15.07.2019

Briefe



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ID: 4925 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 10.06.1843
 

Triest, am 10. Juni. 843

Lieber Freund!

Wie ein fliegender Holländer verließ ich Leipzig; Niemand weint mir eine Thräne des Abschieds nach; nicht einmal durch Zurücklassung eines Gläubigers hab ich mich unvergeßlich gemacht! Ob wohl Sie sich in Ihrer innern schöpferischen, aber selten mittheilenden Stimmung <sich> meiner erinnert? – hiermit wird Ihnen Gelegenheit gegeben, zu beweisen, ob meine Begegnung an Ihnen flüchtig vorüberstrich, wie die von tausend Schatten, die schon in der Oberwelt die Artisten und Redakteure quälen, oder, ob Sie mich wirklich ein bischen gründlich lieb haben, wie Sie mit Ihrem Lapidarstyl manchmal anzudeuten beliebten?!? –
Ich horste demnach jetzt in Triest. Was ich bin? Formell Conceptbeamter bei der hiesigen Gubernio, d. i. die oberste Regierung. Warum ich Leipzig verließ? weil ich konntermüde5 war. Politische Richtungen habe ich nie gerne vertreten, weil all’ das Reden nichts nützt. Wir brauchten statt Zungen Dreschflegel und statt Federn Hellebarden, so wie an Stelle der Dintenfässer Karthaunen; eben so als Streusand drauf eine Sahara von Zaubersand. Mich zog und zieht die Kunst an, und kümmere ich mich nicht gern um das Misere der Tagespolitik; die Wunden der Zeit schmerzen mich unsäglich, wenn ich sie anblicke, und um mir den Schmerz zu ersparen, drücke ich lieber das Auge zu. Wer Kranke besucht, soll Artzt seyn; sonst frommt es nichts; und seine Besuche sind lästig. Bleiben wir daher bei der Kunst. Da sitzt denn aber der Schmetterling auf einer schönen Distel. Schade, daß der Mensch nicht so duftig und luftig, wie der Falter; und ich armer Falter sitze jetzt auf einer schönen Distel. Zufällig ist die Distel der ältere Verleger des „Albums“. Auch der zweite Jahrgang schlich nun hin, und Hr. Bösenberg mag die Ausstattung nicht mehr wagen. Es muß also in Wien Rath geschafft werden und das geschieht; der dritte Jahrgang tritt bestimmt ins Leben! Sie werden daher allerschönstens eingeladen, so wie Ihre verehrte Gemalin, mir auch heuer beizustehen, und was mitzutheilen; Ihre Beyträge waren ohnehin jedes mal die Perlen; bitte, lassen Sie sie auch heuer nicht fehlen. Wenn Sie in Triest und für Italien keinen Korrespondenten haben, will ich gern in dankbarer Erwiederung für Ihre Zeitschrift Berichte liefern, mit der einzigen Bedingung, daß aus amtlichen Rücksichten mein Name verschwiegen bleibt, und Sie mir 1. Ex. Ihrer Zeitschrift anher gelangen lassen. Nur möchte ich Sie diesmal ersuchen, mir Ihre Sendungen in möglichster Eile anher post restante zu übermachen, weil die Sachen denn erst nach Wien gehen und sonach die Ausgabe verzögert würde. Ich baue u. vertraue auf Sie und Ihre Frau Gemalin und sehe mit voller Hoffnung den nächsten Wochen entgegen, die mir Nachricht von Ihnen bringen. –
Schreiben Sie mir etwas mehr, als das gewöhnliche Formelle und schenken Sie einem alten Verehrer eine Viertel Stunde Mittheilungszeit. Vielleicht sehen wir uns noch vor Neujahr: denn daß ich eine geliebte, süße Braut in Ihrer Nähe habe, wird Ihnen das GroßMaul der Allgemeinen Zeitung schon ausgeschwatzt haben.
Noch Eines. Sie theilen in Ihrer Zeitschrift vielleicht gefällig in <mit> einer Notiz mit, wo ich jetzt lebe? Es wäre mir aus manchen Gründen lieb! –
Mit herzlicher Freundschaft treu ergeben
Rudolf Hirsch

Herrn Dr Robert Schumann
Wolgeboren
Leipzig.
frey.

  Absender: Hirsch, Rudolf (714)
  Absendeort: Triest
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 573-576
 



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