19.12.2019

Briefe



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ID: 5539 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 25.11.1840
 

Berlin den 25. Novbr 40.
Ich eile, geehrtester Herr, Ihre mir sehr werthe Zuschrift zu beantworten, weil sie einen allerdings gerechten Vorwurf gegen mich enthielt; den, meinen Namen von der schillingschen Unternehmung ungeachtet meines vollkommenen Dissenses mit ihr noch nicht zurückgezogen zu haben. Dies ist jetzt geschehn. Unter dem 20. dieses habe ich meinen Rücktritt vom Verein durch ein zunächst an die Herrn KM. Reissiger, Schneider, Spohr und die andern Mitglieder des Vorstandes gerichtetes Rundschreiben erklärt. Es wäre früher geschehn, hätte mich nicht erst Rücksicht auf diese ältern Mitglieder des Vereins, dann die gänzliche Vertiefung in den 3. und 4. Theil der Kompl., die nun in Druck kommen, abgehalten: ja ich, würde dem Vereine gar nicht beigetreten sein, hielte ich nicht für Pflicht, meine Beihülfe nirgend zu versagen, wo nur eine Aussicht zu gemeinsamen und ersprießlichem Wirken vorhanden ist. Da diese nur zu bald schwand, so habe ich wenigstens nicht den geringsten Antheil an den Jahrbüchern genommen. Dies im Verein mit meinem jetzigen förmlichen Rücktritte wird genügen. Vielleicht haben Sie die Gefälligkeit, gelegentlich ganz einfach anzuzeigen: ich hätte mich aus dem Verein, unter dessen Namen die pp Jahrbücher edirt würden, zurückgezogen, auch – eine Bekanntmachung über mein Lehrsystem ausgenommen, die in allen mus. Zeitungen inserirt worden sei – niemals zu diesen Jahrbüchern irgend einen Beitrag geliefert. Gewiß werde ich dagegen mir eine Freude daraus machen, meinen Antheil an Ihrer Zeitschrift zu beweisen, sobald ich nur aus der jetzigen Ueberlast der Arbeiten (ich habe täglich 2 Collegia und 4 Privatissima über Kompositionslehre und dabei mein Werk zu vollenden) erlöst bin. Am wenigsten würde ich aber Lust finden, gegen Schilling aufzutreten, weil ich da zum Theil wenigstens meine eigne Sache mit verfechten müßte (denn er hat mich ja eben so wohl bestohlen, als die andern und wird in seiner Geschichte es wahrscheinlich noch viel mehr gethan haben) was ich für unfruchtbar halte. Dagegen verstehe ich die von Ihnen angeregten Bedenken, – man werde einen Schritt Ihrerseits mißdeuten können – nicht. Was kann nicht mißdeutet werden und wird es nicht? zumal von dem Redakteur einer Zeitschrift, die nothwendig, sie mag es machen, wie sie will, hundertfache Interessen berührt oder vernachlässigt. Ich bin weit entfernt, Ihnen zureden zu wollen, wo nur Ihre eigne Ueberzeugung zu entscheiden das Recht hat. Soll ich aber freimüthig meine Ansicht aussprechen, so stehen eben Sie mit Ihrer Zeitschrift auf einem Punkte, wo Sie für die Sache, der sie sich widmet und für die Zeitschrift selbst eine unberechenbare Wirkung entfalten können. Der Kampf des Alten und Neuen hat erst begonnen und wird sich nicht blos durch Noten entscheiden, aber auch nicht blos durch Bücher, sondern bedarf allseitig angeregter Theilnahme und Besprechung, frischen rücksichtslosen und furchtlosen Hineingreifens. Wollen Sie das Gegentheil von dem sehen, was Noth thut, so nehmen Sie irgend ein Quartalheft der Finkschen Zeitung. Keines der Interessen, um die es sich handelt, wird da vertreten. Die Leistungen der neuen Komponisten und die der Ältern, das alte und das neue Lehrsystem, Rückwärts