19.12.2019

Briefe



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ID: 5325 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 08.10.1840
 

Danzig d 8/10 40. Schon sehr kalt hier.
d 15/10 beendet.

Lieber Schumann!
Ihnen und Clara zu Ihrem beiderseitigen Glücke Glück zu wünschen thut wol nicht Noth, denn das Glück ist da. Clara muß sich höchst idealisch als Hausfrau ausnehmen; kocht sie auch schon? Meine Frau hat mir hierher geschrieben, daß sie eine Karte von Ihnen bekommen, und daß Madame Bargiel ihr erzählt habe, wie glücklich Clara sei. Sie sind aber auch wirklich mit ihr, wie Tamino durch Feuer und Wasser eines höllischen Prozesses gegangen, und bliesen nicht einmal die Zauberflöte; dafür hat Ihnen Clara nun aber auch den ganzen Lebenshimmel voller Geigen gehängt. Ach, lieber Freund! mögen Sie doch recht lange das lautere ungetrübte Glück dieser, in ihrer Art seltenen Verbindung genießen! Ich selbst stehe im Leben da wie ein armer Teufel, der durch die halboffene Saalthür in glückreicher Leute helle Zimmer schaut, und nicht den Fuß hineinzusetzen wagt. Mit mir wird’s nie etwas, überall treten tückische Dämonen mir entgegen und stören mit höllischer Schadenfreude alles was ich unternehme. Mit welchen Qualen und Aufopferungen habe ich diese Reise angetreten, und kaum bin ich in der dritten Stadt, so liegt die Sängerin brustkrank darnieder und mit dem Conzertgeben ist’s vorläufig aus. Das Wenige, was man erschwungen frißt das Gasthofleben wieder auf, und ich stehe wieder am Rande. Der hiesige Theaterdirector, Laddey heißt er, ist zur Zeit ohne Musikdirector, da der tüchtige Louis Schuberth nach Königsberg abgegangen und der neuengagirte, Pabst aus Riga noch nicht eingetroffen ist. Einstweilen ist das Directorat gegen ein Benefiz mir übertragen und so habe ich denn bereits Lortzings „beide Schützen“ und eine Wiener Zauber-Boufonnerie dirigirt. Heute, den 15ten wo ich dieses schreibe, denn der Brief ist mit überschriebenem Datum seit dem 8ten liegen geblieben, heute ist der Geburtstag des Königs. Rund um die Stadt, auf allen Festungs-Werken donnern seit Tagesanbruch die Kanonen, daß alle Fensterscheiben beben; namentlich ganz in der Nähe meiner Wohnung auf dem Ravelin St. Jacob arbeitet eine Batterie so vehement, daß ich jeden Augenblick befürchten muß, alle Scheiben klirren zusammen. Was ist das alles für unsinniges Specktakel, und dazu führe ich heut Abend noch eine Festouvertüre und einen Huldigungsgesang meiner Composition hier im Theater auf, welcher Lärm gar nicht viel angenehmer klingen wird. Ich habe Ihnen in Königsberg einen recht geistreichen u. musikalischen Correspondenten gewonnen, Hrn Referendarius Kuhn, der sogar nicht übel komponirt. Hat er bereits an Sie geschrieben? Hier in Danzig wüßt’ ich außer Dr. Emil Götz (Mediziner) Niemanden, der für die „Neue“ paßte, der aber auch sehr gut. Sie müßten etwas Verbindliches an ihn schreiben. Er bewegt sich in den höchsten Kreisen der hies. Gesellschaft, und von Honorar ist bei ihm nicht die Rede, wenn er schreibt. Mit Erröthen gestehe ich’s, daß in meiner Vaterstadt Elbing die „Neue“ gar nicht bekannt ist. Sie soll aber jetzt gehalten werden. Dort wär’ ein ganz guter Mitarbeiter Stadtmusikus Urban, der wol gegen ein Freiexemplar schreiben würde, wenn Sie es ihm antrügen. Die nähern Adressen von Götz u. Urban sind nicht nöthig. Hat Ihre liebe Frau, – wie klingt das?! – meinen ihr u. der Pauline dedicirten Phönix von Klemm bekommen? und hat er „Ernst u. Laune“, vierstimmige Lieder, eingereicht zur Recension? Wird der gute Lorenz, den ich zu grüßen bitte, mich bald wieder ein Bischen berühmt machen? Nun kommen noch zwei Bitten. Sagen Sie doch Mendelssohn, sobald er da ist, daß ich seinen freundlichen Brief vom 10 September in meiner Vaterstadt Elbing erhalten habe, daß ich mich erschreckt habe über die Mittheilung seiner schweren Krankheit – das fehlte blos noch, daß der drauf ginge, – und daß ich wegen meiner Concertcomposition (ein Ding für Soli, 8stimmige Chöre u. Orchester; weltlich) jetzt nichts Näheres bestimmen könnte, da ich nicht bestimmt weiß, wann ich nach Leipzig komme. Will er die Gefälligkeit haben, mir ein Paar Empfehlungen nach Hamburg, Petersburg, Moskau, Warschau zu schreiben, so möge er so gut sein dieselben an meine Frau, Marie Truhn Berlin Thierarzeneischulplatz 4 zu schicken. Die schö[nsten] Grüße an ihn! Außerdem könnten Sie lieber Schumann! mir [einen gro]ßen Liebesdienst erweisen, wenn Sie an meine Frau eine kleine [Summ]e Geldes adressirten; gleichviel wieviel oder wenig, und sich zu Gute schrieben; aber es müßte gleich sein, da ich jetzt nicht im Stande bin etwas zu schicken. Uebermorgen d 17ten werde ich 29 Jahr alt – und noch nichts für die Unsterblichkeit gethan! Aber den besten Willen hab’ ich dazu. Die herzlichsten Grüße an Ihre Frau und Sie. Leben Sie wohl! Bester! Glücklichster! Beneidenswerther!
Ihr F. H. Truhn, der Alte.

Bei einem Freunde fand ich hier die 11te Beilage, worin mein 4stimm. Lied. Es sind folgende Druckfehler drin, die Sie wol gleich in der Zeitung gefäll. verbessern. Seite 8 im 1ten Takt im 1ten Tenor muß heißen: XXXX Seite 9 im 1 Tackt 1 Tenor muß heißen XXXX. Sonst fand ich nichts. Das von Henselt gefällt mir nicht, das von Koßmaly ist gut gemacht, aber vom 3/4 Tackt schwach. Das von Ihnen werd’ ich mir singen lassen. Haben Sie nöthig an mich zu schreiben, so thun Sie es durch meine Frau. Sollten Sie diesen Winter mit Ihrer Frau in diese Gegend kommen, so spielen Sie jedenfalls in Danzig, Elbing u. Königsberg; ich habe die Leute ganz wüthend auf Sie Beide gemacht. Hier empfehle ich Ihnen die Claviere des jüngern Wiszniewski in Königsberg Gebauhr.

Sr. Wohlgeboren
Herrn Dr. Robert Schumann
Redacteur der „Neuen Zeitschrift für
Musik“
Leipzig
Eilt!
(Absender F. H. Truhn)

[BV-E, Nr. 1683:] Mit Correspondenz.

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: Danzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 845-849
 

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