19.12.2019

Briefe



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ID: 5749 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 05.10.1838
 

Berlin 5 October 38.
Hochverehrter Herr und Meister!
Gestern glücklich von einer Reise nach Rügen in die hiesige Sandstadt zurückgekehrt, beeile ich mich, den besten und schönsten Dank für Ihr Schreiben vom 2ten Sept. darzubringen. Als ich am 8 Sept. 11 Uhr auf Stubbenkammer war, erhielt und las ich Ihre mir so werthe Zuschrift, im Angesicht der ungeheuren Kreidefelsen und der damals musikalisch wogenden Ostsee, (vielleicht begrüßte auch sie das Schreiben des Meisters so freudig, als ich) und glauben Sie, verehrter Herr, daß ich mit diesem geschriebenen Talisman zufriedener und heiterer das großartige Schauspiel der Natur genoß. – Erlauben Sie wohl, daß ich Sie mit meinem kleinen Leben ein wenig genauer bekannt mache. Mein Vater, früher in Breslau wohnhaft, ließ mir auf der Violine einen guten gediegenen Unterricht geben, so daß [ich] im 9ten Jahre zum erstenmale öffentlich auftrat. – Von da bis in mein 15tes Jahr spielte ich ununterbrochen in Concerten, auf dem Theater; indeß waren wir 1832 nach Berlin gezogen, wo wir (meine Schwester und ich[)], mit vielem Beifalle aufgenommen wurden. Sie würden es für arrogant (und zwar mit Recht[)] halten, wenn ich es wagte, über mein Spiel einige Rezensionen einzusenden. Sollten Sie vielleicht die Iris oder sonstige Blätter zu Gesichte bekommen, so werden Sie in den Jahren 1832–34 so manches Lobenswerthe über die Geschwister Stern hören. Seit März 1834 habe ich nicht öffentlich gespielt, denn ich glaube, in den Kinderjahren wird man als Kind beurtheilt, aber von dem Jünglinge will man mehr; ich übe fleißig, um dann vollendeter aufzutreten. Meine Schwester, die, wenn ich nicht zu viel sage, wohl Klaviervirtuosinn genannt werden kann, aber nie mehr öffentlich auftreten wird, erfreut sich und einen kleinen Zirkel Kunstfreunde durch gediegenen Vortrag Ihrer und Ihrer Schule Werke. Vergeben Sie, wenn ich so ausführlich und ich möchte sagen unbescheiden schrieb, aber nun wissen Sie doch, daß ich und die Meinigen Sie, verehrter Meister, schon aus Ihren Schöpfungen kennen, und glauben mir wohl nun eher, daß ich die Ehre zu würdigen, wenn der Schöpfer solcher Werke, so liebreich an einen Anfänger schreibt. – Auch dies mal komme ich wieder mit einer Bitte. Darf ich wohl fragen, wann vielleicht die beiden Lieder in der Beilage erscheinen? – Ich möchte gern zum 15 November der Sängerinn, der ich die Lieder gewidmet habe, durch den Druck derselben, eine kleine Freude bereiten. Rathen Sie mir wohl, ob ich die Lieder nach dem Erscheinen derselben in der Beilage mit dem ganzen Heft irgendwo drucken lassen kann? – Auch dies mal bin ich so frech, denn ich kann gar keinen andern Ausdruck für die übergroße Freiheit, die ich mir nehme, Sie, hochverehrter Meister, um ein paar Worte Antwort zu ersuchen, die überaus glücklich machen werden den, mit der größten Verehrung und Hochachtung für Sie, beseelten
Julius Stern
Rosenthaler Str 14a.

[BV-E, Nr. 1114: –]

  Absender: Stern, Julius (1546)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
646ff
 

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