und Vorwärts, alles gilt dem Manne gleich, wenn nur das Blatt voll wird. Die irrigste Entwickelung, wenn sie nur ein bestimmtes Ziel und Interesse verfolgt, scheint mir fruchtbarer, als dieses schale juste milieu, das gar nichts ist, weil es nicht den Muth hat Eins oder das Andre zu sein und nicht die Kraft, sich aus den widerstreitenden Elementen zu dem Höhenpunkte zu erheben, in dem beide sich versöhnen und eine höhere Einheit werden. Was geht es uns an, ob Frank von Kölln im Herbst oder Frühjahr geboren und ob der Tanzkrampf durch Musik oder durch Brechweinstein geheilt wird? Darum handelt es sich: zu wissen, was uns in den neuesten Pianisten u. s. w., – oder in den neuesten Opern oder Oratorien gegeben ist? – welcher Fortschritt und ob ein Fortschritt von Händel oder Haydn auf Schneider oder Mendelssohn, von Gluck oder Mozart auf Beethoven oder Spohr oder meinethalb Adam geschehen – was noch zu thun, zu lernen, zu schaffen ist? – ob wir bei Albrechtsberger oder Weber stehen bleiben, – oder mit dem renommirenden Dehn noch ein Paar Jahrhunderte rückwärts – oder vorwärts sollen, ob Theorie und Kunst sich jemals versöhnen oder noch aus dem Grabesscheiterhaufen, wie bei der Bestattung des Eteokles und Polynikes, in ewig geschiednen Flammen verlodern sollen? – ob stets und ewig jeder Hanstapps, hier Schilling, dort Rellstab, hier Dehn, dort Fink richtend und lehrend die Musiker verwirren soll, während er niemals ein Rondo oder eine Fuge zu Stande brächte, oder ob endlich die Männer vom Fach und von Liebe für das Fach sich und die schwächern oder unsicheren Brüder aufrichten sollen. Kurz, ich bin überzeugt: wenn Sie und Ihre Freunde, Kahlert, Keferstein, der treffliche Becker u. s. w. sich ernstlichst zusammenthäten, Ihren Kreis mit tüchtigen in Noten und Wort bewanderten, besonders jüngern Kunstgenossen bereicherten, – auch der Verleger, sofern es nöthig sein sollte (was ich nicht weiß) etwas Rechtes daran setzte – und Sie alle gewissenhaft und ohne Rücksicht und Rückhalt die lebendigen Interessen der Kunst und ihrer Wissenschaft – zwischen welchen in ihrer Natur nach die Zeitschrift vermittelnd und vereinend steht – mit unermüdlichem Eifer verträten: dann würde die Wirkung eine große und dabei sicher für Redakteur und Verleger eine lohnende sein. Vielleicht werden sich nie wieder so günstige Konjunkturen für eine Zeitschrift in unserer Kunst mit jungen Kräften und redlichem Willen und Streben zeigen. Doch – verzeihen Sie dem unberufenen Rathgeber! Es ist das Interesse der Sache und die Vorstellung die ich mir längst von Ihrem Standpunkte gemacht, der mich vielleicht weiter geführt hat, als ich berechtigt war, ohne Ihre Anfrage zu gehen. Aber ich sehe zu klar, was geschehen müßte und welche Folgen es haben würde. Ich bitte, mich Ihrer verehrungswürdigen Frau Gemahlin (die ja auch aller Zeiten Blüte so lieblich und ausspendend zum Kranze windet) und Herrn Becker, Ihrem und meinem Freunde, zu empfehlen.
Ihr
Sie hochschätzender
A B Marx.

N.S. Hat Ihnen Peters meine neuen Männerchöre geschickt? Kriegen Sie von Br. u. H. meinen Ruhegesang? Bald kommt mehr.

Herrn Robert Schumann,
Redakteur der neuen Zeitschrift
für Musik,
Wohlgeboren,
in
Leipzig.
frei

  Absender: Marx, Adolph Bernhard (1017)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
420-424
 



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