25.02.2022

Briefe



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ID: 532
Geschrieben am: Sonntag 05.08.1838
 

Leipzig, den 5. August 1838.


Mein theurer Freund,


Eben empfing ich Ihren freundlichen Brief, als ich mich zum[128] Schreiben an Sie niedersetzen wollte, und zwar in einer für mich sehr wichtigen Angelegenheit, in der ich den Rath eines Freundes bedarf, als den ich Sie jetzt kennen gelernt. Erschrecken Sie also nicht, wenn schon in acht Wochen Jemand an Ihre Thüre klopft, mein Doppelgänger, ich selbst nämlich, noch mehr: wenn er Ihnen sagt, daß er die nächsten Jahre wahrscheinlich für immer in Wien zubringt. Alles dieses theile ich Ihnen aber im innigsten Vertrauen mit und mit der Bitte, gegen Jedermann (namentlich gegen wen aus Leipzig) davon noch still zu schweigen. Die Gründe, die mich nach Wien bringen, sind die Gründe freundlicher Art; eigene Verhältnisse sind es, die mir gebieten, meinen Aufenthalt in einer größeren Stadt als Leipzig aufzuschlagen. Mündlich hierüber mehr, was ich dem Papier nicht anvertrauen mag. Es ist entschieden, daß ich spätestens Mitte October in Wien sein muß. Und die Zeitung? werden Sie sagen, die laß ich natürlich nicht; während der drei Monate October bis December wird sie von Oswald Lorenz101 besorgt; und vom Januar an soll sie in Wien gedruckt werden. Und da brauch' ich denn Ihre gütige Hand. Natürlich bedarf die Zeitung der Concession, die wohl das dortige Censuramt unter Graf Sedlnytzky zu ertheilen hat. Daß man keine großen Schwierigkeiten machen wird, da es ja ein reines Kunstblatt, das seit seinem Erscheinen in den Oesterreichischen Staaten vertrieben worden ist, bin ich beinahe überzeugt. Doch kenn' ich die Vorsicht der dortigen Behörden und den langsamen Gang in ähnlichen Verhandlungen vom Hörensagen, so daß ich schon jetzt wirken, d.h. so bald als möglich mein Gesuch um ein Privilegium für das Erscheinen der Zeitschrift in Wien einreichen möchte, damit die erste Nummer des künftigen Bandes schon Mitte December von Wien aus verschickt werden kann. Völlig unbekannt mit den dortigen Gesetzen und Formen, in denen so ein Gesuch gestellt sein muß, bitte ich Sie nun dem armen Künstler, der sonst nie etwas mit Polizei und Censur zu schaffen gehabt, gütigst beistehen zu wollen. Ich werde nie vergessen, was Sie in dieser Sache für mich thun.

So bäte ich Sie denn, daß Sie sich bei einem Rechtsgelehrten dort erkundigten, unter welcher Adresse, in welcher Form ein solches Gesuch abgeschickt und abgefaßt werden muß. Vielleicht könnten Sie von selbem gleich eines nach dem Schema abfassen lassen, das ich auf der andern Seite geschrieben, und mir dann zuschicken, wo ich es dann in's[129] Reine schreiben ließe und vielleicht durch unsern Gesandten, den Fürsten Schönburg, an den ich empfohlen bin, an den Grafen Sedlnytzky befördern würde.

Sodann, wissen Sie, ob die dortige Behörde Ausweise über mein früheres Leben, über Vermögensumstände (es ist Alles in bester Ordnung) etc. etc. verlangt, und soll ich diese gleich im Gesuch mit vorbringen?

Endlich: wen schlagen Sie Friesen102 als Commissionär vor. Wir haben uns bereits an Haslinger und Diabelli gewandt, aber nicht die Antwort erhalten, wie wir sie gewünscht hätten. Und überhaupt wäre mir ein Buchhändler lieber, da ich dann nichts von etwaigen Eingriffen der Verleger zu befürchten habe. Friese bleibt nämlich nach wie vor Verleger (ich bin Eigenthümer); der Umzug ist ihm sogar lieb, da er dabei nur gewinnen kann. Auf die Zeitschrift käme somit die Firma einer Wiener Handlung und die von Friese.

Sollte ich Ihnen übrigens sagen, wie Manches Schöne ich mir von der Zukunft erwarte, wie die Zeitschrift dadurch großartiger, einflußreicher werden, eine Vermittelung zwischen Nord und Süden herstellen soll, so müßte ich neue Bogen anfangen, nämlich herunterschreiben. Sie sind der Einzige, den ich in Wien habe, den ich als so verständig wie tüchtig und bescheiden kennen gelernt. Werden Sie sich auch in mir täuschen? Werden Sie mir freundlich gesinnt bleiben? Hoffen Sie nicht manches Schöne von der Zukunft, die uns gewiß nicht trügen wird?

So schließ' ich denn mehr als je erregt und mit dankbarstem Herzen. Nehmen Sie sich meiner an; mein Lebensglück hängt mit daran; ich bin nicht mehr allein. Dieß Alles für Sie allein.

Heute haben wir den 5.; am 11. ist der Brief in Ihren Händen; bis zum 19. wären Sie vielleicht im Reinen und den 24. könnte ich Antwort haben. Mit Verlangen seh' ich ihr entgegen.

Ihr

Schumann.


Gesuch, woraus nun der gehörige juristische Brei zu machen:


Der Unterzeichnete, Sachse von Geburt, in Leipzig wohnhaft, Tonkünstler, Redacteur und Eigenthümer der neuen Zeitschrift für Musik, wünscht seiner Liebe zur Kunst, wie seiner geschäftlichen Verbindungen halber seinen bisherigen Wohnort Leipzig mit Wien zu vertauschen.[130] Die Zeitschrift, die nie andere als musikalische Interessen berührt hat, ist seit ihrem Entstehen (1834) in der Monarchie von höchster Behörde erlaubt und vielfach gelesen. Er sucht um die Erlaubniß nach, daß sie vom 1. Januar 1839 (oder vom 10. Band an), in Wien erscheinen dürfe. Ueber seine sonstigen Verhältnisse wird er alle erforderlichen Ausweise beibringen. Geschäfte halten ihn ab, eher als bis Mitte October selbst nach Wien kommen zu können, daher er schon jetzt sein Gesuch schriftlich einreicht, und um Berücksichtigung bittet.

(Dies Alles mit der gehörigen Gehorsamkeit.)


»Componiren kann ich besser, he? Nun nochmals Dank für Ihren lieben Brief. Vom Tagebuch hätte ich gern die Fortsetzung. Ihre Briefe habe ich sämmtlich richtig empfangen. Die Berichte über Liszt waren mir zu alt geworden, und im Anfang, da ich sie empfing, war nicht gleich Platz zum Einrücken. Was ist denn das police musicale? Wegen der Lieder müssen Sie einige Nachsicht mit uns haben; es liegen immer wenigstens gegen neunzig Hefte zum Recensiren da, so viel Lorenz auch abmacht. Bald sehen wir uns. Ich rauche viel Cigarren und sehe ziemlich roth. Wie viel kostet ein anständig Logis für ein Jahr? Womöglich eine Treppe? 100 bis 120 Thaler? Bitte, stehen Sie dem Fremdling bei! Adieu.«

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Fischhof, Josef (458)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 722, 141
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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