19.12.2019

Briefe



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ID: 5307 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 26.09.1840
 

Lieber Junge!
Zuerst meinen besten Dank für deine Hülfe aus der Noth, ich werde meine Schuld mit nächstem durch eine extra gelungene Mara ausgleichen! Gebe Gott dass Gott dir viel Glück gebe.
Nun eine Bitte und Anfrage, die Schwester der Sonntag, Nina ist gegenwärtig hier, sie hat hier gastirt und gefallen ohne gerade Furore zu machen, dagegen gefiel sie in der Academie welche meine Frau am 24 dieses M. in Freiberg gab und worin sie ihr sang, ungemein, Sie sang eine Aria aus dem Fräulein von See mit ungemeiner Fertigkeit, dann – und ganz allerliebst! – „Vedrai Carino“ aus dem Don Giovanni. Nun sieht sies selber ein daß sie auf der Bühne nie das Glück wie im Concertsaale machen wird, sie möchte sich also ganz dem Concertgesange widmen und um einen guten Anfang zu machen in euerm Gewandhaus Concert auftreten. Da sie nun aber sich nicht gern einer abschläglichen Antwort aussetzen will so hat sie mich gebeten daß ich mich bei Dir erkundige ob Mendelsohn-Bartholdy sie wohl in diesen Winterconcerten würde singen lassen und unter welchen Bedingungen. Glaubst du daß sie keine abschlägliche Antwort zu befürchten hat, so soll sie sich selber direct an ihn wenden. Ich bitte Dich, schreib mir umgehend darüber, aber so, daß ich ihr Deinen Brief zeigen kann. Der Paulus wird in diesen Tagen in der neustädter Kirche aufgeführt die Schröder, Tichatschek, Zezi Wächter die Hauptparthien, Chor das Theaterpersonal und die Dreißigsche Singacademie. Ueber Deine Lieder hab ich einen langen ausführlichen Artikel in Ost und West geschrieben, Schlesinger hat mir einiges Gute von Reißiger und Taubert geschickt welches ich mit Vergnügen besprechen werde, aber auch eine ungeheure Menge Schund von Andern, was soll ich damit?
Was sagst du zu C. Cerni’s [sic] Liedern Felix Mendelsohn-Bartholdys für Fortepiano. Unsinn du siegst! wenn das der Felix gewollt hätte, so hätt er wohl selber Lieder ohne Worte schreiben können. Es muß freilich auch solche Käutze geben, aber toll ist es doch immer daß kein Genie eine Intention haben darf ohne daß eine Menge Nichtgenien sich drüber her machen und es wiederkäuen. Wiederkäuendes Vieh!
Was macht deine gute Clara, mein armes Weib kränkelt leider immerfort und ich fürchte das alberne Zeitungsgerücht geht nur zu bald in Erfüllung – Ach wenn ich meine Kinder nicht hätte, ich legte mich selber am liebsten hin, es ist ein erbärmliches Leben wenn man keine Musik mehr hört! Leb wohl
bald mehr von Deinem
Lyser

Dresden den 26 Septbr 1840.

Sr Wohlgeb
Herrn Dr. Robert Schumann
Redacteur der neuen Zeitschrift für Musik
in
Leipzig
fr.

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
765ff.
 



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