19.12.2019

Briefe



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ID: 5621 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 01.11.1839
 

Berlin d 1/11 39. Morgens.
Lieber Freund!
Sie hat gestern wundervoll gespielt und heut reist sie fort! – Das Erfreulichste und Abscheulichste was man in so wenig Worten sagen kann. Heut sprach ich Sie noch nicht, aber gestern als [sie] sich zum ersten Stück vor den Flügel setzte, lächelte Sie mich so hübsch verwirrt, ängstlich an, daß meine neben mir sitzende Gattin mich ganz leise in den Arm kniff, und ich an das schöne Bild von Francesco Melzi denken mußte, wo Vertumnus in Gestalt einer alten Frau die süß-verwirrte Pomona besucht. Meine Frau ist nun weder alt noch häßlich, sondern von beidem das Gegentheil wie die Leute behaupten, aber da sie kniff, kam sie mir wie Vertumnus der lächelnden Pomona gegenüber vor, die nun eben im Begriff stand das Füllhorn ihrer Paradieses-Früchte uns durch das Ohr in die Seele zu stürzen. Wie man doch gleich poetisch wird, wenn einen Jemand anlächelt und hinterher wundervoll in die Saiten stürmt, während man an der andern Seite ganz menschlich in den Arm gekniffen wird.
Beikommend das Gewünschte an Brockhaus. Wenzel läßt sich’s in der Staatszeitung nicht nehmen, aber er ist entzückt und wird sich was angreifen. Nun bleibt mir noch der Hamburger, die Elegante und die Neue, wo [ich] mich aussprechen kann. Für „Nordlicht“ von Mettler habe ich schon nach dem ersten Auftreten geschrieben. Suchen Sie ‚6‘. Beikommend für die „Neue“ interessantes Allerlei und Rokoko. Nächstens Correspondenz, Kritik über ein musikal. Taschenbuch „Orpheus“ für 1840 und Müller’s „Burgmüller“. Eichler wird an Sie geschrieben haben. Das Pesther Blatt heißt nicht „Spiegel“ sondern „Pesther Tagsblatt“. Jetzt zieh ich mich an und gehe zu Clara. Morgen ist hier Reformationsfest und der Messias in der Garnisonkirche wozu bereits über 600 Billets verkauft sind. Adieu lieber Freund
Ihr
F. H. Truhn

[BV-E, Nr. 1393a:] Mit kl. Artikel.

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 811-815
 



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