25.02.2022

Briefe



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ID: 5219
Geschrieben am: Dienstag 14.02.1843
 

Dresden, am 14. Februar 1843.
Verehrtester Herr und theurer Freund!
Sie würden mich für gänzlich aus meiner Rolle gefallen erklären, wenn mir Berlioz nicht Anlaß zu einer längeren Expectoration geworden wäre. Diese folgt hierbei, mit der gewöhnlichen Freistellung, Ueberflüssiges zu streichen, insofern dabei – wofür mir ja Ihre Discretion genügende Bürg¬schaft gewährt – der Sinn nicht ein anderer wird. Das Gute in Berlioz er¬kenne ich gern und willig an; seinen Weg aber halte ich für einen falschen, und dieß erklärt es, wenn ich in meinem Berichte mich häufiger gegen, als für ihn erkläre. Auch glaube ich, daß ich die sehr grosse Ueberzahl der Musikfreunde für mich habe. Ich verkenne aber keineswegs, daß sein Con¬cert ein ausnehmend interessantes war, und dieß um so mehr, als dabei Dresdens Musikkräfte einmal sich im höchsten Glanze zeigten. Auch soll B. selbst erklärt haben (wie einst Meyer-Beer hinsichtlich der Hugenotten) daß er mit Dresden zufriedener sey, als mit Paris selbst. Gäbe er uns etwa noch sein Requiem ganz, so würde ich auch meinen Besuch wiederholen; denn dieses muß jedenfalls, wenn auch nicht ein kirchlich-gutes, doch ein höchst interessantes Werk seyn, wie man aus den Probenumern merkte.
Des Parish-Alvars erstes Concert konnte ich nicht besuchen; dage¬gen hoffe auf das zweite, künftigen Montag zu gebende. Etwas Neues wird sich darüber wohl nicht sagen lassen. Unter den Hartungischen |2| Concerten war das Letzte überhaupt eines der interessantesten, beson¬ders aber durch Spohrs historische Symphonie, die ausgezeichnet gut ging. Einiges über dieses launige, zuletzt offenbar ins Carricaturmässige ironisirende Werk später, wenn ich eine Partie der Abonnementsconcerte zusammennehme.
Mit Freuden las ich in der Zeitung, daß schon zu Anfange Aprils der Unterricht in der neuen Musikschule beginnt; gratulire dazu schöns¬tens! Daß wir hier vor 8 Tagen nun definitiv in Wagner einen zweiten Capellmeister erhalten haben, wissen Sie ebenfalls aus der Zeitung. Im Ganzen ist das Publicum damit einverstanden. Seinen Rienzi giebt man nun in Hälften, und da wird derselbe sich, denke ich, noch mehr Geltung verschaffen, als bisher. Der fliegende Holländer theilt die Meinungen noch schroffer, als Rienzi; Einige sind besonders vom 2ten Acte ganz wie bezaubert, während Andere daran garnichts finden wollen; eigentlich liegt wohl aber die Wahrheit in der Mitte, und soviel ist gewiß: Wagner arbeitet so, daß sehr viel darauf ankommt, wo man im Theater sitzt, ihn zu hören. In der Kirche hat er bis jetzt noch nicht dirigirt.
Eben erfuhr ich, daß Sie aus meinen Nachrichten über die Brendel’schen Vorlesungen einiges in Druck gezogen haben; das höre ich dankbar und nicht ungern.
Nächstens mehr! Einstweilen, wie immer,
Ihr
ergebenster
Albert Schiffner.

  Absender: Schiffner, Christian Albert (1340)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
535-537

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 14 Nr. 2497
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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