19.12.2019

Briefe



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ID: 5133 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 01.02.1842
 

Leipzig d. 1 Febr. 1842.

Herrn Dr. Schumann Hochwohlgeboren hier!

Wenn ich mir erlaube, an Ew. Hochwohlgeboren diese Zeilen zu richten, so werden Sie den Zwek derselben leicht errathen können. Der gestrige Tag war ein Unglückstag für mich. Es häuften sich mehrere Umstände zusammen, um mir dieses recht fühlbar zu machen. Ein Unberufener, dem vielleicht das Herz, aber nicht der Mund auf dem rechten Flek saß, hatte mir den traurigen Dienst erwiesen, mich einen „Rival Liszt’s“ zu schimpfen. Der üble Eindruk, der Unwille, den diese Bezeichnung schon von vorn herein auf das Publikum äußern mußte, war eben so natürlich und gerecht, als die Bezeichnung selbst unsinnig, ja Ekel erregend war. Das Publikum hatte Vorurtheile – war mir, noch ehe es mich kannte, nicht, durchaus nicht gewogen, und auch dieses hatten mir Zungen hinterbracht, die immer geschäftig sind, wenn sie zerstören, wenn sie Unheil stiften können. Hätten mich diese nicht auf das drohende Gewitter aufmerksam gemacht, bei Gott! ich wäre sorgloser gewesen. Daß indessen solche traurige Prospecte auf mich einen höchst niederschlagenden Eindruck haben mußten, wird mir jeder fühlende, ja jeder denkende Mensch einräumen. Daß ich mit meinen 19 Jahren meinem Willen nicht mehr Unabhängigkeit, meinem Character nicht mehr Stärke verliehen habe, ist ein Tadel, der zwar nicht zu rechtfertigen, aber vielleicht doch wohl zu entschuldigen ist. Unsere Charactere sind nun einmal nicht alle in einer Form gegossen, und eine solche Schwäche, eine solche Eindrucksfähigkeit, eine solche wenn auch tadelnswerthe Empfindsamkeit ist vielleicht weniger verdammungswürdig, als das Gegentheil, eine starre gefühllose Kälte und Unempfänglichkeit. So standen also die Sachen, als ich vor dem ersten musikalischen Publikum Deutschlands auftreten sollte. Dieses Bewußtsein, der Gedanke, vor einem Richter zu stehen, der die ganzen Gesetzbücher inne hat, dessen Ausspruch Gesetz, dessen Worte Norm sind, trugen noch mehr dazu bei, mich ganz zu consterniren. Ich war krank, wo ich am meisten gesund sein sollte; matt, erschöpft, wo mir Kräfte am meisten nöthig waren; ängstlich, wo ich keine Furcht kennen durfte. Als ich aber nun vollends zischeln hörte, „Rival Liszt’s“ sagen hörte – mein Zustand ist nicht zu beschreiben. Ich hatte kein Ohr für mein Spiel nur für die Worte „Rival Liszt’s“ Es war mir, als ob alle Welt schrie „Rival Liszts“. Was ich unter solchen Umständen leisten konnte, das will ich nicht erörtern. – Ich weiß fast nicht, was ich gespielt habe, aber daß es <d> meine Fantasie aus den Puritanern nicht war, darüber mögen die Herren David und Bennett entscheiden die sie früher von mir gehört haben. Was ich durch diese Zeilen beabsichtige, Herr Doctor, Sie werden es errathen! Beurtheilen Sie nicht einen Menschen in dem Moment, in dem er nicht zu Hälfte <>Mensch ist. Sehen Sie nicht in das starre Gesetzbuch des Rechtes, sondern in das der Billigkeit, denn das Recht ist nicht immer Gerechtigkeit. Zu sehr Mensch, um nicht meine Lage zu erkennen, zu gefühlvoll um nicht die Tiefe meines Unglüks zu ermessen, werden Sie mir auch Mittel u. Wege an die Hand geben, meine Ehre wieder zu retten, und mir Gelegenheit dazu zu verschaffen, und auch wo möglich Ihre Kritik über mich noch zu verschieben. Verpflichten Sie mich zu diesem Danke, Herr Doctor und und das schöne Bewußtsein, edel gehandelt zu haben, wird Sie lohnen, und Sie mit unverwelklichen Kränzen schmüken. Schrift und Gedankeninhalt werden Sie unter solchen Umständen Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Ich reise auf einige Tage nach Halle, und bitte um Erlaubniß, Ihnen nach meiner Rükkehr meine ergebenste Aufwartung machen zu dürfen.
Genehmigen Sie die aufrichtigsten Versicherungen der größten Hochachtung und Verehrung
Ihres ergebensten Diener
Th. Krausse
Klavier-Cammer-Virtuos.

Sr. Hochwohlgeboren.
dem Herrn Redacteur der musikalischen
Zeitung Dr. Schumann.
hier.
Frei.

  Absender: Krauße, Theodor (868)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 19
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1828 bis 1878 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2018
ISBN: 978-3-86846-029-2
619ff.
 



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