15.07.2019

Briefe



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ID: 546 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 11.08.1839
 

Leipzig, den 11. August 1839.

Meine theure Freundinn,
Ihren Brief fühlte ich im Dunkeln; ich bekam ihn nämlich spät Abends und wußte gleich von wem – ist das nicht schön? Oft wohl hab ich Ihrer gedacht, kränkele aber selbst fortwährend und war auf 14 Tage verreist, u.a. in Berlin, wo ich mich sehr ergötzt an der Bauart der Häuser, auch der Menschen, die mir zum Theil wohlgefielen. Taubert war nicht da, ist augenblicklich in München. Man sieht wenig Menschen in Berlin in den Straßen, die nicht ein Buch in der Hand hätten; ist Ihnen das nicht aufgefallen? In Wien hält man sich lieber an Victualien u. dergl. Von Musik hörte ich nichts, wie es auch in Leipzig ganz still hergeht; es ist aber auch ganz gut so, und mir namentlich will nichts mehr als das Meisterliche behagen. Das macht denn auch manchmal misanthropisch. Da rette ich mich immer in Bach und das giebt wieder Luft und Kraft zum Wirken und Leben. Haben Sie nichts Sebastian'sche mit bei sich? Aber Sie bleiben mir überhaupt zu lange aus und müssen bald wiederkommen. Auch sind drei neue Compositionen (aus Wien) angelangt und warten auf Sie – darunter eine Humoreske, die freilich mehr melankolisch und ein Blumenstück und Arabeske, die aber weniger bedeuten wollen; die Titel besagen es alle ja auch und ich bin ganz unschuldig, daß die Stengel und Linien so zart und schwächlich. Nun wünschte ich nur, die Sonate käme, damit die Welt sähe, wem ich sie zugeeignet in alter Zuneigung. Bestünde freilich das Publikum aus lauter Eleonoreus, so wüßte ich wessen Werke reißend gedruckt und gespielt würden. So aber giebt es nur wenige. Nun, meine liebe theure Freundin, bleiben Sie auch frisch an Muth. Ihr Wahlspruch »es kann ja nicht immer so bleiben« halte Sie nur aufrecht; es muß ja besser werden. Senden Sie mir auch manchmal und oft ein Wort, damit ich weiß, wie es Ihnen geht. Wir sprechen viel von Ihnen, und viele Theilnehmende harren immer Ihrer Nachrichten. Bis wann denken Sie in Leipzig zurück zu sein? Schreiben Sie mir womöglich den Tag! Möchte er Ihnen nahe sein und Sie kräftig und ganz genesen zurückbringen.
An H. Voigt meinen herzlichsten Gruß, und an Ottilien und ihre großen blauen Augen; die passen in meine Kinderscenen.
In meinem sonstigen Leben ereignet sich manches in der nächsten Zeit, von dem ich Ihnen mündlich berichte.
Adieu nun und pflegen und schonen Sie sich.
Bis auf baldiges Wiedersehen
Ihres
alten
R. Schumann.

Ihro Wohlgeboren
Madame Henriette Voigt, geb. Kunze
aus Leipzig
derzeit in
Salzbrunn
in Schlesien
(Im Elisenhof?)

[BV-A, Nr. 573:] Freundschaftsbrief.

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Voigt, Henriette (1630)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 103-106
 



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