23.11.2019

Briefe



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ID: 5765 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 26.02.1840
 

Berlin d 26/II 40
Lieber Schumann,
Ihre Hieroglyphen-Zuschrift vom 15 d. M kann ich bereits bis auf einen kurzen Schlußsatz lesen. Die einzige Sybilla, die diese Runenschrift zu entziffern weiß, ist leider nicht gegenwärtig in Berlin, ich muß also das Verständniß dieses Satzes bis zu deren Rückkehr aufschieben. Sie hoffen, daß es Ihnen am Ende des Monats möglich sein werde mir Geld zu schicken, was mir sehr lieb sein wird. Also die Berechnung liegt auch für mich fertig. Gut! Auf Ihre Gesangkompositionen bin ich sehr gespannt. Schicken Sie bald was. Es ist doch nicht gar eine Oper, das wäre! Sie rufen mir zu, ich soll komponiren. Ach, lieber Freund. Wenn mir die Frühlingsluft so lau um die Nase weht, hell Mittagswolken so still und schön über den blauen Himmel schiffen, und die Sperlinge auf den schwitzenden Bäumen, die schon den Auferstehungsschauer in den Adern spüren, vor meinem Fenster zu Haufen hüpfen und schreien und zwitschern: – da ist mir’s oft, als hört ich eine altbekannte Stimme mich beim Namen rufen, und mir erzählen von all’ den schönen Gedanken u. Ideen die früher mal in Kopf u. Herz mir wohnten. Aber die Stimme wird immer schwächer und spricht immer seltner zu mir, wie aus weiter, weiter Ferne, und ich stehe dann wie im Traum und blinzle gedankenlos in die hellen Frühlingswolken hinauf, die mir das Auge blenden. In solchen Augenblicken sehe und höre u. fühle ich zuletzt gar nichts mehr. Später ist’s mir dann, als wär’ ich eine Weile ganz todt und seelig gewesen. Vielleicht raff’ ich mich noch einmal auf, und es wird was Rechts. Aber ich zweifle, daß mir’s gelingt die Ketten abzuschütteln. Hier ist die Novelette von der ich schon mehrmals sprach. Ich las das Ding gestern bei Theodor Mundt einer kleinen Gesellschaft vor, und es langweilte nicht sondern amüsirte bis zum Schluß und man lobte mich. Mögen Sie auch Gefallen finden. Streichen Sie mir aber nichts; mit der einen Stelle die Sie persönl. angeht ist’s natürlich ein Anderes. Doch halt ich sie gar nicht für schlimm, und ich stehe ja mit meinem Namen für alles ein zuletzt. Strengste Correctur! Wegen dem Wiener Orpheus v. A. Schmidt fand sich nichts in Ihrem letzten Briefe. Was ist’s mit der Nürnberger Correspondenz? Kennen Sie die Redaction? Ich bin geneigt Kunstberichte dafür zu schreiben, wenn sich die Redaction an mich wenden will deshalb. Wo ist Clara jetzt wol? Sie hat meinen Brief vom 11ten d. M. nach Hamburg, den ich ihr hier versprechen mußte, nicht beantwortet. Ist aber sehr zu entschuldigen, was ich auch thue. Die „Elegante“ steht mir jederzeit offen, jedoch nimmt Mundt nach dieser Seite meine Thätigkeit für den Freihafen u. Piloten in Anspruch. Müllern traf ich bald und sagte ihm wegen des Liedes von Burgmüller. Schickte er’s schon? In Burgmüller’s Liedern find ich viel Aehnlichkeit mit mir, nur kenn ich noch nichts Humoristisches von ihm, das ihm aber wol schwerlich gemangelt hat, da er stark im Ernste. Doch singen lassen sich meine Lieder besser, dafür hat er aber eine Symphonie geschrieben, die Ihnen gefällt und ich gern hören möchte. Kommt denn nun endlich das Shakespeare-Lied von mir in die Beilage? Hat Schlesinger die „nordischen Liedergrüße“ Op. 35. eingesandt, oder hat er das Exemplar, das er an Fräul. Clara gab, dafür gerechnet. Es ist möglich, will fragen. Die Ouvertüre von Berlioz hat viel zu sprechen gemacht hier, die beiden Esel in den Zeitungen divergiren mit der Meinung des Publikums, das nahe daran war die Ouvert. dacapo zu fordern. Auf das Ueberlob des Weimarschen Lobe stimm ich aber nicht ein. Berlioz müßte wirklich herreisen u. aufführen. Er würde Geld verdienen. Banck ist noch nicht da. Auch traurig. Adieu! liebster Mensch!
F. H. Truhn.

Allerdings haben Sie recht, die Zeilen vom 15 d. M waren Ihre ersten an mich seit Weihnacht. Aber auf dies’ hoff’ ich bald Antwort. Kommen Sie selbst?

[BV-E, Nr. 1475:] Mit Novelle.

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 829ff.
 



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