19.12.2019

Briefe



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ID: 4912 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 06.05.1843
 

Um geneigte Aufnahme der umstehenden Epistel in Ihre Zeitschrift bittet ganz gehorsamst der Verf. (ein Dilettant aus der Mark Brandenburg, der jetzt kurze Zeit in Berlin verweilt)

Berlin am 6. Mai 1843

Epistel mit Zubehör
an den Rezensenten H. Dz (?13), wahrscheinlich in Leipzig
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Quidquid sit, simplex dumtaxat & unum
Horatius
Das Einfach-Schöne soll der Kenner schätzen.
Verziertes aber spricht der Menge zu.
Göthe
Ew. Wohlgeboren brechen grausamlich den armen Küster’schen Liedern op. 5 in No 29 d. Ztschr. beinahe den Stab, weil sie sich bei dem Vergleich mit einem op. 1. von Gelbke, mit dem sie nolens volens zu gleicher Zeit abgefertigt werden sollten, von Rechts wegen etwas störrisch gebehrdeten; weil sie ferner – horrible dictu – mit dem jetzt großesten peccatum Einfachheit dero vielleicht zu mehr als kostbar ausstaffirtem Rezensententhrone zu nahen wagten; was Ew. Wohlgeb. jedoch gütigst nicht der Armuth, sondern den Grundsätzen des Componisten zuzuschreiben sich herablassen, auch wohl überhaupt für das Resultat der ersten Versuche eines Componisten, jedenfalls aber – und das mit Recht – nicht hinreichend zur Schönheit eines Werkes zu halten belieben; und weil sie endlich freventlich zu Texten geschrieben wurden, die nach dero Meinung „todt componirt“, will sagen: so oft – ob gut, ob schlecht – componirt sind, daß Ew. Wohlgeb. sie satt haben. Weil jedoch dero große Aufmerksamkeit einige Andeutungen von Fingersatz in der Begleitung entdeckt ; so empfehlen Sie huldvoll das bereits fast guillotinirte Werkchen „aus voller Ueberzeugung“ ad instructionem. O dieser großen Genügsamkeit!
Aber nun nimmt sich’s ein armseliger Dilettant gar heraus, dieser Paar Lieder eines unbekannten Componisten wegen Ew. Wohlgeb. auf sothane Art lästig zu fallen. Wie wird’s nicht über mich Aermsten einhergehen! – Doch sei’s! ich bin darob getröstet, sind doch Ew. Wohlgeboren dann auf rechtem Terrain, und können Sich’s dort behaglich machen, nach Wohlgefallen.
Mit möglichster Höflichkeit
Ew. Wohlgeboren
gehorsamster pp
ein Dilettant
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Warum nicht ganz? Das ließe sich gewiß eben so leicht, und bewahrte sicherlich vor jeder Entgegnung.
1) Hier noch lange nicht so vortheilhaft rezensirt, als das K’sche op. 1 und 2 im 15 Bde (1841, in einer, ich weiß nicht mehr genau, welcher? der Spätherbstnummern), und desselben op. 3 in No 23 des 16. Bds dies. Zeitschr., die H. Dz aber wahrscheinlich gar nicht kennt. – Oder sollte es ihm [mit seinem Verlangen nach „mehr“] mehr um multa, als um multum zu thun sein? –
2) es einigermassen zu verfechten – s. d. Motto – gab die Hauptveranlassung zu dieser Epistel.
3) bezieht sich vermuthlich unt. and. auch auf das, was H. Dz. „Routine und Mannichfaltigkeit der Behandlung in Stoff und Form“ nennt.
4) freilich mag der Comp., der heut zu Tage einfach componirt, so einige haben.
5) Curios, daß es sich in der Regel umgekehrt findet!
6) in wie weit? – cf. „Wissensch. u. Kunstnachr.[“] in d. Berliner Haude- und Spener’schen Zeit. (17. Febr. 1843, Beil.), wo die Lieder „einfach innig u. melodisch, ganz dem Sinne der natürlich empfindungsvollen Gedichte angemessen“ genannt werden. Und der Referent ist hier nicht ein H. X, Y, Z; sondern der als Musiker u. Kritiker bekannte und geachtete Hofr. J. P. Schmidt (9)
7) sämtlich von Uhland.
8) die sich in der That auch bei instructiven Pianofortecompositionen bisweilen entdecken lassen.
9) Beim Gesangunterricht können hiernach schlechte [oder]halbschlechte Sachen immerhin passiren, wenn sie nur – Fingersatz in der Begleitung haben.

[BV-E, Nr. 2570, „Anonym“]

  Absender: Anonym [Küster, Hermann ?] (13071)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 910ff.
 



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