadurch hätten – für die Tafel selbst kein Honorar verlangen. Unter den übrigen Tafeln sind noch jene von Greco und Porpora, von Pescetti und Lotti, von Fux und Reutter, die stärkesten. Gut wäre übrigens auch ein Abdruck |4| der Bachischen vor Sebastian, die mit der Bachischen Geschlechts-Tafel nicht etwa gleichbedeutend ist, theils weil mehrmals Ein Bruder den An¬dern unterrichtet hat, theils weil Walthers Schule noch als Nebenzweig hinzukommt.
Eine nun ziemlich beendigte und mühsame Arbeit will mir zur Ue¬bersicht der Musikgeschichte als ein hübscher Beitrag erscheinen. Ich habe nämlich von 1 500 Jahren her (anfangs natürlich nur sehr wenige auf¬nehmend) die 1 000 ausgezeichnetesten Tonsetzer so zusammengeschrie¬ben, daß nächst dem Namen eine 2te Columne das Jahr der Geburt (nach welchem die Aufeinanderfolge sich sich richtet), die 3te den Ort oder doch das Land der Geburt, die 4te das Todesjahr, die letzte den Todesort nennt, ein Anhang aber noch etwa 100 Männer giebt, um – wenn man etwa von jenen 1 000 manchen nicht wollte gelten lassen – die Zahl dennoch zu erfüllen. Wie in den Tabellen, zeichnet grössere Schrift auch hier die wich¬tigsten Meister aus. – Nun bedenken Sie gütigst, wie diese Arbeit dem Pu¬blikum könnte zustatten kommen. – Schließlich muß die augenblickliche Raumesweite in meiner kleinen Casse mich entschuldigen, wenn ich die vor einiger Zeit gethane, Ihnen vielleicht damals gerade unwillkommene Bitte bescheiden wiederhole: mir ohne bestimmte Abrechnung etwas von dem gütigst zukommen zu lassen, was ins 2te Semester 1842 gehört. Oder ist dieß vielleicht überhaupt nicht Ihre, sondern Herrn Friese’s Sa¬che? Dann gütige Verzeihung, aber auch bestimmte Hinweisung an die¬sen! Jedenfalls finden Sie keinen Undankbaren, stets dagegen in mir
Ihren
in inniger Verehrung und Herzlichkeit
ergebenen Diener
Albert Schiffner

  Absender: Schiffner, Christian Albert (1340)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
541-545

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 15 Nr. 2554
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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