19.12.2019

Briefe



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ID: 5393 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 20.05.1842
 

Leipzig, 20 Mai 42.
Geliebter Zürnender!
Die starke Gardinen-Predigt, die Sie mir gestern bei bayrisch Bier u. in Gegenwart eines Dritten hielten, veranlaßt mich zu folgenden bescheidenen Bemerkungen, die ich in Gegenwart eines Zeugen nicht laut werden lassen mochte. 1, Scheint mir der fragliche Passus gar nicht der Art, daß er Sie, den Dr. Robert Schumann im Kleinsten persönlich beleidigen könnte. 2, Sind Sie viel zu sehr productiver Künstler u. poetischer Kopf, als daß Sie jemals alle Uesançen eines Redacteurs kennen lernen, viel weniger haarscharf befolgen werden, denn die Entschuldigung: Sie hätten nicht gewußt, wo ich stecke, um mir die fragl. Angriffe zur Durchsicht einzusenden, ist nicht haltbar, da ich Sie stets von meinem Aufenthaltsort in Kunde gesetzt, zb. aus Krakau, Breslau, Dresden etc. Ueberdem hatte ich Ihnen geschrieben, daß meine Frau stets meine Adresse wisse, u. die Adresse meiner Frau war Ihnen ja bekannt, so daß ich mindestens auf diesem Wege Ihre Zuschickung sicher erhalten mußte. 3, Kamen Sie gestern wiederholentlich darauf zurück: ich könne nicht mehr Aufmerksamkeit von Ihnen erlangen als Sie mir in der fragl. Affaire bezeigt. Dies hat mir nicht recht von Ihnen gefallen, denn einmal habe ich nicht mehr Aufmerksamkeit verlangt, als mir bisher jede Redaction deren Mitarbeiter ich war, bewiesen hat. Daß Sie von jenem stillen Uebereinkommen, jenen Gebräuchen zwischen Redacteur u. Mitarbeiter nicht genau unterrichtet sind, haben Sie mir schon anderwärts gezeigt zb. als Sie mir es einmal für eine Bevorzugung anrechneten, daß Sie mir die Porto’s für eingehende Beiträge nicht vom Honorar abzögen. Weder der Hamburger Correspondent, noch die „Elegante“ haben das jemals anders gemacht, u. so viel ich weiß thut das kein Blatt in dem anständigen Range Ihres Journals. Uebrigens glaubte ich wirklich etwas mehr als die ganz gewöhnliche Redactions-Aufmerksamkeit von Ihnen beanspruchen zu dürfen, u. am wenigsten möchte ich’s um Ihre verehrte Frau Gemahlin verdient haben, daß Sie mich auf der Promenade so fremd u. eiseskalt begrüßte. Bescheidenheit verbietet mir diesen zarten Punkt hier näher zu erörtern, wie ich denn auch bisher stets dazu geschwiegen, wenn in Ihrer Zeitung – in meiner Abwesenheit von Berlin – Artikel von andrer Hand erschienen; die meiner höchst absprechend erwähnten, oder wenn ein Julius Becker über Compositionen von mir aburtheilte, – („gemachte Salonlieder“ etc. nannte) – die freilich anders sind, wie der Gute sie zu machen u. zu capiren im Stande sein mag. Auf eine Lobhudelei quand même habe ich’s nie abgezielt, wie Sie mir zutrauen werden, und das freie Urtheil in Ihrer Zeitung über Mitarbeiter ist mir immer höchst achtbar erschienen; allein eine absprechende Kritik über Sachen, die ich für gut halte, räume ich nur Leuten ein, die ich in musikal. Dingen höher achte, als mich selbst zb. Ihnen oder Mendelssohn, nicht aber Hr. J. B. Daß Friese kein Recht habe, solche u. ähnl. Inserate zurückzuweisen ist ein Irrthum, u. schwerlich dürfte er’s wagen einen Schillingschen Angriff gegen die Redaction der Zeitung aufzunehmen, da das Intelligenzblatt nur gehalten ist, gewöhnl. Annonçen aufzunehmen. Schließlich: Polonius: „Die Schauspieler sollen nach Verdienst behandelt werden, mein Prinz!“ Hamlet: „Ei was! viel besser Mann! behandelt jeden nach Verdienst, und man ist vor Schlägen sicher.“
Im Uebrigen, u. im Ernst bleibe ich Ihr mit wahrer Hochachtung u. Freundschaft ergebener

F. H. Truhn
Im großen Blumenberg No. 22.

Sollt’ ich noch heut nach Weimar abreisen müssen, so sage ich Ihnen hiermit ein herzliches Lebewohl!

Sr. Wohlgeboren
Herrn Dr. Robert Schumann
Redacteur der neuen Zeitschr. f. Musik
Per Adr. der Buchhandlung v. R. Friese
auf d. Nicolaikirchhofe
Man bittet gleich hinaus zusenden.

[BV-E, Nr. 2255]

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 882-885
 



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